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Wer sich kümmert, verliert [premium]

Schaufenster-Logo Schaufenster 09.12.2022 von Anna Gabriel
Kinderbetreuung und Teilzeitbeschäftigung werden oft zur finanziellen Falle für Frauen – besonders nach einer Trennung.  / Bild: Getty Images © Kinderbetreuung und Teilzeitbeschäftigung werden oft zur finanziellen Falle für Frauen – besonders n... Kinderbetreuung und Teilzeitbeschäftigung werden oft zur finanziellen Falle für Frauen – besonders nach einer Trennung. / Bild: Getty Images

Tanja ist frisch geschieden. Seit der Geburt ihrer Kinder vor acht Jahren ist sie teilzeitbeschäftigt. Sie holt die Zwillinge von der Schule ab, serviert ihnen das Mittagessen, danach machen sie gemeinsam die Hausübung. Finanziell war es für die Familie nie ein Problem, dass nur der Vater Vollzeit arbeitet. Nach der Trennung aber kann Tanja sich die ehemals gemeinsame Wohnung, aus der ihr Ex-Mann nun ausgezogen ist, trotz Unterhaltszahlungen kaum mehr leisten. Eine Vollzeitstelle ist auch keine Option, da die zweifache Mutter sich ja um die Kinder kümmern muss: Die Großeltern wohnen nicht in der Nähe und sind betagt, das tägliche Pendeln und die Betreuung der Kleinen wäre ihnen nicht mehr zumutbar.

Es ist ein Phänomen, das Susanne Garsoffky und Britta Sembach in ihrem Buch „Die Kümmerfalle: Kinder, Ehe, Pflege, Rente – Wie die Politik Frauen seit Jahrzehnten verrät“ thematisieren – und an dem sich in über einem halben Jahrhundert, das Frauen um Gleichberechtigung in Partnerschaft, Familie und Beruf kämpfen, nur Marginales geändert hat, wie die beiden Autorinnen kritisieren. Dass die Betreuung Angehöriger – seien es die eigenen Kinder oder pflegebedürftige Erwachsene – nach wie vor zu einem großen Teil bei den Frauen hängen bleibt, wird anhand von Zahlen deutlich: In Deutschland etwa beträgt der so genannte „gender care gap“ 52,4 Prozent. In absoluten Zahlen heißt das, dass Frauen im Schnitt vier Stunden und 13 Minuten täglich für Haushalt und Betreuung Angehöriger aufwenden, Männer dagegen nur zwei Stunden und 46 Minuten. Bei jungen Familien mit kleinen Kindern beträgt der Unterschied sogar 110 Prozent, wie die Autorinnen festhalten.

In Österreich ist die Situation kaum besser – führt man sich doch die Tatsache vor Augen, dass die weibliche Teilzeitquote (47 Prozent) fast fünfmal so hoch ist wie jene der Männer (10 Prozent). Obwohl der Anteil an Erwerbstätigen mit 53 zu 47 Prozent nur knapp zugunsten der Männer ausfällt, erhalten sie 63 Prozent der Gesamtlohnsumme, wie Zahlen der Statistik Austria belegen. Hinzu kommt, dass außerhalb Wiens nur jeder fünfte Kindergarten lange genug geöffnet hat, um überhaupt Vollzeit arbeiten gehen zu können. Das Ungleichgewicht hat sich während der Coronapandemie weiter verschärft. Eine Auswertung des Austrian Corona Panel Projects (ACPP) der Universität Wien zeigt, dass Mütter im Schnitt sieben Stunden am Tag mit der Kinderbetreuung und drei Stunden mit Hausarbeit verbrachten, während sie ihre Erwerbstätigkeit stärker reduzierten als die Väter, die sich durchschnittlich nur drei Stunden am Tag um die Kinder sorgten.

Sichtbar machen. „Care-Arbeit muss sichtbar und messbar gemacht und vor allem in konkreten Zahlen abgebildet werden“, fordern Garsoffky und Sembach. Denn: „Wir haben keine Lust mehr, für das bestraft zu werden, was eine Gesellschaft dringend braucht und was viele von uns tatsächlich verantwortungsbewusst und mit Leidenschaft tun.“

Damit sprechen die Autorinnen wohl vielen Frauen aus der Seele. Laura gehört dazu. Sie ist mit drei kleinen Kindern, Hausarbeit und einer Teilzeitstelle heillos überlastet. Ein täglicher Spagat für ein kleines Gehalt, sagt sie. Das sei mitunter frustrierend, auch wenn sie es genieße, die Kinder aufwachsen zu sehen – während der Vater es nach dem Job gerade einmal schafft, die Kleinen ins Bett zu bringen. Nicht immer versteht er, warum Laura abends so ausgelaugt ist, obwohl sie nur vier Stunden täglich arbeitet. Gemeint ist freilich die Erwerbstätigkeit. „Dass Kinderbetreuung auch Arbeit ist – wenngleich eine unbezahlte – bedenkt er dabei nicht“, sagt die Mutter. Oft sind es gar nicht nur Betreuung und Haushalt selbst, die so viele Kapazitäten binden.

Es ist viel mehr die gesamte Organisation des Alltags, auf neudeutsch als „Mental Load“ bezeichnet, die bei betroffenen Frauen Tag und Nacht im Kopf rattert. Die logistische Herausforderung, drei Kinder zwischen Arztterminen, Fußball und Ballett zu jonglieren, darauf zu schauen, dass sie ihre Schultasche ordentlich packen und nebenbei den Kuchen für den Freundesbesuch am Nachmittag zu backen.

„Es ist der gesamte Komplex von Sich-Gedanken-machen-um, Sorgen-für. Von Impftermine erinnern bis Geburtstagsgeschenke kaufen“, heißt es treffend in der „Kümmerfalle“. Dass diese Arbeit nicht entlohnt wird, ja, nicht einmal als richtige Arbeit anerkannt wird, sei nicht nur unfair, sondern auch eine finanzielle Falle, warnen die Autorinnen. Wer Teilzeit arbeitet, erhält nur eine kleine Pension. Das Problem verschlimmert sich nach einer Scheidung drastisch – wie im Falle von Tanja. Da Frauen im Schnitt länger leben als Männer, sind sie auch weit häufiger von Altersarmut betroffen.

„Wer sich kümmert, zieht immer den Kürzeren“, lautet daher ein reichlich demoralisierendes Fazit der „Kümmerfalle“. In finanzieller Hinsicht mag das zutreffen, wenngleich der Gewinn von Care-Arbeit eben nicht in Zahlen messbar ist. „Die Liebe meiner Kinder gibt mir jeden Tag aufs Neue die Zuversicht, alles richtig zu machen“, sagt auch Laura. Dass andere diesen Verdienst anerkennen – wie bei jemandem, der beruflich erfolgreich ist – komme aber kaum vor, bedauert sie. „Es wäre wichtig, dass Care-Arbeit endlich denselben Stellenwert hat wie bezahlte Arbeit.“

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