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Cannabis als Medizin bei Schmerzen und Krankheiten

mylife-Logo mylife vor 3 Tagen Redaktion - mylife
In Deutschland gibt es Cannabis seit März 2017 auf Rezept. Doch die gesetzliche Regelung für die Anwendung ist sehr streng. Dabei kann das Naturheilmittel bei vielen Krankheiten helfen. © get budding In Deutschland gibt es Cannabis seit März 2017 auf Rezept. Doch die gesetzliche Regelung für die Anwendung ist sehr streng. Dabei kann das Naturheilmittel bei vielen Krankheiten helfen.

Cannabis ist fest in der Geschichte der Schmerztherapie verankert. Bereits vor über 5000 Jahren behandelten die Menschen in China und Indien mit der Pflanze ihre Verletzungen. So legten sie auf Wunden Hanfblätter, um Schmerzen zu lindern. Und auch heute ist Cannabis ein beliebtes Naturheilmittel.

 

Seit dem 10. März 2017 gibt es Cannabis nun in Deutschland auf Rezept, Großbritannien ermöglicht dies für Patienten seit dem 1. November 2018. Doch wie kann Cannabis in der Medizin eingesetzt werden und bei welchen Krankheiten wirkt es?  

Cannabis in der Therapie

Was ist Cannabis?

Die Hanfpflanze ist eine der ältesten Kulturpflanzen der Welt, deren Fasern schon vor Jahrtausenden zur Herstellung von Kleidung, Tauen oder Segeltüchern verwendet wurden. Auch Papier wurde damals aus Hanf hergestellt, sodass entscheidende Werke, zum Beispiel die erste Gutenberg-Bibel oder auch die amerikanische Unabhängigkeitserklärung, auf Hanfpapier geschrieben wurden.

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Seit dem 10. März 2017 gibt es Cannabis in Deutschland offiziell auf Rezept. Ärzte jeder Fachrichtung, außer Zahn- und Tierärzte, dürfen es verschreiben. Aufgrund des steigenden Bedarfs soll die Pflanze ab 2019 unter staatlich kontrollierter Aufsicht auch in Deutschland angebaut werden, bis dahin war nur der Import aus dem Ausland möglich. Der private Besitz, Konsum und Handel ist in Deutschland nach wie vor verboten.

Die Bezeichnung Cannabis

Cannabis ist die lateinische Bezeichnung der Hanfpflanze (Cannabis sativa) als auch ihrer Inhaltsstoffe mit psychoaktiver Wirkung. In Europa wird Cannabis in verarbeiteter Form als Marihuana (getrocknete Blüten und Blätter der Pflanze) oder Haschisch (aus dem Harz von Pflanzenteilen der weiblichen Pflanze) konsumiert. In anderen Regionen ist dagegen auch Haschischöl verbreitet. Es gibt weibliche und männliche Pflanzen, die weiblichen Pflanzen produzieren jedoch deutlich mehr der Cannabinoide THC und CBD. 

Cannabinoide werden die Inhaltsstoffe der Cannabispflanze genannt. Hauptinhaltsstoff ist das THC, das psychoaktiv wirkt, also für den Rausch verantwortlich ist. Daneben gibt es etwa 60 weitere Cannabinoide.

Wie wirkt Cannabis im Körper

1964 entdeckte der israelische Wissenschaftler Raphael Mechoulam, der damals als Chemiker am Weizmann-Institut in der Nähe von Tel Aviv arbeitete, das Delta-9-Tetrahydrocannabinol, kurz: THC. Es gelang ihm, die Hauptbestandteile zu isolieren, darunter auch Cannabidiol. Doch erst Jahre später konnte er herausfinden, was nach dem Konsum von Cannabis im Körper geschieht: Das THC-Molekül bindet sich an ein Protein, den sogenannten Rezeptor.

Das Endocannabinoid-System

1992 konnte Mechoulam in Zusammenarbeit mit einem Forschungsteam des National Institute of Mental Health (Maryland, USA) unter der Leitung von William Devane und Dr. Lumir Hanus das Endocannabinoid-System und den körpereigenen Stoff entdecken, der an den Rezeptor koppelt: das Endocannabinoid. Aufgrund ihrer Vermutung, dass der Stoff wie das THC die Gefühle beeinflusst, tauften sie ihn Anandamid, nach dem Sanskrit-Wort für Glückseligkeit. So ähnlich wie auch die Endorphine wird Anandamid bei Stress, Schmerz oder körperlicher Anstrengung ausgeschüttet. Das Endocannabinoid-System besitzt jedes Säugetier.

Cannabinoide

Es wird zwischen endogenen und exogenen Cannabinoiden unterschieden. Endogene Cannabinoide werden im Körper produziert. Exogene Cannabinoide sind hingegen diese, die dem Körper von außen zugeführt werden, zum Beispiel durch den Konsum von Cannabis.

Cannabinoide verbinden sich mit den speziellen Rezeptoren des ECS, die sich im menschlichen Nervensystem befinden. Bisher fanden Forscher zwei verschiedene Rezeptoren im menschlichen Körper. Der sogenannte CB-1-Rezeptor ist vor allem in Nervenzellen im Gehirn und im Rückenmark aktiv, der CB-2-Rezeptor im Immunsystem, Magen-Darm-Trakt und dem peripheren Nervensystem.

Die Cannabinoide besetzen die CB1- und CB2-Rezeptoren und aktivieren so in der entsprechenden Zelle die Signalübermittlung. Das System funktioniert wie eine Schlüssel-Schloss-Mechanik. Wenn sich Cannabinoid und Rezeptor verbinden, wird die Tür geöffnet und die entsprechende Anweisung an die Zelle weitergegeben. So werden viele körperliche Prozesse beeinflusst wie die Funktion des Immunsystems, der Appetit, die Schmerzwahrnehmung oder das Gedächtnis. Dieses ganze System ist ausschlaggebend dafür, dass Cannabis so effektiv im Körper wirkt.

Exogene Cannabinoide aus der Cannabispflanze imitieren diese Botenstoffe des Körpers und beeinflussen das limbische System im Gehirn. Hier werden Erinnerungsvermögen, Wahrnehmung und Psychomotorik gesteuert. Außerdem beeinflussen sie das mesolimbische System, das für die Gefühle zuständig ist, und auch das Schmerzempfinden.

Zu den exogenen Cannabinoiden gehören beispielsweise THC (Tetrahydrocannabinol) und CBD (Cannabidiol).

THC (Tetrahydrocannabinol)

Die Forscher haben herausgefunden, dass das Cannabinoid THC sogar an beide Rezeptoren CB1 und CB2 andocken und diese aktivieren kann. Daher hat es nicht nur Einfluss auf die Psyche, sondern es kann auch bei Schmerzen, chronischen Erkrankungen wie Asthma oder sogar bei der Krebstherapie helfen.

CBD (Cannabidiol)

Das Cannabinoid CBD dockt im Gegensatz zu THC nicht an Rezeptoren an, es hemmt stattdessen ein bestimmtes Enzym, das für den Abbau des oben bereits erwähnten Anandamid zuständig ist. Anandamid wird bei Stress oder Schmerzen ausgeschüttet und unterstützt die Leistungsfähigkeit des Körpers. Durch den Einfluss von CBD ist es nun länger vorhanden, was wiederum eine Verbesserung von Entzündungen bewirkt, bei Arthritis und Muskelerkrankungen, bei Angststörungen oder Epilepsie helfen und das Wachstum von Tumoren hemmen kann. 

Das Besondere an CBD ist, dass es keine Wirkung auf die Psyche des Patienten hat. So kann es bei zahlreichen Erkrankungen helfen, ohne große Nebenwirkungen zu verursachen. Deshalb werden inzwischen Nutzhanf-Pflanzen angebaut, die sehr viel CBD und wenig THC enthalten.

Cannabis als Medizin oder medizinisches Cannabis?

Die Anwendung von medizinischem Cannabis erfolgt noch immer am häufigsten, um auf das Endocannabinoid-System einzuwirken.

Deshalb werden die chemischen Verbindungen der Cannabispflanze bereits erfolgreich künstlich produziert. Aus den synthetisierten Cannabinoiden werden Medikamente hergestellt, die jedoch nicht nur aus diesen Inhaltsstoffen bestehen, sondern teilweise auch aus anderen chemischen Verbindungen, die je nachdem starke Nebenwirkungen verursachen können. Durch die Zugabe spezieller Stoffe wird das medizinische Cannabis auf die jeweilige Krankheit abgestimmt. Diese Medikamente dürfen nur von Ärzten verschrieben werden und sind nicht frei verkäuflich.

Cannabis als Medizin unterscheidet sich insofern von dem medizinischen Cannabis, da hier nur die natürlichen Inhaltsstoffe verwendet und keine chemischen Substanzen beigemengt werden. Die Wirkstoffe werden durch spezielle Verfahren extrahiert und zum Beispiel einem Öl zugegeben. Dadurch bleibt ein natürliches Produkt bestehen.

Anwendung und Nebenwirkungen

Anwendungsgebiete für Cannabis

Ein chinesisches Heilpflanzenkompendium aus dem Jahr 2737 vor Christus enthält bereits Aufzeichnungen über die Verwendung von Cannabis. Gerade in China und in Israel wird Cannabis seit Jahrtausenden erfolgreich angewandt. Auch die Benediktinerin und Heilerin Hildegard von Bingen hat die Pflanze bei der Behandlung ihrer Patienten eingesetzt. War die Pflanze damals noch ein beliebtes Mittel, um die Wundheilung anzuregen und Schmerzen zu lindern, sind die Einsatzgebiete heute weitaus vielfältiger. Allerdings obliegt es bisher noch der Einschätzung des Arztes, ob eine Cannabis-Therapie anzuraten ist. Falls ja, kann die Kostenübernahme bei der Krankenkasse beantragt werden. Sonst muss der Patient die Kosten selbst tragen. Es heißt jedoch, dass der Antrag nur in begründeten Fällen abgelehnt werden darf, wobei noch von schwerwiegenden Krankheiten als Indikation die Rede ist. Soll das Cannabis im Rahmen einer Palliativversorgung zur Linderung von Schmerzen eingesetzt werden, verkürzt sich die Entscheidungsfrist der Kasse von drei bis fünf Wochen auf drei Tage. Da Cannabis über ein Betäubungsmittelrezept verordnet wird, ist eine Höchstmenge festgelegt, die auf 100 Gramm in Form getrockneter Blüten innerhalb 30 Tage beschränkt ist. Jede Therapie muss für eine Begleitstudie dokumentiert werden. Dadurch sollen mehr wissenschaftliche Erkenntnisse über die Wirkung der Pflanze erzielt werden. Das Rezept muss der Patient innerhalb von sieben Tagen nach der Ausstellung in der Apotheke einreichen.

Bei diesen Krankheiten kann Cannabis beispielsweise eingesetzt werden:

  • Bei chronischen oder entzündungsbedingten Schmerzen als Alternative zu Schmerzmitteln und Opiaten
  • Zur Appetitsteigerung bei Abmagerung wie zum Beispiel bei HIV
  • Übelkeit und Erbrechen, zum Beispiel durch Chemotherapien
  • Linderung der Entzugssymptome bei Drogen- oder Alkoholabhängigkeit
  • Allergien
  • Alzheimer
  • Amyotrophe Lateralsklerose (ALS)
  • Arthritis
  • Asthma
  • Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätssyndrom (ADHS)
  • Depression
  • Diabetes
  • Epilepsie
  • Glaukom (grüner Star)
  • Magen-Darm-Erkrankungen
  • Migräne
  • Multiple Sklerose (MS)
  • Neuropathische Schmerzen
  • Posttraumatische Belastungsstörung
  • Tourette-Syndrom

Formen der Einnahme

Die bekannteste Form des Cannabis-Konsums ist sicherlich das Rauchen. Ärzte raten bei der medizinischen Anwendung jedoch davon ab, da es nachweislich die Lunge schädigt. Empfohlen wird hingegen die Einnahme einer Tinktur oder eines Öls. Diese können zum Beispiel pur oral eingenommen werden. Durch den Kontakt mit der Schleimhaut erfolgt eine besonders schnelle Wirkung. Beim Konsum von Lebensmitteln mit Cannabis tritt die Wirkung durch den Weg über den Magen-Darm-Trakt zwar später ein, hält dafür jedoch länger an.

Besonders einfach anzuwenden ist ein Cannabis-Spray, das sich der Patient in den Rachen sprüht.

Bei schmerzhaften Gelenk- oder Muskelentzündungen oder Hauterkrankungen kann Cannabis auch in Form einer Salbe aufgetragen werden. Sie wirkt antibakteriell und entzündungshemmend und lindert den Schmerz.

Ebenso möglich ist die Verwendung von Zäpfchen, die sowohl anal als auch vaginal eingeführt werden können. Hier setzt die Wirkung ebenfalls recht schnell ein.

Nebenwirkungen

„Ein Medikament ohne Nebenwirkungen hat auch keine Hauptwirkung“, sagt Prof. Sven Gottschling. Der Chefarzt des Zentrums für Palliativmedizin und Kinderschmerztherapie des Universitätsklinikums des Saarlandes setzt seit vielen Jahren Cannabis erfolgreich in der Therapie ein. Diese Aussage trifft nicht nur auf chemische Arzneimittel, sondern auch auf das Naturheilmittel Cannabis zu. Art und Ausmaß der Nebenwirkungen hängen allerdings auch von der Dosierung und dem jeweiligen Patienten ab. So kann es zu Mundtrockenheit, Schwindel, Müdigkeit oder Herzrasen kommen. Auch die Wechselwirkung mit anderen Medikamenten muss beachtet werden, weshalb die Anwendung und Dosierung stets in Absprache mit dem Arzt erfolgen muss.

Abhängigkeit von Cannabis

Eine Abhängigkeit von Cannabis ist eher unwahrscheinlich, denn medizinisches Cannabis ist deutlich niedriger dosiert als das, welches die Menschen konsumieren, die auf einen Rausch aus sind. Zudem wird medizinisches Cannabis immer in der gleichen Dosierung eingenommen und die Intensität und Dauer der Behandlung genauestens vom Arzt überwacht.

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