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Finanzen aktuell

Die planlosen Retter der deutschen Autoindustrie

WELT-Logo WELT 14.01.2020 Philipp Vetter
In Deutschland könnten durch die Umstellung auf die Elektromobilität 400.000 Jobs gefährdet sein. Allein bei der Produktion von Motoren und Getrieben sei der Wegfall von fast 90.000 Stellen möglich. Quelle: WELT/ Thomas Laeber © dpa/Christophe Gateau In Deutschland könnten durch die Umstellung auf die Elektromobilität 400.000 Jobs gefährdet sein. Allein bei der Produktion von Motoren und Getrieben sei der Wegfall von fast 90.000 Stellen möglich. Quelle: WELT/ Thomas Laeber

Durch die Elektromobilität sind in Deutschland Hunderttausende Jobs in Gefahr. Das befürchtet die Nationale Plattform Mobilität. Doch viel beängstigender ist die entlarvende Ratlosigkeit, mit der die Experten Deutschlands Schlüsselindustrie retten wollen.

Es gab schon viele Zahlen, wie viele Jobs in der deutschen Automobilindustrie durch den Wandel vom Verbrennungsmotor hin zum Elektroantrieb bedroht sind. Bedrohlich klangen sie alle, doch der Zwischenbericht der vierten Arbeitgruppe der Nationalen Plattform Mobilität (NPM) klingt gleich aus zwei Gründen besonders katastrophal.

Zum einen ist die Zahl noch einmal bedeutend größer als in den meisten anderen Studien: bis zu 410.000 Job sind demnach in Gefahr. Zum anderen kann dem Leser angesichts der Ratlosigkeit der Experten, was man tun kann, um ein solches Szenario zu verhindern, bange werden.

Der 44 Seiten lange Bericht analysiert erst ausführlich, wie schlimm es um die deutsche Autoindustrie durch den technologischen Wandel tatsächlich stehen könnte. Die Handlungsempfehlungen fallen dann aber doch recht dürftig aus, obwohl sie immerhin zweieinhalb Seiten füllen.

Da wird der Autoindustrie empfohlen doch „so bald wie möglich neue Wertschöpfungspotenziale zu identifizieren und ihre Geschäftsmodelle an die Mobilität der Zukunft anzupassen“. Das klingt gut, ist aber leichter gesagt als getan. Eigentlich sollten die Arbeitsgruppen der NPM genau das liefern. Schließlich sind zahlreiche hochrangige Manager der Industrie Mitglieder der Gruppe – von Continental und Bosch bis Volkswagen und Daimler.

Immer weniger Stellen für ungelernte Mitarbeiter

Doch es dominiert die Katastrophenbeschreibung: „Wenn sich die Wettbewerbslage der deutschen Industrie im Bereich Elektromobilität in den kommenden Jahren nicht verbessert und der Importbedarf für Batteriezellen und Elektrofahrzeuge weiter steigt, wäre – bedingt durch die Kombination der Effekte von Produktivitätssteigerungen und einer beschleunigten Elektrifizierung – ein erheblicher Beschäftigungsrückgang bis 2030 zu erwarten“, schreiben die Experten.

Quelle: Infografik WELT © Infografik WELT Quelle: Infografik WELT

Und der könnte noch drastischer ausfallen als bislang berechnet, wenn sich die Zahlen des Klimapakets der Bundesregierung bewahrheiten. Denn demnach sollen in Deutschland schon 2030 bis zu zehn Millionen Elektroautos fahren. Das halten zwar selbst Befürworter der Elektromobilität für extrem optimistisch, träte dieses Szenario ein, würden wohl 410.000 Arbeitsplätze vor allem in der Antriebstechnologie und im Fahrzeugbau verloren gehen. Doch auch zahlreiche Jobs, die mittelbar mit der Autoindustrie zu tun haben, wären betroffen.

Mitarbeiter montieren Kotflügel an einen Volkswagen Golf 8 im Karosseriebau im VW-Stammwerk in Wolfsburg © picture alliance/dpa Mitarbeiter montieren Kotflügel an einen Volkswagen Golf 8 im Karosseriebau im VW-Stammwerk in Wolfsburg

Und selbst wenn dieses besonders negative Szenario am Ende nicht genau so eintreffen sollte, muss sich Deutschland laut den Experten darauf einstellen, dass es künftig sehr viel weniger Beschäftigte in der Schlüsselbranche geben wird. „Auch wenn dieses Extremszenario aufgrund einer besseren Entwicklung inländischer Angebote von Elektrofahrzeugen und inländischer Produktion von Batterien abgewendet werden kann, gilt: In keinem Fall werden die Automobilhersteller weiterhin im selben Maße für eine solche Wertschöpfung und Beschäftigung entlang der Zulieferketten sorgen können, wie es heute der Fall ist“, heißt es in dem Zwischenbericht.

Vor allem für die Hilfsarbeiter, an- und ungelernte Mitarbeiter wird es künftig noch schwerer werden, in Deutschland eine Beschäftigung zu finden, warnt die Arbeitsgruppe. Denn bei ihnen wird es am schwersten, sie für die neue Auto-Welt fit zu machen, in der vor allem Software- und Elektronikexperten gebraucht werden. „Die fortschreitende Digitalisierung und Automatisierung von Arbeitsprozessen werden weiter dazu beitragen, dass zukünftig insbesondere für diese Beschäftigtengruppe weniger Stellen zur Verfügung stehen werden“, heißt es. Ein Berufsabschluss sei künftig unabdingbare Voraussetzung, um auf dem Arbeitsmarkt noch eine Chance zu haben.

Staat soll beim Wandel helfen

Doch die Handlungsempfehlungen der Arbeitsgruppe in ihrem Zwischenbericht bleiben abstrakt. So heißt es, dass „Politik, Unternehmen und Bildungsträger noch stärker als bisher zusammenarbeiten“ müssten. „Unternehmen müssen befähigt werden, Veränderungen frühzeitig zu erkennen, um eine passende Personalplanung und Personalentwicklungsstrategie erarbeiten zu können. Insbesondere kleine und mittelständische Unternehmen weisen einen hohen Beratungsbedarf auf.“ Das alles sind im Jahr 2020 keine neuen Erkenntnisse mehr.

Quelle: Infografik WELT © Infografik WELT Quelle: Infografik WELT

Unternehmen würden „eine strategische Personalplanung und ein Zielbild für Kompetenz- und Stellenprofile, von dem sie modularisierte, flexible und individualisierte Weiterbildungsangebote für ihre Mitarbeiter ableiten können“ benötigen, schreiben die Experten. Man müsse ein zentrales Weiterbildungskonzept für den Mobilitätssektor entwickeln. Das klingt gut, doch es bleibt wolkig: Dafür seien „regionale Kompetenz-Hubs“ nötig, dafür müsse es eine „unbürokratische, niederschwellige und effiziente Förderung“ geben.

Wo es konkreter wird, regen die Experten meist lediglich Prüfungen an. So heißt es, man müsse eine Änderung des Sozialgesetzbuchs III prüfen. „Das Qualifizierungschancengesetz sollte für kollektive Anträge geöffnet und damit die bisherige Individualförderung um die Möglichkeit der Förderung einer Gesamtmaßnahme ergänzt werden. Die aktuelle individuelle Förderung bedingt sehr hohe (Prozess-)Aufwände in der Einzelfallprüfung, gerade auch für die Erstattung der Entgeltkosten während der Qualifizierungszeit“, schreiben die Fachleute.

Den Staat sieht die Arbeitsgruppe der NPM also in der Pflicht. Darüber hinaus soll auch das Kurzarbeitergeld künftig nicht nur in konjunkturellen Krisen gezahlt werden, sondern auch dann, wenn aufgrund einer sich verändernden Branche wie der Autoindustrie eine Umschulung nötig ist. So sollen den Unternehmen beispielsweise die Sozialversicherungsbeiträge für die Mitarbeiter erlassen werden, so lange die sich weiterbilden.

Konkret werden die Empfehlungen also vor allem dann, wenn es darum geht, wie der Staat beim Wandel helfen kann. Von einem Zwischenbericht im Jahr 2020 hätte man mehr erwarten müssen. Wer die Empfehlungen liest, wird das Gefühl nicht los, dass der Branche die Zeit für Veränderungen davon läuft, während man sich noch immer mit der Diagnose einer existenzbedrohenden Situation aufhält.

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