Sie verwenden eine veraltete Browserversion. Bitte verwenden Sie eine unterstütze Versiondamit Sie MSN optimal nutzen können.

Ein Wow-Effekt, dem zwei Zylinder reichen

Die Presse-Logo Die Presse 12.04.2019 Von WOLFGANG GREBER
© Bereitgestellt von Styria Digital One GmbH

Der neue Ford Focus zieht in der Benzinerversion bis zu 182 PS aus einem Dreizylindermotor, der bei mäßiger Belastung mit nur zwei Zylindern läuft. In der Topversion Vignale ist der Focus wirklich schön und gut gelungen.

"Wow" war das erste Wort, dass einem beim Erstkontakt mit diesem Testwagen über die Lippen hauchte. Da stand ein langer, eleganter Schlitten, der mit seinen auf französische Art geschwungenen Linien und breiten Radkästen auf seltsame Weise Schlankheit und Stämmigkeit vereint, mit viel, aber nicht zu viel Chrom an den richtigen Stellen, einem ausdrucksvollen, walhaiartigen „Gesicht" und mit leichtmetallbefelgten Breitreifen, die das Gesamtwerk tragen wie vier Atlanten die Weltkugel.

Einige Tage später folgte noch ein Wow. Doch das hatte mit einem anderen Auto zu tun und war negativ gemeint, dazu später.

Kaum zu glauben, dass der altehrwürdige US-Autohersteller Ford sein Brotmodell, den Focus, schon seit 21 Jahren baut, beginnend 1998 für Europa. (Kann sich noch jemand an den Vorgänger, den kantigen Escort, erinnern?) Seit 2018 kommt der Focus (außer in Nordamerika, wo die Fertigung im Mai endete) in vierter Generation aus den Werken - für Europa aus einem im Saarland (es gibt noch eines in Russland).

Bei Ford ist man nicht müde zu trompeten, wie toll doch die neue Generation gelungen sei, dass man sie von Grund auf neu entwickelt und designt habe, mit „dem Menschen im Mittelpunkt", bisher unerreichter Verarbeitungsqualität und „expressiver Formensprache". Wow!

Es geht auch mit zwei Zylindern

Nun, das kann sich wirklich sehen lassen: speziell der Top-Focus in der Kombiversion Traveller und der Edelausstattungslinie Vignale mit allem Drum und Dran.

Dieser unser Testwagen hatte einen 182-PS-Benzinmotor mit manuellem Getriebe intus und fuhr sich trotz seiner Größe kanonenkugelartig und durchzugsstark noch bei hohen Geschwindigkeiten. Das Fahrwerk war etwas hart. Dabei zieht das 1,5-Liter-Eco-Boost-Aggregat der aktuell gültigen Abgasklasse seine Macht aus nur drei Zylindern. Und von ihnen wird einer – Weltneuheit! – im Teillastbetrieb abgeschaltet, beim Gleiten auf der Autobahn etwa. Braucht's wieder mehr Kraft, springt er binnen 14 Millisekunden an, man spürt das nicht. So soll der hühnerbrüstige Zweizylinderbetrieb sechs Prozent Sprit sparen. Für die Vignale-Klasse gibt es übrigens Benziner und Diesler auch mit 120, 125 und 150 PS.

Sexy Materialien und etwas retro

Die angenehme Überraschung setzt sich innen fort im Ford. Alles voll weicher, haptisch als sexy bezeichenbarer Materialien, die samt Kunststoffapplikationen im Holzdesign und Metallelementen ineinanderverfließen und nirgends ein hohles Hartplastikklopfen erlauben. Ledersitze – nun, man braucht das an sich nicht, schon wegen des Phänomens des Runterfallens von Zeug darauf beim Bremsen, aber wenn sie schon einmal da sind, okay.

Recht bunt, aber nicht quietschig-verspielt sind die Anzeigen hinter dem Lenkrad. Sie sind vom Grunddesign eher retro, Neunziger und schön übersichtlich, könnten aber eine Nuance Avantgarde vertragen. Man hat in den Golf-Rivalen ein Head-up-Display eingebaut und mittig einen Touchscreen mit klarer Menüführung, der freilich wirkte, als „sehe" er einem nicht recht ins Gesicht, schwer zu erklären, es wirkte irgendwie arrogant von ihm, aber das war vermutlich subjektiv und wird sich wohl legen.

Die Rückfahrkamera bildet darin freilich ein ganz tolles und extrem scharfes Weitwinkelbild ab, nur Vorsicht: Es verzerrt die Wahrnehmung von Geschwindigkeiten von Objekten und Personen.

Genialer Türkantenschutz

Die automatische Heckklappe indes geht eine Spur zu ungestüm auf, die Start-Stopp-Automatik hat man anderswo, etwa bei Peugeot, schon sanfter walten gefühlt. Lustig-genial ist der Türkantenschutz, wenn sich beim Öffnen von Türen Plastikleisten über deren Seitenkante stülpen; das kann typische nervige Schäden durchs Rammen derselben in andere Autos, Geländer, Mauern etc. verhindern. Fragt sich nur, was passiert, wenn die Leisten beim Schließen wegen eines Defekts der Mechanik dafür einmal nicht mehr zurückklappen sollten, ob sich die Tür dann noch zumachen lässt.

In Fond und Kofferraum sind die Raumverhältnisse gut, mehr als 1,8 Meter Ladelänge sind (Rücksitze unten) drin, unseren haben wir erfolgreich Ikea-getestet.

Er war mit allerhand Zusatzpaketen aufgerüstet und hatte viele nützliche Dinge wie adaptive Scheinwerfer, Parkassistenten, Ausweichhilfe, intelligenten Tempomaten mit Stauassistenten, Postkollisionshilfe. Die optionale Falschfahrerwarnung schreit auf, wenn man gegen die Einbahn fährt (nützlich gerade in Österreich, Schwerpunkt Steiermark und NÖ, gegen Geisterfahrer!). Die Autoschlüssel können per App so programmiert werden, dass manche Dinge beschränkt sind, etwa die Höchstgeschwindigkeit und die Lautstärke der Soundanlage; man kann Letztere damit sogar so einstellen, dass sie nur funktioniert, wenn alle im Auto angeschnallt sind! Mit solchen Sperren lassen sich Autoneulinge, die ihn sich ausborgen, von den Oldies sinnvoll gängeln.

Der Typ mit der Poserkarre

Mit um die 37.000 Euro schlug unser Wow-Vignale zu Buche; nun, man kann ja noch verhandeln, kriegt aber wirklich viel um das Geld. Leider konnten wir's nur teilweise austesten, denn da war eben jenes erwähnte „Wow" einige Tage später nach kaum 200 Kilometern Testfahrt (Verbrauch: mäßige 7,3 l; wir testen Fahrzeuge normalerweise zwei Wochen lang), als der schöne Ford eines Morgens seitlich böse eingetätscht auf dem Parkstreifen vor dem Haus stand. Der angesüffelte Fahrer einer typischen aufgemotzten Poserkarre süddeutscher Provenienz war mitten in der Nacht reingekracht, in ein anderes Auto auch noch. Oje! Zumindest hat er sich gestellt. Wird halt teuer.

| Anzeige
| Anzeige

Mehr von Die Presse

image beaconimage beaconimage beacon