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Abenteuerurlaub : "Bereit sein fürs Ungewisse"

ZEIT ONLINE-Logo ZEIT ONLINE 17.04.2019 Tina Pokern

Raus aus dem Alltag, rein ins Abenteuer – mit kleinem Budget, ohne viel Urlaub. Christo Foerster entdeckt mit Mikroabenteuern die Welt vor der Haustür.

Spontan verreisen, einfach mal andere Wege gehen – oder, wie Christo Foerster sagt: © Torsten Kollmer Spontan verreisen, einfach mal andere Wege gehen – oder, wie Christo Foerster sagt:

Rausgehen, mit Routinen brechen, einfach mal was anderes machen: So könnte man Christo Foersters Idee knapp zusammenfassen. In seinem Buch "Mikroabenteuer" beschreibt der Motivationstrainer, wie wir mit kleinen Fluchten aus dem Alltagstrott das Leben aufregender gestalten können. Sollen wir jetzt alle den nächsten Berggipfel erklimmen? Und warum braucht es überhaupt einen neuen Namen dafür, das Gewohnte hinter sich zu lassen?

ZEIT ONLINE: Denkt man an Abenteuer, denkt man an unbekannte Welten und große Entdecker. Doch was bitte sind Mikroabenteuer?

Christo Foerster: Da geht es vor allem darum, aus der eigenen Komfortzone zu kommen, Herausforderungen anzunehmen und diese in der direkten Umgebung zu suchen. Das zu entdecken, was vor den eigenen Füßen liegt. Dafür braucht man kein großes Budget oder viel Urlaub, auch die Destination ist nicht so wichtig.

ZEIT ONLINE: In anderen Worten: Man geht vor die Haustür und schaut sich um. Das soll Spaß machen?

Foerster: Tatsächlich ist es so, dass man alles, was man sich von einem großen Abenteuer erwartet und an ihm schätzt, auch im Kleinen finden kann. Ich bin fest davon überzeugt, dass in der Idee des Mikroabenteuers noch etwas viel Wertvolleres liegt als im großen Abenteuer – nämlich, den Alltag neu zu denken. Das Mikroabenteuer lässt sich auch in eine volle Arbeitswoche integrieren. Was in Hamburg zum Beispiel immer geht: aufs Wasser, die Flüsse erkunden! Wir sind einmal viele Stunden lang den Alsterlauf abgefahren. Das geht mit Stand-up-Paddling-Board, Kanu oder Kajak.

ZEIT ONLINE: Sie selbst sind schon mal spontan über Nacht von Hamburg nach Berlin geradelt – das war eher eine größere Aktion. Wo fängt ein Mikroabenteuer an und wann wird’s Makro?

Foerster: Was ein kleines, ein großes oder überhaupt ein Abenteuer ist, lässt sich unmöglich definieren. Das beginnt bei jedem Einzelnen woanders. Ich habe für mich persönlich aber ein paar Regeln aufgestellt. Ich schlafe immer draußen, ohne Zelt. Ich benutze weder Auto noch Flugzeug. Und ein Mikroabenteuer dauert für mich mindestens 8 und maximal 72 Stunden. Außerdem ist die Herausforderung wichtig. Das heißt nicht, dass es immer höher, schneller, weiter gehen muss, denn so läuft es ja oft schon im Alltag. Eine Herausforderung kann es auch sein, sich 24 Stunden im 100-Meter-Radius aufzuhalten und alles ganz intensiv wahrzunehmen.

Christo Foerster ist Diplom-Sportwissenschaftler, Motivationstrainer und Autor des Buchs © Torsten Kollmer Christo Foerster ist Diplom-Sportwissenschaftler, Motivationstrainer und Autor des Buchs

ZEIT ONLINE: Diese Abenteuer sind also auch für Anfänger ohne Kondition geeignet, ohne Campingequipment?

Foerster: Gerade für Anfänger oder Menschen, die gern draußen sind, aber so etwas lange nicht mehr gemacht haben, sind Mikroabenteuer spannend. Zum Einstieg kann man doch einfach mal draußen übernachten, ohne Zelt. Dafür muss man auf keinen Berggipfel steigen. Das geht auch im eigenen Garten.

ZEIT ONLINE: Damit wird das Rad aber nicht unbedingt neu erfunden ...

Foerster: Es übernachtet kaum einer einfach mal so im Freien, obwohl das einen ganz besonderen Zauber hat. Aber ja, erfahrene Outdoorsportler schmunzeln vielleicht darüber und fragen sich, warum man solchen Aktivitäten jetzt einen neuen Namen geben muss. Ich verstehe das, habe aber bei mir selbst gesehen, dass diese Idee extrem motivieren kann.

ZEIT ONLINE: Motivation ist ein gutes Stichwort. Auf dem Sofa oder dem Balkon ist es ja auch sehr gemütlich. Wie gelingt der erste Schritt?

Foerster: Wenn das Sofa auf der Prioritätenliste höher steht als der Wunsch nach einem Abenteuer draußen, wird es schwierig. Hinbekommen kann man es trotzdem, indem man sich inspirieren lässt, sich mit anderen unterhält. Zur ersten Tour muss man sich vielleicht ein Stück weit disziplinieren – gerade wenn das Wetter erst einmal nicht so toll scheint. Aber auch dann kann die Erfahrung großartig werden. Denn dann ist es leer an den Orten, die bei gutem Wetter oft überfüllt sind. Außerdem gibt es kein schlechtes Wetter, nur schlechte Kleidung. Diese alte Weisheit stimmt.

ZEIT ONLINE: Was sollte unbedingt dabei sein, wenn man sich auf den Weg macht?

Foerster: Ich will nicht den Eindruck erwecken, dass man viel braucht für so ein Mikroabenteuer, denn das führt wieder zu Ausreden. Klar, man sollte schauen, dass man dem Wetter nicht schutzlos ausgeliefert ist, ansonsten kann man im Prinzip mit Turnschuhen los. Ein gutes Profil an den Schuhsohlen ist nicht schlecht. Im Zweifel kann man sich aber auch mal was leihen oder fürs nächste Mal nachrüsten. Denn ja, angenehmer wird’s mit besserer Ausrüstung schon.

ZEIT ONLINE: Ob nun platte Fahrradreifen oder der Verlust der Orientierung – auf so einem Trip kann einiges schiefgehen. Wie wichtig ist ein Notfallplan?

Foerster: Das sind doch gerade die Momente, die so ein Abenteuer auch ausmachen! Man muss bereit sein für das Ungewisse, dafür, dass man vorher nicht genau weiß, wie es ausgeht. Viele Menschen wollen das Abenteuer, aber auch die Garantie, dass es so läuft, wie sie es sich zuvor erdacht haben. Manchmal greifen aber zurechtgelegte Muster nicht, nicht alle Eventualitäten sind absehbar. Natürlich sollte man trotzdem nicht blauäugig los.

ZEIT ONLINE: Wo findet man ein solches Mikroabenteuer in einer Großstadt wie Hamburg? Zelten auf der Reeperbahn?

Foerster: Das habe ich noch nicht gemacht, das reizt mich auch nicht. Ich suche schon eher Orte, an denen nicht alle zehn Minuten jemand kommt und etwas von einem will. Gerade in Großstädten ist es nicht einfach, solche Möglichkeiten aufzutun. Da muss man schon genauer gucken. Eigentlich geht man da vor wie die Abenteurer bei großen Expeditionen. Man nimmt sich etwas vor, beginnt zu recherchieren, schaut sich Google Maps an, spricht mit Leuten, fährt vielleicht sogar mal vorbei. So habe ich eine schöne Stelle zum Übernachten in der Nähe des Containerterminals Waltershof gefunden. Von dort hat man einen fantastischen Blick über den Hafen.

ZEIT ONLINE: Und wie überlebt der Laie nachts allein im Nirgendwo?

Foerster: Das hat oft mehr mit Kopfkino zu tun. Nachts im dunklen Wald ist es wahrscheinlich so sicher wie sonst an keinem Ort in Deutschland. Da ist ja sonst niemand, auch kein Kettensägenmörder. Das Mikroabenteuer muss aber nicht mit dem Outdoorerleben verknüpft sein. Es geht darum, etwas Aufregendes zu tun, was anderes als im Alltag. Man kann auch mal drei Stunden im Sachsenwald spazierengehen. Oder sich jeden Monat ein anderes Stadtviertel aussuchen und dieses neu entdecken. Oder man nimmt sich ein paar Wochenenden hintereinander den Wanderweg Grüner Ring vor.

ZEIT ONLINE: Ob man dazu wohl auch Kinder motivieren kann?

Foerster: Ich habe selbst zwei und kann sagen, dass ganz kleine Kinder die besten Abenteurer überhaupt sind. Die wollen am liebsten nur draußen sein und entdecken. Es sollte aber nicht um bestimmte Ziele und Strecken gehen, die geschafft werden müssen. Davon sollte man sich freimachen und im Zweifel lieber woanders übernachten oder ein Stück mit dem Bus fahren. Wenn die Kinder älter werden, wächst die Bequemlichkeit. Dann sind sie schon auf dem Weg zu dem, was wir heute sind. Wichtig ist, dass man sie in die Planungen einbezieht, sie ernst nimmt, Dinge mitbestimmen lässt und sie dort abholt, wo auch ihre Interessen liegen.

Dies ist ein Artikel aus dem Hamburg-Ressort der ZEIT. Hier finden Sie weitere News aus und über Hamburg.

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