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Tage des Donners am dänischen Strand

WELT-Logo WELT 12.09.2018

Beach Race auf Rømø © Walter Tillmann Beach Race auf Rømø

Alles, was 1947 oder früher gebaut wurde, darf mitfahren. Auf Rømø lebt die Tradition des Strandrennens wieder auf, über 100 Enthusiasten gehen auf die Achtelmeile, mit Hotrods oder Flugmotoren.

Jens Cooper ist sauer, und sein Gesicht vor Wut fast so grün wie der Lack seines Autos. Ausgerechnet jetzt zickt die Diva und verweigert den Dienst. Dabei wollte Cooper nicht zu irgendeiner Ausfahrt starten, und sein Wagen ist auch nicht irgendein Oldtimer.

Er steht am Start des Strandrennens auf der dänischen Nordseeinsel Rømø, und die zickige Diva ist das "Grüne Monster", ein mystisch-mächtiger Rennwagen, mit dem Werksfahrer Carl Jörns vor 96 Jahren auf der Nachbarinsel Fanø fabelhafte 228 km/h erreichte.

Beim Training in den Tagen zuvor ist das fast sechs Meter lange Ungetüm noch durchs Watt gefahren und hat die wenigen Zuschauer ahnen lassen, welche Urgewalt im größten Motor steckt, der je bei Opel gebaut wurde. Donnernd laut, mit einer meterhohen Sandfontäne im Schlepp und einer Wolke aus Ruß aus dem glühenden Auspuff hat er den Strand beben lassen.

Und selbst wenn Cooper aus Respekt vor den zwei Millionen Euro Versicherungssumme nie Vollgas gegeben hat, konnte man sich vorstellen, wie es damals gewesen sein muss, als ein paar furchtlose Himmelhunde die Grenzen des Machbaren überwinden wollten.

Der Strand war die beste Strecke

Beach Race auf Rømø © Walter Tillmann Beach Race auf Rømø

Doch jetzt, wo zehntausend Zuschauer in den Dünen hocken und die Boxengasse voll ist mit Rennfahrern und Mechanikern in Kostümen aus der Vorkriegszeit, ausgerechnet jetzt macht der Motor keinen Mucks mehr. Sand im Getriebe – das kann man in diesem Fall fast wörtlich nehmen.

Denn auch wenn selbst Kieselsteine durch die offene Kulisse der außen angeschlagenen Schaltung kullern würden, ohne dass es mit der groben Messing-Mechanik ein Problem gäbe, war es offenbar der feine Flugsand vom Vortag, der in den Vergaser geraten ist und der Diva die Laune verdorben hat.

Deshalb steht das grüne Monster nun friedlich und still neben der Startlinie, und Cooper muss mitansehen, wie die anderen Rennfahrer eine einzigartige Epoche der Automobil- und Renngeschichte aufleben lassen. "Nirgendwo auf der Welt war man einst schneller unterwegs als auf diesem Stück Sandstrand", sagt Steffan Skov, der sich seinen Spitznamen "Staf" auf die alte Bomberjacke hat sticken lassen.

Der Sand am Strand von Fanø war härter, glatter und griffiger als das Kopfsteinpflaster auf den Straßen oder der Schotter auf den Rennstrecken in Europa. Das Beach Racing blickt in Dänemark auf eine 99 Jahre alte Tradition zurück.

"Lange bevor am Strand von Daytona oder auf den Salzseen von Bonneville gefahren wurde, rannte die PS-Elite der damaligen Zeit auf Fanø gegen die Rekorde an", sagt Staf. "Reiche Draufgänger, Privatiers, Hasardeure und eine Handvoll Profis." Opel-Rennfahrer Carl Jörns war einer von ihnen, der Brite Sir Malcom Campbell war ein anderer und hat es mit seinem berühmten Bluebird noch weiter gebracht.

Skandinavier stehen auf US-Cars

Dass Staf sich damit so gut auskennt, hat einen einfachen Grund: Zusammen mit einer Handvoll Kumpels lässt er die Tradition wieder aufleben, nachdem sie durch einen Unfall abrupt beendet wurde: 1924 wurde ein Jugendlicher von einem Rad erschlagen, das sich von Campbells Bluebird gelöst hatte.

Vor drei Jahren haben sie dafür auf Fanøs Nachbarinsel Rømø nach bald zehn Jahren Planung und Papierkram zur eigenen Verwunderung mitten in einem Nationalpark zum ersten Mal das Motorfestival ausrichten dürfen. Was damals mit vielleicht 30 Fahrzeugen angefangen hat, ist mittlerweile eine Großveranstaltung mit zwei Tagen Konzert und Party geworden, die trotzdem ihren Charme bewahrt hat. Über 100 Fahrzeuge – zur Hälfte Autos und zur Hälfte Motorräder – aus elf Ländern sind an den Strand gekommen, um auf der Rennstrecke gegeneinander anzutreten.

Drum herum auf den Parkplätzen steht mehr amerikanisches Alteisen als bei jedem anderen Autotreffen. Seit Ford nach dem Ersten Weltkrieg in Kopenhagen ein Montagewerk für das Modell T und später für das Modell A eröffnete, schwärmen die Skandinavier für US-Autos und leben diese Liebe bei Events wie dem Motorfestival in vollen Zügen aus.

Auf dem schmalen Damm zur Insel stauen sich in diesen Tagen Hotrods und Heckflossen, Musclecars und Pick-ups, als hätte jemand die Zeit zurückgedreht und die Welt eine halbe Umdrehung nach Westen gerückt.

Schrottschüsseln und Schätze

Auch auf dem Strand kommt Amerika first: Harley-Davidsons und Indians sind bei den Motorrädern am häufigsten vertreten. Daneben stehen Hotrods auf Basis amerikanischer Oldtimer, skurrile Eigenbauten und mächtige Maschinen wie das grüne Monster mit ihren Speichenrädern im Sand.

Dem Reglement nach müssen die Fahrzeuge vor dem Zweiten Weltkrieg gebaut und mit Teilen getunt sein, die den Stand von 1947 oder früher haben. Manche sind Rostlauben, die ihre Besitzer für 3000, 4000 Euro zusammengeschraubt haben, sagt Staf, "aber viele sind hohe sechsstellige Summen wert".

Geschont werden sie trotzdem nicht: "Wir gebrauchen und missbrauchen die Oldtimer genau dafür, wofür wir sie monatelang gehegt und gepflegt haben – um damit unseren Spaß im Sand zu haben."

Und das heißt: Sie lassen die Kupplung schnalzen, sobald die Startflagge akrobatisch geschwungen wird, und gehen mit Vollgas auf die Strecke. Anders als früher auf Fanø ist die Piste zwar nur eine Achtelmeile oder rund 200 Meter lang, sodass hier zur Beruhigung der Rettungskräfte niemand auch nur annähernd seine Höchstgeschwindigkeit erreicht.

Doch auf 70, 80 bisweilen sogar 100 Sachen kommen sie hier allemal, und das Spektakel ist garantiert. Zumal es bei Oldtimerrennen nicht nur was für die Augen gibt, sondern auch für die Ohren und für die Nase. Und wenn Autos wie der American LaFrance mit seinem 27 Liter großen Flugzeugmotor über die Startlinie donnern, dann kann man die Kraft sogar mit den nackten Fußsohlen im Sand spüren, so stark lässt er den Boden beben.

2019 wird das Jubiläum gefeiert

Das Publikum, meist in Rock-'n'-Roll-Uniform, Harley-Shirts oder alter Mechaniker-Verkleidung, quittiert jeden Gasstoß mit einem tiefen Raunen. Nur Jens Cooper steht traurig neben seinem Grünen Monster. Eigentlich hätte er es sein sollen, der hier die große Show abzieht und dem König der Küste noch einmal sein Reich zeigt.

Doch Cooper hat einen kleinen Trost: 2019 gibt es wieder ein Motorfestival auf Rømø, genau 100 Jahr nach dem ersten Rennen auf der Nachbarinsel und dann vielleicht sogar auf einer längeren Strecke. "Das wäre doch eine gute Gelegenheit, das Grüne Monster noch einmal von der Leine zu lassen."

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