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Heeres-Oberst sieht "gefährliche Eskalationsspirale"

Heute-Logo Heute 17.08.2022
Oberst Markus Reisner ist Leiter der Entwicklungsabteilung an der Theresianischen Militärakademie. © Screenshot YouTube / Bundesheer Oberst Markus Reisner ist Leiter der Entwicklungsabteilung an der Theresianischen Militärakademie.

Kann die Ukraine noch gewinnen? Wenn Ja, wie? Bundesheer-Experte Markus Reisner überrascht zum 175. Tag des Krieges mit einer dramatischen Analyse.

Seit Beginn des Krieges beobachtet Bundesheer-Oberst Markus Reisner die Kämpfe in der Ukraine unter dem Gesichtspunkt seiner militär-taktischen Expertise. Jetzt, am 175. Tag der Invasion, zieht der Leiter der Entwicklungsabteilung an der Theresianischen Militärakademie Wiener Neustadt eine brisante Zwischenbilanz.

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Im sechsten Monat des Krieges um die Ukraine stelle sich dieser blutige und verheerende Konflikt nach wie vor als ein "Wechselbad der Gefühle" dar. Im Meer der Propaganda-Meldungen beider Seiten werde es zunehmend schwerer, den Überblick zu behalten, so Reisner zu Beginn seiner auf "bundesheer.at" veröffentlichten Analyse. Und auch die Aufmerksamkeit der Welt, so der Offizier, würde sich anderen, neueren Konflikten zuwenden, welche vermehrt die Titelseiten füllen: "Wie bei länger andauernden Konflikten üblich, tritt zudem eine gewisse Resignation in der regionalen und globalen Medienberichterstattung ein".

Dazu komme, dass westliche Nachrichtendienste laufend über die gravierenden Schwächen der russischen Einsatzführung berichten und sogar den baldigen Zusammenbruch des russischen Angriffes voraussagen würden. "Doch dieser Kollaps tritt nicht ein. Das Gegenteil scheint der Fall", schreibt Reisner mit Verweis auf die langsam aber stetig vorrückenden Russen im Donbass und die weiter funktionierende Verteidigung der eroberten Stadt Cherson.

Innerhalb Russlands habe Wladimir Putins Medienmaschinerie inzwischen sogar den nach gravierenden Pannen notwendig gewordenen Abzug seiner Truppen aus dem Raum Kiew seiner Bevölkerung erfolgreich als Teil des Gesamtplans der "Demilitarisierung" der Ukraine verkauft.

"Betrachtet man die Kämpfe im Detail, so erkennt man aus militärischer Sicht eines: Die westlichen Waffenlieferungen zeigen zwar Wirkung, aber noch immer nicht in durchschlagender und nachhaltiger Form. Das Ergebnis muss messbar sein." Erst bei einem vollumfassenden Stopp der russischen Angriffe oder bei einem Zurückweichen der russischen Truppen wie im März bei Kiew könne man "aus nüchterner, objektiver und militärischer Sicht tatsächlich von einer Wende im Krieg sprechen".

Sein Fazit in diesem Punkt ist vernichtend: "Die bis jetzt eingetroffenen westlichen Waffenlieferungen bewirken, dass die ukrainischen Streitkräfte 'zu viel zum Sterben und zu wenig zum Leben haben'." Wenn die 16 US-Mehrfachraketenwerfer vom Typ HIMARS so durchschlagende Erfolge liefern würden, wie es Kiew propagiert, dann stelle sich für ihn nur die Frage: "Warum liefern die USA nicht mehr?"

Das Grundproblem der Ukraine, nämlich den Mangel an modernen Waffen, habe der Westen immer noch nicht ausreichend ausgeglichen. Wichtige Kernfähigkeiten wie Flugabwehr mit hoher Reichweite, seien gar nicht, oder in zu geringer Stückzahl geliefert wurden. Das könnten die schwer angeschlagenen ukrainischen Luftstreitkräfte trotz ihres "mutigen" Einsatzes kaum ausgleichen. Und auch auf dem Boden würden die vielen Verluste immer mehr das Kampfgeschehen beeinflussen: "Viele Berufssoldaten sind gefallen oder verwundet. Der personelle Ersatz wird oft nach unzureichender Ausbildung und mit kaum vorhandener Ausstattung an die Front geschickt."

Die bisher gelieferten Artilleriesysteme würden laufend an der knapp 1.200 Kilometer langen Frontlinie verschoben werden müssen, um die gewünschten Effekte zu erzielen. Da hinken nicht nur die Munitionslieferungen hinterher, sondern die ukrainische Generalität müsse – trotz immenser Aufklärungsunterstützung durch die USA – immer entscheiden, welchen Frontabschnitt sie dann wieder ungeschützt lassen müsse.

Reisner zieht dabei Parallelen zum Ersten Weltkrieg: "In der Ukraine sind auf dem Gefechtsfeld zudem eindeutig alle Merkmale eines zermürbenden Abnützungskrieges erkennbar. Wie vor knapp einhundert Jahren bestimmt der Einsatz der Artillerie die Situation an der Front. Das laufenden 'Trommelfeuer' soll die gegnerischen Stellungen 'sturmreif' schießen. In der Tiefe des Gegners versucht man, dessen Nachschub zu unterbrechen oder zu zerstören. Eisenbahnlinien, Brücken und Bahnhöfe haben hohe Bedeutung." Die hochmoderne Technik, die dabei zum Einsatz komme, täusche nur darüber hinweg, "dass der Krieg nach wie vor mit äußerster Brutalität geführt wird."

Für die Ukrainer ein riesiges Problem: Wird ein Abschnitt der Front von den ukrainischen Streitkräften zu stark 'ausgedünnt', steigt dort sofort der russische Druck. Das sei derzeit westlich von Donetsk bei Marjinka, Pesky und Awdijiwka zu sehen, wo Putins Truppen in den letzten Tagen begonnen hätten, die starke erste ukrainische Verteidigungslinie zu durchbrechen. Gelingt ihnen das nachhaltig, könnte sich der Kessel von Lyssytschansk hier bald wiederholen.

Westlich es überschrittenen Siwerskij Donetsk-Flusses stünden die russischen Truppen nun vor Sewersk und der wesentlich schlechter ausgebauten zweiten Verteidigungslinie. Hinter der dritten Linie bei Slowjansk und Kramatorsk wäre dann der Weg für die Russen bis zur natürlichen Barriere des Dnepr frei. "Ein Durchbruch in der Tiefe, z.B. bei Izjum hinter die 'dritte' Linie würde zu einem ukrainischen Desaster im Donbass führen. In den Wäldern von Izjum liefern sich ukrainische und russische Spezialeinsatzkräfte im Verborgenen ein blutiges Gemetzel."

Spektakuläre Angriffe der Ukrainer, wie die schwere Beschädigung der wichtigen Brücken über den Fluss Dnepr bei Cherson, die bis jetzt über fünfzig erfolgreichen Angriffe auf russische Munitionslager sowie nicht zuletzt die Zerstörung von Flugplätzen und Munitionslagern auf der Krim seien zwar für spektakuläre Schlagzeilen geeignet, aber hätten bisher noch keine Einstellung der Kämpfe erzwingen können.

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