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Pick Me Girl: Ich bin nicht wie andere Frauen!

ZEITjUNG-Logo ZEITjUNG 23.11.2021 Rahel Arleth

Ein Pick Me Girl tut sehr viel, um die Aufmerksamkeit von anderen zu erhalten. Selbst, wenn das bedeutet, andere Frauen abzuwerten.

Pick me girl © ZEITjUNG Pick me girl

Kaum öffnet man YouTube, Instagram oder TikTok, springen sie einen an wie die Hyänen aus König der Löwen. Hübsch zurechtgemachte Frauen, die behaupten, sie seien einfach nicht wie die anderen Mädchen und überhaupt kämen sie mit Männern auch viel besser klar. Was ist das für ein Verhalten und warum haben Frauen so häufig das Gefühl, dass sie mit anderen Frauen konkurrieren müssten?

Als Pick Me Girl bezeichnet man Frauen oder Mädchen, die alles tun, um Männer zu beeindrucken und ihnen deutlich zu machen, dass sie „nicht wie andere Mädchen“ sind. Betrachtet man dieses Verhalten genauer, so erkennt man hinter der Fassade relativ schnell internalisierte Frauenfeindlichkeit. Das meint zumindest das Urban Dictionary. Aber ist es wirklich so einfach?

Pick Me Girls verhalten sich häufig reserviert oder zurückweisend gegenüber anderen Frauen, um bei Männern als „die Gute“ zu gelten. Besonders eindrucksvoll konnte man dieses Verhalten während der Me-Too-Debatte auf Twitter beobachten, als Frauen sich in die Diskussion einmischten und sich auf die Seite der Männer stellten. Wobei „Männer“ hier lediglich Personen meint, die nicht in der Lage sind, die körperlichen und psychischen Grenzen von anderen Menschen zu akzeptieren.

In einer Art vorauseilendem Gehorsam schrieben einige Frauen unter die Erfahrungsberichte von Opfern sexueller Übergriffe Kommentare wie: „Stell dich nicht so an. Kein Wunder, wenn du so rumläufst.“ Oder „Ach komm, wie sollen Männer denn sonst flirten? Hab dich mal nicht so.“ Solidarität sieht sicher anders aus.

Quelle: micheyedraws © Bereitgestellt von ZEITjUNG Quelle: micheyedraws

Ein Pick Me Girl ist dementsprechend eine misogyne Frau, die andere Frauen runtermacht, um männlichen Zuspruch zu erhalten und somit besser dazustehen. Es geht im übertragenen Sinne um das eigene Territorium. Nur leben wir eben nicht mehr in der Steinzeit.

Der Arche-Typ des Pick Me Girls ist – und jetzt müssen alle Fans mal ganz kurz sehr stark sein – Taylor Swift in ihrem Song „You belong with me“. Ja, richtig. Im Lied vergleicht sie sich mit der Freundin ihres Schwarms, die sich sehr viel femininer und mädchenhafter kleidet als sie selbst. In den Lyrics wird relativ schnell klar, was Taylor über den Kleidungsstil und das Verhalten der anderen Frau denkt. Sie ist der Meinung, dass dieser Junge viel besser zu ihr passt, weil sie ihn einfach versteht. Sie trägt im Gegensatz zu anderen Frauen T-Shirts und Shorts, schminkt sich kaum und ist ein ziemlicher Nerd. Attribute, die sie von anderen Mädchen abgrenzen. Na klar. Das ganze Konzept des Songs beruht auf der Idee, dass man zwar das Sexsymbol datet, aber dann doch lieber das süße Mädchen von nebenan heiratet. Eine Vorstellung, die nicht nur unter Pick Me Girls boomt.

Pick Me Twitter

Nachdem das Phänomen in der breiten Masse einen Namen bekommen hatte, konnte natürlich auch Twitter nicht widerstehen. In 2018 ging #tweetlikeapickme viral. Unter diesem Hastag twitterten Frauen wie Männer Sätze, bei denen man vor Scham im Erdboden versinken möchte. Denn viele dieser Tweets wandeln auf dem schmalen Grad zwischen Ironie und brachialer Ehrlichkeit.

Mittlerweile lassen sich sogar unterschiedliche Kategorien feststellen. Beispielsweise finden sich unter den Pick Me Girls die Ehefrauen. Diese wachsen über sich hinaus, um von Männern als möglichst attraktive und angenehme Partnerin fürs Leben betrachtet zu werden. Sie haben häufig übertriebene Ansprüche an sich selbst und ihr Umfeld und vertreten das Ehebild der 1950er Jahre. Aussagen wie: „Mein Mann muss sich im Haushalt um nichts kümmern. Das ist Frauenarbeit“, sind hier weit verbreitet. Die Krux an diesem Beziehungsbild ist jedoch, dass die Frau mit der Zeit die Mutterrolle übernimmt und der Mann infantilisiert wird. Das scheint für viele Frauen, die dieses Rollenbild vertreten, jedoch kein Problem darzustellen. Hauptsache sie sind nicht so aufreizend und gestylt wie die – aus ihrer Sicht – verzweifelten Singles.

Sowieso scheint Slutshaming unter Pick Me Girls hoch im Kurs zu stehen. Da werden Frauen für kurze Kleider, zu viel Makeup und ihren Tanzstil beleidigt. Es wird Bodyshaming betrieben als wäre es ein Wettbewerb und aus einem falsch verstandenen Feminismus heraus werden Witze über Sexarbeiter*innen gemacht.

Was diese Frauen häufig nicht zu verstehen scheinen ist, dass es nicht hilfreich ist, seine Energie gegen andere Frauen einzusetzen. Denn das bringt niemanden langfristig gesehen weiter. Die Zauberwörter heißen auch hier mal wieder Solidarität und Aufklärung.

Das Problem ist, dass man mit so einem Verhalten nicht nur anderen Frauen schadet, sondern auch sich selbst. Mir ist schon klar, dass viele dieser Damen derartige Äußerungen tätigen, ohne sich dessen bewusst zu sein, doch das macht es nicht weniger dramatisch. Denn auch verdeckte Frauenfeindlichkeit ist Frauenfeindlichkeit. Also, warum nicht mal Frauenbanden gründen und sich füreinander einsetzen? Macht auch viel mehr Spaß und wer weiß, vielleicht merkt man dabei auch, dass man doch ganz genau so ist wie andere Mädchen.

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Bildquelle: Yan Krukov von Pexels; CC0-Lizenz

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