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Kampf dem Overtourism: Barcelona will nicht mehr Party machen

derStandard-Logo derStandard 05.08.2022 Rainer Wandler aus Madrid
© Foto: APA/AFP/LLUIS GENE

Overtourism – egal wo eine Liste der Reiseziele auftaucht, die kaum noch mit dem Besucherandrang fertigwerden, Barcelona steht sicher darauf. In der Stadtverwaltung und in der Tourismusbranche sind sie sich seit Jahren einig, dass der Kurs korrigiert werden muss. Die Zwangspause durch die Pandemie scheint dabei geholfen zu haben.

2020 brach das Geschäft völlig ein. Normalerweise macht das Geschäft mit den Touristen in der katalanischen Metropole rund 15 Prozent der Wirtschaftskraft aus. 2020 waren es gerade einmal vier Prozent. 80 Prozent der Besucher blieben damals aus. Seit diesem Frühjahr hat sich der Tourismus fast komplett erholt. Doch etwas hat sich geändert: "Wir haben weniger Billigflieger, weniger Kreuzfahrtschiffe, die hier einfach nur für acht Stunden festmachen, und die Hotelpreise im Zentrum sind gestiegen", sagt Xavier Marcé, der Tourismusbeauftragte in der Stadtverwaltung der linksalternativen Bürgermeisterin Ada Colau. Das führt zu einer anderen Art von Besuchern. "Sie bleiben im Schnitt fast vier Nächte, eine Nacht mehr als 2019", erklärt Marcé.

Das sei ein Schritt in die richtige Richtung. Denn er will Qualität statt Quantität – Besucher, die länger bleiben und Geld dalassen, statt Low-Cost-Kurztouristen, die Billigflieger in die Stadt spülen. "Wir wollen nicht mit Billigreisezielen konkurrieren", sagt Marcé. Barcelona müsse mehr sein als Gaudí, Fußball und Party am Wochenende.

Verträglicher Tourismus

Die Stadtverwaltung will den Tourismus verträglicher machen. So wurde etwa ein Stopp des Ausbaus der Bettenkapazität in der Innenstadt erlassen. Nur in einigen weiter außerhalb gelegenen Stadtteilen können Hotels entstehen oder ausgebaut werden, verordnet ein Erlass für Touristenunterkünfte aus dem Jahr 2016. Von 2017 bis 2020 ging das Angebot an Übernachtungsplätzen im Zentrum um 940 zurück, während in den restlichen Stadtteilen 2400 neue Plätze entstanden.

"Wir schaffen neue Attraktionen in den Stadtteilen", sagt Marcé. Es geht ihm um Kultur, um Technologie, Design und Bildung. Als Beispiel dafür, wie das aussehen kann, dient ihm das Poble Nou, der sogenannte Distrikt 22@. Das ehemalige Industriegebiet wurde in den letzten Jahren zum Aushängeschild für moderne Architektur, Start-ups und schicke Showrooms. Immer mehr Touristen besuchen die Gegend, Hotels und Restaurants sind entstanden.

Gäste besser verteilen

Im Rahmen einer Verkehrsberuhigung der Innenstadt wurden auch die Busbahnhöfe ausgebaut. Dort steigen die Tagesbesucher von den Mittelmeerstränden auf den öffentlichen Nahverkehr um oder fahren mit den Sightseeingbussen weiter. Diese helfen, den Tourismus besser zu verteilen, indem neue Ziele angefahren werden.

Hinzu kommt eine vor wenigen Wochen geschlossene Vereinbarung mit den Reiseführern. Künftig werden die Gruppen in der Altstadt nicht größer als 30 Personen sein, und die Führer sprechen sich ab, damit nicht zu viele Gruppen gleichzeitig bei den wichtigen Touristenmagneten auftauchen. Auch bei beliebten Gebäuden, Parks und Museen wird der Ansturm geregelt.

Dabei soll künftig ein Projekt helfen, für das María Muro, Chefin des Konsortiums Barcelona Turisme, seit Jahren wirbt. Es geht darum, Tourismusströme mittels Big Data zu lenken. "Wir werden auf einer eigenen Plattform alle Informationen über die Besucher sammeln, bevor sie kommen, solange sie da sind und nach der Reise", sagt sie. Den Besuchern wird eine App zur Verfügung stehen, die in Echtzeit zeigt, was wann wo geschieht, und die je nach eingegebenen Vorlieben ständig Empfehlungen ausspricht.

"Wenn du etwa in der Nähe der Pedrera bist, wird dir angezeigt, dass dort gerade sehr viele Besucher sind. Doch die App empfiehlt unter Umständen auch, hinzugehen und Eintrittskarten für einen günstigeren Zeitpunkt zu lösen", sagt Muro. Das bringe nicht nur besseren Service für Besucher, sondern helfe auch, "Warteschlangen zu verhindern". Vorbei seien damit die Zeiten, in denen die Bewohner zickzack zwischen Touristenansammlungen laufen mussten. Das Thema ist für sie: "Wie machen wir aus einem Reichtum, den wir haben, ein Produkt, das nicht ‚giftig‘ ist?"

Dank der Corona-Hilfen der EU bekommt Barcelona nun von der spanischen Regierung das Geld, um die Pläne umzusetzen. 2023 soll damit begonnen werden, spätestens 2025 soll die "Digitalisierung der Touristenströme" dann endgültig Realität sein, verspricht Marcé. (Rainer Wandler aus Madrid, 5.8.2022)

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