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Die Welt der Rat-Rods

Michelin-LogoMichelin 07.06.2017
© Jeb Greenstone

Wir schauen auf seltsame und wunderbare Kreationen, die tiefer gelegt, laut, verkürzt und rostig sind...

„Rat-Rod“ ist wohl der am meisten missbrauchte Begriff im gesamten Lexikon der Autofanatiker. Der Begriff hat sich ursprünglich in den frühen 90er Jahren eingebürgert, um damit die stark übertriebenen Versionen der „Jalopy-Hot-Rods“ im 50er-Jahre-Stil zu beschreiben – niedrig und laut, mit riesigen Hinterreifen und leistungsstarken Motoren. Sie wurden in der Regel mit einem kleinen Budget aus wiederverwendeten Teilen gebaut und sahen, ehrlich gesagt, auch so aus.

„Was ihnen an Schnickschnack, Komfort und Raffinesse fehlte, machten sie mit ihrer Persönlichkeit, Originalität und ihrem Temperament wett.“, sagt Leslie Kendall, Kurator des Petersen Automotive Museums in Los Angeles. „Auf diese Weise waren sie eher wie die ersten Hot-Rods.“

Im Laufe der Jahre wurde der Begriff dann verwendet, um „alles mit Patina und frei liegenden Rädern" zu beschreiben, erklärt der Custom-Hot-Rod-Schöpfer Jeb Greenstone, Besitzer, Designer und Chef-Konstrukteur bei Cutworm Specialties in North Carolina.

Trotzdem bewahren echte Rat-Rodder noch den Geist des Hot-Rods und haben Spaß dabei.

Eine kurze Geschichtsstunde

Die Rat-Rod-Bewegung wurde in den späten 80er Jahren von Hot-Rod-Schöpfer Jim „Jake“ Jacobs, ehemaliger Miteigentümer von Pete & Jakes Hot Rods in Peculiar, Missouri, inspiriert. Verärgert über die zunehmende Dominanz der Pro-Street-Cars, die auf einem Anhänger von Ausstellung zu Ausstellung gekarrt wurden und nie auf der Straßeanzutreffen waren, beschloss Jacobs einen Hot-Rod alter Schule aus Teilen zu bauen, die er aus dem Schrotthaufen seines Geschäfts für das 1987er Goodguys West Coast Nationals Fest in Pleasanton, Kalifornien zusammensuchte. Er schuf ein Fahrzeug, das der Ära der Do-it-yourself-Handwerkskunst alle Ehre erweisen würde.

Das war jedoch nicht der erste „offizielle" Rat-Rod. Diese Ehre gebührt dem „Eights and Aces“ des in Los Angeles ansässigen Pop-Art-Künstlers Robert Williams. Williams arbeitete in den 60er Jahren als Artdirector für den legendären Hersteller von Custom Cars Ed „Big Daddy“ Roth. In den frühen 90ern nahm Williams sich vor, einen Hot-Rod wie einen von denen zu bauen, die er als Kind erlebt hatte. Das Ergebnis war der Eights and Aces. Der verstorbene Hot-Rod-Magazin-Redakteur Gray Baskerville stempelte ihm die Bezeichnung Rat-Rod auf und der Begriff blieb hängen. Die Rat-Rod-Bewegung war geboren.

Der Purist

Heute ist aus Rat-Rod ein eigener, voll entwickelter Unterbereich des Hot-Rod geworden. Während die meisten Hersteller von Rat-Rods dem treu geblieben sind, was sie in erster Linie inspiriert hat, gleicht nicht ein Rat-Rod dem anderen. Sie bedienen das gesamte Spektrum vom gehobenen Fahrzeug mit maßgeschneiderten Schalensitzen und anderen Zubehörteilen bis hin zum schlecht montierten Haufen Schrott, der von Liebhabern zusammengeflickt wurde, die in ihren Rostkisten schwelgen.

© Jeb Greenstone

Greenstone von Cutworm ist ein Purist. Er ist davon überzeugt, dass Rat-Rods ein Feuerwerk von Design- und Konstruktionstechnik darstellen sollten. „Das Handwerkliche muss ans Tageslicht gebracht werden", erklärt er. „Vollkommene Bloßlegung. Stärken und Schwächen, Erfolge und Misserfolge. Man öffnet sich dem prüfenden Blick, man begrüßt ihn. Man stellt seine Fähigkeiten auf die größte Probe. Dem prüfenden Blick der Öffentlichkeit."

Greenstone wählt einen anspruchsvolleren Ansatz für seine Konstruktionen. Er verwendet nur wenige gebrauchte Teile und das nicht, weil er ein Snob ist. „Ich konnte keine günstigen Teile in guter Qualität finden, deshalb stelle ich das Meiste, das ich brauche, selbst her", sagt er.Jetzt ist es zur besten Methode geworden, seine Visionen zu realisieren.

Trotzdem sind seine individuellen Kreationen „zum Fahren gebaut worden und nicht, um sie auf einen Anhänger zu laden".

Der Bau von Greenstones erstem Rat-Rod dauerte mehr als 10 Jahre, erzählt er: „Vor allem, weil ich keinen Ford Model A finden konnte, der sowohl in gutem Zustand als auch erschwinglich genug war, um ihn wiederzuverwenden." Statt aufzugeben, dachte Greenstone: „Warum fertige ich nicht einen davon komplett neu an?"

Das Ergebnis war der „Close Enough" (Bild oben), ein handgefertigter, individueller Hot-Rod, der von Grund auf neu aufgebaut ist. Er vereinigt die Eigenschaften von Retro-Styling und Funktionalität, die seit der Gründung im Jahr 2006 im Mittelpunkt der Konstruktionsphilosophie von Cutworm Specialties steht, während sie zur gleichen Zeit einen Traum halbwegs wahr werden lassen kann.

Greenstones Folgeprojekt, der „Aluminium Dual“, war sogar noch beeindruckender und brachte ihm und seinem Shop einiges an Bekanntheit und Ruhm.

Der Traditionalist

Robert Killian aus Georgia in den USA ist eher ein Traditionalist. „Ein Rat-Rod ist das, was auch immer sein Besitzer aus ihm machen will," sagt Killian. „Man kann ihn als anspruchsvolles Fahrzeug oder mit nur einem Cent in der Tasche herstellen. Es kommt nur darauf an, was man sich leisten kann. Ich bevorzuge die anspruchsvollen Fahrzeuge, aber ich schaue auch nicht auf andere herab."

© Robert Killian

Killians Designphilosophie ist eine andere als die von Greenstone. Killian kauft gerne unvollendete Rat-Rods und baut sie dann neu auf: „Ich kann sie nehmen und erkennen, wo sie Verbesserungspotenzial haben."

Killians erster Rat-Rod war ein 1948er Diamond-T-Abschleppwagen namens Rat Rod Wrecker (Bild oben). Von der Amboss- und Pflugspitze auf dem Kühlergrill über die geflammte Luftfilterabdeckung und das geteilte Heckfenster im Safari-Stil, bis zum alten Kühler, der Tierfalle auf dem Fußboden und dem Taschenuhrhalter auf dem Armaturenbrett, ist der Wrecker eklektisch und einzigartig.

© Robert Killian

Killian wurde auch zum YouTube-Star mit „Uncle Jed“, dem selbsternannten schnellsten Rat-Rod auf dem Planeten. Basierend auf einem 1928er Ford Model A, hat Uncle Jed sowohl noch seine Originallackierung als auch diesen verkürzten und tiefer gelegten Look alter Schule zu bieten. Er wird von einem 2.000 PS starken, 13,5-Liter großen Ford Hemi-Motor angetrieben, der mehr als 2.200 Nm Drehmoment entwickelt und aus dem Hause Jon Kaase Racing Engines stammt.

Die Schrottplatz-Karre

Schließlich kommen wir auf dem Fassboden an, beim Karikatur-Auto. „Nur weil du einen Haufen von Kettenrädern nimmst und sie auf die Motorhaube eines rostigen alten Trucks schweißt, bedeutet das nicht, dass das ein Rat-Rod ist“, meint Greenstone. „Eine Kirmeskarre, nichts mehr. Und sicherlich kein Hot-Rod."

Aber Killian sieht das nicht ganz so extrem. „Nicht jeder hat das Geld oder die Vision, einen guten Hot-Rod zu bauen", sinniert er. „Du musst ein Ziel haben, und du musst eine Vision haben."

In den USA – und zunehmend auch weltweit – reden Rat-Rodders stolz über ihre Konstruktionen. Und alle sind ein Beweis dafür, was man mit ein bisschen Zeit, Herumbasteln und viel Fantasie erreichen kann.



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