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Chronobiologie: Das Geheimnis der inneren Uhr – wie Firmen die Müdigkeit der Mitarbeiter bekämpfen

stern-Logo stern 18.01.2020 Katharina Grimm
Die innere Uhr kollidiert leider oftmals mit der Arbeitszeit © Getty Images/ Elenathewise Die innere Uhr kollidiert leider oftmals mit der Arbeitszeit

Die einen sind morgens hundemüde und schleppen sich ins Büro, die anderen werden schon am Nachmittag schlapp - und müssen trotzdem weiterarbeiten: Die innere Uhr kollidiert häufig mit der Arbeitszeit. Dabei könnte man das ändern.

Der Januar und der Februar sind fürchterliche Monate. Morgens erwacht man in stockfinsterer Nacht, bis zum Mittag ist der Himmel wolkenverhangen und dunkel. Und schon ab 15 Uhr am Nachmittag kriecht die Nacht heran. Diese Finsternis setzt auch dem Organismus zu - und macht die Menschen müde und matt. "Auch Menschen halten ein klein wenig Winterschlaf", sagt Jürgen Zulley, Professor für Biologische Psychologie an der Universität Regensburg zu "t-online". Die kurzen Tage, die langen Nächte: Der Mensch hat sich auf den Rhythmus eingestellt und ist müder und schlaffer als im Sommer.

Zulley weiß, dass die dunklen Wintertage vor allem für ältere oder depressive Menschen schwerer zu ertragen sind. Aber auch wer den ganzen Tag im Büro sitzt, leidet - denn dort bekomme man zu wenig Licht ab. Selbst wenn sich die Sonne am Himmel zeigt: In den Bürofluchten kommt von den Strahlen zu wenig an. "Im Winter reduziert der Körper seine Aktivitäten. Wir speichern mehr Energie und fahren unsere Systeme herunter: Wir schlafen mehr, wir essen mehr – vor allem Kohlenhydrate –, unser Antrieb ist reduziert und die Stimmung sinkt", so Zulley zum "Tagesspiegel". Das liege auch am Licht: In Büroräumen liege die Beleuchtungsstärke bei rund 500 Lux. Ein strahlender Sonnentag komme auf 100.000 Lux, ein grauer Wintertag nur auf 1500 Lux. Damit Licht wirksam werden, brauche es eine gewisse Stärke. Der Experte geht von rund 2500 Lux aus.

Die innere Uhr ist genetisch bedingt

Der Wechsel der Jahreszeiten hat also Einfluss auf das Schlafbedürfnis. Darüberhinaus hat aber jeder Mensch einen natürlichen Rhythmus zwischen Schlaf- und Wachphasen. Die innere Uhr lässt sich nur schwer manipulieren - und doch tun viele Menschen genau das. Sie quälen sich frühmorgens aus dem Bett, obwohl sie eher am Abend zur Höchstform auflaufen. Andere sitzen noch spät im Büro, dabei haben sie in den Morgenstunden ihre produktive Phase. "Der Mensch ist ein Rhythmus-Tier", sagt Professor Michael Kastner vom Institut für Arbeitsmedizin und Arbeitspsychologie in Herdecke (NRW) zu "Bild". "Die innere Uhr bestimmt unseren Stoffwechsel und den Schlaf-Wach-Rhythmus. Der Takt ist angeboren. Wer darauf hört, nutzt seine Zeit effektiver, ist leistungsfähiger und lebt auch gesünder."

Doch oftmals können wir nicht darauf hören: Kinder müssen in die Schule, der Bürojob startet um 8 Uhr morgens. Sich noch mal im Bett umdrehen, ist einfach nicht vorgesehen. Dass unsere Gesellschaft vorsätzlich gegen die innere Uhr der Menschen arbeitet, wissen Chronobiologen. Sie untersuchen, wie sich die innere Uhr auf die Menschen auswirkt. In Untersuchungen fanden sie heraus, dass es zwei Chronotypen in der Bevölkerung gibt: Die "Nachteulen", die eher als Langschläfer funktionieren, und die "Lerchen", die morgens gut aus dem Bett kommen und eher als Frühaufsteher leben. Ob nun früh oder spät ist genetisch bedingt - umerziehen kann man Menschen nicht. Lediglich Teenager fallen aus dem Rahmen, fanden Forscher heraus. In der Pubertät entwickeln sich Menschen zu Nachteulen. "Weshalb sich bei Jugendlichen die Schlafphasen so deutlich nach hinten verschieben, wissen wir noch nicht", sagt Thomas Kantermann, Chronobiologe an der Universität Groningen zur "Zeit". Für die Jugendlichen sind die frühen Schulzeiten nicht gut - das gilt auch für ihre Leistungen. "Wir selbst und Kollegen weltweit haben Studien dazu gemacht. Je später der Chronotyp, desto schlechter sind die schulischen Leistungen", sagt Kantermann.

Mitarbeiter brauchen keinen Wecker mehr

Wir lernen also schon früh, gegen die innere Uhr anzukämpfen. Gesund ist das nicht. Wer dann noch im Schichtdienst arbeitet, bringt seinen Biorythmus komplett aus dem Gleichgewicht. "Das Gesundheitsrisiko von Schichtarbeitern ist deutlich erhöht, und zwar für die meisten Krankheitsbilder, von Schlafproblemen, über Herz- Kreislauferkrankungen bis hin zu Krebs. Allerdings haben wir die Zusammenhänge bisher nur unzureichend verstanden", sagt Kantermann.

Was mit Angestellten passiert, die auf ihre innere Uhr hören, wollte das Familienunternehmen Späh aus Baden-Württemberg herausfinden. Bei dem Spezialisten für Dichtungen und Kunststoffzuschnitte wagen 14 Mitarbeiter ein Experiment: Von Februar bis Juli 2019 verzichteten sie auf ihre Wecker und lebten nach der inneren Uhr. Zunächst wurden die Kandidaten für die Testphase genau auf ihren Chronotyp untersucht. "Das ist nämlich nicht so einfach. Nur weil jemand beim Weckerklingeln nicht sofort topfit ist, heißt das nicht, dass es optimal für ihn wäre, erst um 12 Uhr mit der Arbeit zu beginnen", sagte Lelja Späh, die als New Work Managerin im Unternehmen arbeitet, der "Schwäbischen Zeitung". Die Unternehmerfamilie Späh sei an der Experiment sehr interessiert. "Es entstand die Vision, dass wir speziell für unsere Mitarbeiter ein Arbeitsmodell stricken könnten, das zu ihrer inneren Uhr passt“, sagt Lelja Späh weiter.

Die Mitarbeiter durften abgesehen von Notfällen und Ausnahmen keinen Wecker nutzen, auch nicht an freien Tagen. Sie führten ein Tagebuch, in dem sie die Schlafenszeit und die Aufwach-Uhrzeit eintrugen. Dazu gab es Gesprächstermine in der Gruppe. Laut Späh sei es interessant gewesen zu gucken, wann jemand tatsächlich im Büro auftaucht und welche Probleme sich dadurch ergeben würden. 

Gleitzeit, die nicht gelebt wird

Während des Experiments zeigte sich: Es verändert sich einiges, aber extrem sind diese Veränderungen nicht. So gibt es bei der Firma Späh Gleitzeit, die Mitarbeiter fangen zwischen 7 und 9 Uhr morgens an. "Das hat aber niemand gelebt", sagt Sarah Hofmann, die an dem Test teilgenommen hat, zum "Standard". "Man wusste: Wenn die Kollegen um sieben Uhr da sind, sollte ich auch da sein. Das Leben ohne Wecker ist eine Legitimation, wirklich später zu kommen." Die Befürchtungen der Geschäftsführung, dass die Kollegen alle erst mittags ins Büro kommen würden, bestätigten sich aber auch nicht. Die meisten nutzten nur erstmals die Gleitzeit auch wirklich aus. 

Insgesamt schliefen die Mitarbeiter an Arbeitstagen ohne Wecker rund 30 Minuten länger, an freien Tagen war es sogar eine Stunde. Bei einer durchschnittlichen Schlafzeit von sieben Stunden pro Nacht ist das ein enormer Wert. Insgesamt berichten sie, dass sie fitter aufgestanden seien. 

Das wirtschaftliche Potenzial von Schlaf

"Bei der Personalplanung steht nach wie vor die Ökonomie im Vordergrund. Chronobiologie und Schlaf spielen in den wenigsten Unternehmen eine echte Rolle, obwohl sie hohes wirtschaftliches Potenzial haben", sagt Berater Michael Wieden, der Unternehmen beim betrieblichen Gesundheitsmanagement zum Thema Chronobiologie und Schlaf berät, zu "t3n". Er führte auch die Testphase beim Unternehmen Späh durch. Laut Wieden würden Firmen umsteuern - auch wenn es nur kleine Schritte seien. "Unbewusst ­haben Unternehmen Erkenntnisse aus der Chrono­biologie mit ­flexiblen Arbeitszeiten bereits umgesetzt", sagt Wieden weiter.

Auch die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) experimentieren mit neuen Zeitmodellen. So konnten Mitarbeiter mitentscheiden, ob sie in der Nacht-, Früh-, Mittel- oder Spätschicht eingesetzt werden. "Wir versuchen, unseren Mitarbeitern die Wunschschichten zu erfüllen", sagt BVG-Sprecherin Petra Nelken. "Allerdings stoßen wir an Grenzen, weil darüber hinaus auch noch Fahrzeug- und Linienkenntnisse zu beachten sind. Der Aufwand für die Planung ist daher sehr groß.“ Bei ThyssenKrupp startete ebenfalls ein Projekt mit der Uni München, um die innere Uhr der Mitarbeiter stärker in den Fokus zu rücken. Danach kehrte der Konzern aber wieder zum Normalbetrieb zurück. Auch bei der Firma Späh wird es bei der Projektphase bleiben - allerdings zieht das Unternehmen Erkenntnisse aus dem Versuch. "Man könnte künftig im Bewerbungsverfahren Schichtarbeiter gezielt nach Chronotyp suchen", sagt Lejla Späh zum "Standard". Dann würde für die Spätschicht eben eine Nachteule eingestellt.

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