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Jetzt verzichtet auch Audi auf ein Lenkrad

DIE WELT-Logo DIE WELT 13.09.2017

Fährst du noch, oder wohnst du schon? Diese Frage kann man sich in der neuesten Audi-Studie stellen, denn als Aicon wird der A8 zur Raumkapsel auf Rädern. Nur bei der Schnelligkeit hapert es noch.

Audi biegt auf dem Weg in Richtung Zukunft auf die Überholspur. Nachdem die Bayern im neuen A8 schon mal das autonome Fahren im Stau propagieren, geben sie mit einem neuen Showcar für die IAA ihren Gedanken für das komplett fahrerlose Auto Gestalt. Aicon heißt die Vision für den Luxusliner von übermorgen, der mit künstlicher Intelligenz (AI) zur Ikone dieser neuen Zeit werden soll.

Der 5,44 Meter lange Luxusliner sieht mit seinem glatten Bug, dem knackigen Heck, dem hohen Dach und dem eigenwilligen Knick auf Augenhöhe nicht nur ungewöhnlich aus, er hat auch eine eigenwillige Entstehungsgeschichte, die mit einer Idee von der "Long Distance Lounge" vor zwei Jahren begonnen hat. "Wir haben das Auto zum ersten Mal von innen nach außen gedacht", sagt Audi-Designchef Mark Lichte und lässt zum Beweis die beiden gegenläufig angeschlagenen Türen ohne störende B-Säule aufschwingen.

Zwar hat der Aicon eine ebenso seltene wie spektakuläre Form, die noch immer Begehrlichkeit weckt und vor allem kaschiert, dass man hier eigentlich vor dem ersten Van von Audi steht. Doch viel spannender ist die Luxuslounge, in die Lichte schon vor dem IAA-Messedebüt zur Sitzprobe geladen hat.

Zum ersten Mal hat Audi auf das gesamte Bediensystem verzichtet und stattdessen einen virtuellen Assistenten eingebaut, über den man mit Sprache, Blickkontakt und Gesten auf einem Touchscreen kommuniziert. Außerdem haben die Bayern erstmals auf Pedale und Lenkrad verzichtet.

Ehrlich gesagt fühlt man sich mehr wie in einem Wohnzimmer als in einem Auto. Die Sitze haben Stehkragen statt Kopfstützen, Gurte braucht es beim unfallfreien Autopiloten nicht mehr, und anders als im A8 ist die First Class jetzt wieder in der ersten Reihe.

Nicht umsonst kann man die Sessel mit Beinauflage, Massagefunktion und Fußbodenheizung dort um mehr als einen halben Meter verschieben und um etwa 20 Grad in jede Richtung drehen. "Das reicht, um bequem miteinander zu plaudern, ohne dass man sich mit den Füßen in die Quere kommt oder gegen die Fahrtrichtung sitzen muss", sagt Lichte, der sich auch im Zug nicht gerne rückwärts chauffieren lässt.

Der Antrieb ist identisch mit dem e-Tron

Audi Aicon © Audi Audi Aicon

Nicht zuletzt weil der Radstand gegenüber dem langen A8 noch einmal um 24 Zentimeter gestreckt wurde, wirkt der Aicon von innen mehr denn je wie eine Wohnung und ist deshalb auch bei der Materialauswahl einer Immobilie näher als einem Automobil. Doch so ein bisschen bewegen muss sich auch das Auto der Zukunft schon noch – selbst wenn Kollege Computer das Steuer übernimmt.

Audi Aicon © Audi Audi Aicon

Während Lichte und sein Team innen die wohnlichste Audi-Atmosphäre aller Zeiten geschaffen und außen eine attraktive Hülle gespannt haben, hat sich ein Heer von Technikern den Antrieb vorgenommen. Das war allerdings eine vergleichsweise leichte Übung – denn im Sandwich unter dem feinen Teppichboden aus recyceltem Meeresmüll steckt der Powerpack aus dem kommenden e-Tron.

Vier E-Motore leisten bis zu 260 kW, und die Lithium-Akkus sollen für bis zu 800 Kilometer reichen. Nur ganz so schnell will und muss der Aicon nicht mehr fahren. Weil der Verkehr in der Ära des autonomen Autos wieder besser fließt und weil rasante Beschleunigung genau wie im Zug oder im Flugzeug als eher unangenehm empfunden wird, haben die Ingenieure den Wagen auf eine Reisegeschwindigkeit von 130 km/h ausgelegt.

Dafür haben sie das Einsatzgebiet deutlich erweitert: Während der Chauffeur im langen A8 heute mittlerweile in engen Innenstädten ganz schön schwitzen muss, ist Aicon dank Hinterachslenkung mit einem Wendekreis von 8,50 Metern handlicher als ein Kleinwagen. "So können wir tatsächlich einen Tür-zu-Tür-Fahrdienst anbieten", sagt Lichte.

2030 oder 2040? Das ist eigentlich egal!

Der Audi-Designchef tut sich jedoch noch recht schwer damit, einen konkreten Zeithorizont für den Aicon zu nennen. "Wird es 2030, 2040 oder noch später? Diese Frage kann im Augenblick niemand seriös beantworten", sagt Lichte.

Doch im Grunde ist ihm das auch egal. Denn er will auf die Freigabe für den Autopiloten gar nicht erst warten. "Alle Details, die wir in dieser Studie andeuten, von der neuen Seitenlinie bis zum Bedienkonzept mit einem persönlichen Assistenten werden mit oder ohne Autopilot schon sehr viel früher in Serie gehen", verspricht der Designchef. "Und das Lenkrad lassen wir zur Not halt einfach weiter drin."

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