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EU-Regeln: Wie die Bürokratie Anleger ausbremst

Wirtschaftswoche-Logo Wirtschaftswoche 14.03.2019 Fehr, Mark
Zwangsdiät: Europäische Privatanleger bekommen keine Anleihen des Big-Mac-Verkäufers McDonald’s mehr, weil ein Informationsblatt fehlt, dass die EU vorschreibt. © Getty Images Zwangsdiät: Europäische Privatanleger bekommen keine Anleihen des Big-Mac-Verkäufers McDonald’s mehr, weil ein Informationsblatt fehlt, dass die EU vorschreibt.

Wegen neuer EU-Regeln können Anleger nicht mehr alle Wertpapiere kaufen, die sie haben wollen – selbst wenn diese solide sind. Über die ärgerlichen Auswüchse europäischer Vorschriften auf die Anlagepraxis.

Wenn Uwe-Peter Egger nicht gerade im Fitnessstudio trainiert, pflegt er sein Hobby, die Börse. Doch die seit Januar 2018 geltenden Regeln zum Anlegerschutz verderben dem ehemaligen Banker die Laune. „Diese Bürokratie ist eine Bevormundung“, sagt Egger. Über sein Onlinedepot wollte er bei einer Anleihe der US-Burgerkette McDonald’s zukaufen, ein solides Papier, das Egger seit 2017 hält. Der Fast-Food-Riese hat den Bond 2011 ausgegeben, er läuft bis 2022. Die Ratingagentur Moody’s bescheinigt der Anleihe ein nur moderates Kreditrisiko, geeignet für Investitionen. Eggers Bank blockiert die Order aber „aus gesetzlichen Gründen“.

Dass Egger seine Anleihe nicht mehr nachkaufen kann, liegt an den Anfang 2018 in Kraft getretenen EU-Anlegerschutzregeln, welche die Banken jetzt in ihre Systeme eingepflegt haben. Sie führen dazu, dass Privatanleger viele Anleihen nur noch handeln können, wenn zu ihnen ein Basisinformationsblatt existiert, das über Chancen und Risiken aufklärt. Ein Beispiel dafür, dass in Sachen Regulierung gut Gemeintes oft schlecht gemacht ist und Anleger von durchaus sinnvollen Investitionen abhält.

Selbst Dax-Unternehmen scheuen den neuen Aufwand und wollen sich nicht mit Anwälten von Kleinanlegern herumschlagen. Anleihen geben sie deshalb nun statt in Tranchen zu je 1000 Euro nur noch in 100.000er-Stückelung ab. „Die Bürokratie schneidet Anleger von der wichtigen Anlageklasse der Anleihen ab“, sagt Norbert Kuhn vom Deutschen Aktieninstitut. „Namhafte Unternehmen aus dem Dax werden aus Haftungsgründen kein Basisinformationsblatt erstellen und können ihre Anleihen dann nur noch bei Institutionellen platzieren.“

Eigentlich fordern die neuen EU-Regeln das Basisinformationsblatt nur für sogenannte „verpackte Wertpapiere“. Verpackt heißt, dass Anlegergeld nicht direkt in eine einfache Aktie oder Anleihe fließt, sondern in komplexe Produkte, bei denen einfache Papiere nur die Basis sind: Fonds oder Derivate etwa, mit denen Anleger auf die Wertentwicklung von Aktien oder Anleihen wetten können. Unternehmensanleihen wie im Fall Egger sind eigentlich keine verpackten Wertpapiere. Die EU-Kommission findet sie trotzdem gefährlich und hat per Schreiben an die Banken vom 18. April 2018 festgelegt, dass auch Anleihen ein Basisinformationsblatt brauchen, wenn die Unternehmen ihre Schuld schon vor Ende der Laufzeit tilgen dürfen. Solche Kündigungsklauseln sind Standard bei vielen Anleihen. Depotbanken sperren die Wertpapiere kurzerhand.

Wenn schon Dax-Konzerne kneifen, hält sich ein großer US-Emittent wie McDonald’s erst recht zurück. Er hat nur mäßiges Interesse an europäischen Privatanlegern – und kein Basisinformationsblatt erarbeitet.

Kein Zugang zu US-Fintechs

Der Frankfurter Dienstleister WM Datenservice hat mittlerweile Basisinformationsblätter für 2,1 Millionen Wertpapiere gespeichert. Für rund 220 000 der als verpackte Anlagen klassifizierten Finanzprodukte gibt es keine Informationsblätter. Privatanleger, und seien sie noch so erfahren, können sie nicht kaufen. Neben Anleihen trifft das Verbot auch in den USA aufgelegte Indexfonds, etwa den ETF Global X Fintech, der in aufstrebende digitale Finanzdienstleister investiert. Gerade US-ETFs bieten Zugang zu Branchen, für die sich in der EU keine Alternative findet.

Vor allem bei riskanten Wertpapieren sorgen die Emittenten akribisch dafür, dass die Formalia stimmen. Schließlich soll der Verkauf laufen. Leicht erhältlich ist etwa ein Optionsschein auf den Aktienindex Dow Jones. Bei dem von der Deutschen Bank für erfahrene Anleger konstruierten Papier wetten Anleger, dass der Dow am Ende der Laufzeit unter 18.000 Punkten steht. Falls nicht, bekommen sie statt ihres Einsatzes „eine Barzahlung in Höhe von 0,001 Euro“ – sprich: das Geld ist weg. Beim McDonald’s-Bond wäre das viel unwahrscheinlicher.

Um Anleger vor Verlusten zu warnen, müssen Banken und Emittenten Wertpapiere in passende Risikoklassen von 1 (niedrig) bis 7 (hoch) stecken. Das passt nicht immer zusammen. So gehört ein Indexfonds auf den Dax mit den 30 wichtigsten deutschen Börsenunternehmen laut Anbieter Blackrock in Risikoklasse 6. Die zuletzt stark schwankende Aktie des Dax-Neulings Wirecard landet dagegen bei der Depotbank Comdirect in der niedrigeren Risikoklasse 5, obwohl sie als Einzelwert deutlich spekulativer ist als ein Dax-Investment. Auch die gut gemeinten Kostenrechnungen, die dem Anleger vor jeder Order präsentiert werden müssen, stiften Verwirrung, denn sie passen nicht zu den Angaben in den Basisinformationsblättern. „Diese Kosteninformationen widersprechen sich“, sagt Henning Bergmann, Vorstand beim Derivateverband DDV.

Ein weiteres Problem zeigt sich etwa beim populären Wertpapier Xetra-Gold, das mit physischem Gold hinterlegt ist. Wer das Basisinformationsblatt liest, kann schnell dem Trugschluss erliegen, die verbriefte Goldanlage sei gratis zu haben. Die Gebühren für Kauf und Verkauf sowie laufende Kosten sind für eine Anlage von 10 000 Euro mit insgesamt 0,00 Euro angegeben. Leicht übersieht man den Standardhinweis, dass der Wertpapierhändler weitere Kosten in Rechnung stellen kann. Bei einer konkreten Order kommen Provisionen, Börsen- und Verwahrgebühren für das Papier zum Vorschein – schon bei einer kleinen Order von wenigen Hundert Euro je nach Depotbank immerhin rund 35 Euro. Das verwirrt vor allem weniger erfahrene Anleger.

Die Pflicht, dem Anleger die Kosten einer Transaktion zu nennen, wird bei der telefonischen Order zum Problem. Denn das Callcenter kann dem Anleger die Kosteninfo vor der Order schlecht zustellen. Und weil die Bank neuerdings jeden Anlegeranruf auf Band festhalten muss, verlieren die meisten komplett die Lust an telefonischen Orders. Bergmann vom Derivateverband und Kuhn vom Aktieninstitut schlagen daher vor, dass erfahrene Anleger auf starre Regeln wie die Aufzeichnung und die schriftliche Kosteninformation bei telefonischen Orders verzichten dürfen. Das Bundesfinanzministerium sammelt gerade Verbesserungsvorschläge, die in einen Bericht der EU-Kommission zu den Finanzregeln eingehen sollen. Der kommt aber erst im März 2020.

Flucht in die USA

Bis es so weit ist, besteht der umständliche und einzige Ausweg für Anleger darin, ein Depot bei einer Bank außerhalb der EU zu eröffnen, wo die starren Regeln nicht greifen. Dafür müssten sie allerdings schon in die USA gehen, denn auch Schweizer Banken müssen bei EU-Kunden den für diese geltenden Anlegerschutz anwenden – und ab 2020 Basisinformationsblätter vorlegen. Wollte Anleger Egger auf den McDonald’s-Konkurrenten Burger King ausweichen, um sich doch noch ein Standbein in der konjunkturresistenten Fast-Food-Branche zu sichern, stieße er auf das gleiche Problem: „Für dieses Produkt ist der Handel aktuell nicht möglich, da derzeit kein Basisinformationsblatt vorliegt“, heißt es bei der Comdirect zu einer Anleihe der Frankreich-Tochter von Burger King. Dabei notiert die in Euro und hat, anders als die von McDonald’s, nicht mal ein Wechselkursrisiko.

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