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Corona-Pandemie: "Es könnte gut sein, dass wir mehrere Wellen sehen werden"

ZEIT ONLINE-Logo ZEIT ONLINE vor 3 Tagen Alexandra Endres

Wie modelliert man eine Pandemie? Und ist Corona schlimmer als Naturkatastrophen? Gespräch mit Christoph Nabholz vom Rückversicherer Swiss Re über Worst-Case-Szenarien

In der auf dem Berliner Messegelände aufgebauten Corona-Notklinik bereiten Beschäftigte die Betten vor. © Sean Gallup/​Getty Images In der auf dem Berliner Messegelände aufgebauten Corona-Notklinik bereiten Beschäftigte die Betten vor.

Risiken einzuschätzen gehört zum Kerngeschäft von Versicherungsunternehmen. Dafür nutzen sie teils sehr ausgefeilte und lang erprobte Modelle, die ständig überprüft und in regelmäßigen Abständen an die Realität angepasst werden müssen. Aber wie kann das in einer Pandemie funktionieren, die so vieles verändert, was zuvor als feste Größe galt? Christoph Nabholz ist beim Rückversicherer Swiss Re im Bereich Lebens- und Gesundheitsversicherung verantwortlich für die mortalitäts- und verhaltensökonomische Forschung und Entwicklung. Im Interview spricht er darüber, was die Modelle leisten können und von welchen Faktoren die weitere Ausbreitung der Pandemie abhängt. 

ZEIT ONLINE: Herr Nabholz, wie modelliert die Swiss Re eine Pandemie wie die gegenwärtige?

Christoph Nabholz: Völlig unabhängig von Corona: Als Rückversicherer hat Swiss Re ein Pandemiemodell. Wir müssen die Risiken, die wir eingehen, in unseren Büchern ausweisen und gegenüber den Regulierungsbehörden belegen, dass wir ausreichend solvent sind, um die Risiken im Schadensfall auch zu tragen. Und eine Pandemie ist ein Großrisiko, auf das wir ganz grundsätzlich immer vorbereitet sein müssen.

ZEIT ONLINE: Wie funktioniert so ein allgemeines Pandemiemodell?

Christoph Nabholz © privat Christoph Nabholz

Nabholz: Die meisten sind sehr wahrscheinlich nach dem Vorbild der Spanischen-Grippe-Pandemie aus dem Jahr 1918 gebaut. Wie hat sich die Grippe damals ausgebreitet? Wie viele Menschen sind zu welchem Zeitpunkt wo erkrankt? Wie viele sind gestorben? Wen traf die Pandemie besonders hart? Nimmt man das als Worst-Case-Szenario, kann man es an die heutigen Marktumstände anpassen und sieht, wie sich eine solche Pandemie heute auswirken würde. Damals gab es drei Grippewellen – es könnte gut sein, dass wir auch diesmal mehrere Wellen sehen werden.

ZEIT ONLINE: Was meinen Sie mit Marktumständen?

Nabholz: Die Medizin hat sich in den vergangenen 100 Jahren weiterentwickelt. Wir haben sehr viel mehr medizinische Kapazitäten aufgebaut. Es gibt neue Medikamente. Gegen Grippeviren gibt es Impfungen. Wir leben in einer stark globalisierten Welt. Das beeinflusst die Ausbreitung des Virus, aber es ermöglicht auch eine international koordinierte Reaktion. Ich finde es schon erstaunlich, wie schnell und stark die Regierungen weltweit – mit einigen Ausnahmen – reagiert haben. Das war angesichts des exponentiellen Wachstums der Infektionszahlen von enormer Wichtigkeit.

ZEIT ONLINE: Wie gut eignet sich die Grippe von 1918 als Modell für die aktuelle Corona-Pandemie?

Nabholz: Damals sind bei einer Weltbevölkerung von 1,8 Milliarden Menschen 50 Millionen Menschen gestorben – davon sind wir noch sehr weit entfernt. Ich glaube auch nicht, dass diesmal so viele Menschen sterben werden, eben weil die Regierungen sehr schnell sehr drastische Maßnahmen getroffen haben, um die Ausbreitung des Virus einzudämmen. Ich bin schon erstaunt, wie schnell man Ergebnisse gesehen hat.

ZEIT ONLINE: Konnten die Modelle das vorhersehen?

Nabholz: Die Modelle sind nicht dafür gemacht, Prognosen oder Vorhersagen zu liefern. Sie berechnen Szenarien – das heißt, sie schauen, wie sich die voraussichtlichen Infektionszahlen, die Zahl der Gestorbenen oder die wirtschaftlichen Schäden durch die Pandemie in Abhängigkeit von verschiedenen Parametern entwickeln. Solche Szenarien gibt es derzeit viele, nicht nur von uns und anderen Versicherern, sondern auch von Forschungsinstituten wie dem Imperial College in London, dem MIT oder Harvard. Erstaunlicherweise unterscheiden sich ihre Ergebnisse teilweise sehr.

»Um abzuschätzen, wie sich die Pandemie in Zukunft entwickelt, werden medizinische Fortschritte wichtiger.«

ZEIT ONLINE: Sie haben bereits einige mögliche Parameter genannt, die in die Modelle einfließen: die Ausbreitung früherer Pandemien, die medizinische Versorgung, politische Entscheidungen. Welche sind im Modell der Swiss Re die wichtigsten?

Nabholz: Im Moment ist sicher das Handeln der Regierung der einflussreichste Faktor. Um abzuschätzen, wie sich die Pandemie in Zukunft entwickelt, werden medizinische Fortschritte wichtiger. Welche Medikamente gibt es, die den Verlauf der Covid-19-Krankheit verbessern könnten? Wir haben bereits mehr als 1.300 klinische Versuche mit solchen Medikamenten registriert. Die Sterblichkeit könnte sich also verringern. Das Zweite, auf das wir schauen, ist natürlich der mögliche Impfstoff. Mehr als 100 Stoffe werden getestet, elf davon sind in klinischen Versuchen – zwei davon wurden nicht spezifisch für Covid-19 entwickelt, sondern für andere Krankheiten. Sie könnten aber möglicherweise dennoch helfen. Durch eine Impfung würden die Menschen immun, das Virus würde sich langsamer ausbreiten.

ZEIT ONLINE: Noch scheint nicht sicher, dass von Covid-19 Genesene immun sind.

Nabholz: Vielleicht nicht ihr Leben lang. Aber üblicherweise mutieren Coronaviren nicht so schnell wie die jährlichen Grippeviren. Für Sars und Mers zeigen Studien, dass die Immunität mindestens ein bis drei Jahre hält. Ich bin schon zuversichtlich, dass das Immunsystem der von Covid-19 Genesenen sie eine ähnlich lange Zeit vor der erneuten Infektion mit dem neuartigen Coronavirus schützt.

ZEIT ONLINE: Sie sagen, die wichtigsten Faktoren in den Modellen sind: das Handeln der Regierung, die Entwicklung von Medikamenten und Impfstoffen. Das klingt plausibel. Aber wenn es so schlicht ist, warum kommen verschiedene Institute in ihren Pandemiemodellen dann zu so unterschiedlichen Ergebnissen?

Nabholz: Was genau hinter den einzelnen Modellen steckt, ist leider nicht transparent. Ich denke, dass die Regierungspolitik bei den allermeisten ein zentraler Faktor ist. Das Imperial College beispielsweise hat schon sehr früh berechnet, wie stark sich beispielsweise Schulschließungen auf die Ausbreitung des Virus auswirken können oder die Schließung des öffentlichen Nahverkehrs.

Wie gut ein Modell die Wirklichkeit abbildet, kann man allerdings erst nach einigen Wochen sehen. Dann wird nachjustiert. Ich denke, das ist zentral. Weil solche Korrekturen vorgenommen wurden, liegen mittlerweile die Ergebnisse der Modelle viel näher beieinander. Zu Beginn der Pandemie mussten wir sehr stark mit Hypothesen arbeiten – und weil verschiedene Länder so unterschiedlich auf das Virus reagiert haben, können wir jetzt viel besser sehen, wie einzelne Maßnahmen wirken.

ZEIT ONLINE: Können Sie ein Beispiel geben?

Nabholz: Deutschland hat die Ausbreitung des Virus gut eingedämmt. Oder nehmen Sie Schweden. Dort gab es auch Restriktionen, aber die waren etwas zögerlicher – das sieht man jetzt auch an den schwedischen Mortalitätsraten. Trotzdem war die Epidemie dort nie außer Kontrolle.

ZEIT ONLINE: Was lässt sich daraus schließen?

Nabholz: Das Handeln der Regierung ist zwar zentral wichtig. Aber es kommt auch auf das Verhalten der Bevölkerung an. Das darf man gar nicht unterschätzen. Die Menschen haben ein Gefühl für das Risiko und sie passen sich daran an. Wie sie das tun, hängt von den sozialen Strukturen einer Gesellschaft ab und davon, wie sehr sie den Regierenden vertrauen.

ZEIT ONLINE: In Deutschland ist die Zustimmung zur Regierungspolitik trotz vereinzelter Proteste vergleichsweise hoch. Zugleich werden die Auflagen gelockert und viele Menschen, gerade jüngere, scheinen jetzt wieder sorgloser zu werden. Wie hoch ist das Risiko?

Nabholz: Es ist eine heikle Situation. Weil das Virus sich so schnell verbreitet, ist es so wichtig, anfangs schnell und entschlossen zu reagieren – und später eben nicht zu schnell zu lockern. Bisherige Studien legen nahe, dass Jugendliche und junge Erwachsene in der Regel weniger starke Symptome aufweisen. Aber sie sind üblicherweise sozial am aktivsten, treffen sich häufig mit Freunden, gehen viel aus. Dadurch können sie das Virus dann besonders schnell verbreiten. Das ist ein Szenario, das man nicht unterschätzen darf.

ZEIT ONLINE: Wie oft kalibrierten Sie bei der Swiss Re Ihr Corona-Pandemiemodell nach – alle paar Stunden, Tage, Wochen?

Nabholz: Man muss so ein Modell schon eine gewisse Zeit lang laufen lassen, um zu sehen, wie gut es die Wirklichkeit abbildet. Zwei, drei Wochen lang, vielleicht einen Monat. Zumindest machen wir das so: Sobald neue Erkenntnisse bekannt werden, die unsere bisherigen Annahmen wesentlich verändern, pflegen wir sie in unser Covid-19-Modell ein.

Andere nutzen dynamischere Modelle. Das Institute for Health Metrics and Evaluation an der University of Washington beispielsweise justiert fast täglich neu, um neue Daten zu berücksichtigen. Dadurch ist man näher an der Aktualität und das hat sicher auch Vorteile. Aber ich denke, man verliert dadurch leicht den Überblick darüber, wie verlässlich die einzelnen Komponenten die Realität abbilden.

»Grob gesagt wird eine Woche Shutdown jedes Land etwa ein halbes Prozent seiner jährlichen Wirtschaftsleistung kosten. Das ist enorm viel. «

ZEIT ONLINE: Der Klimarat arbeitet in seinen regelmäßigen Berichten mit unterschiedlichen Szenarien und leitet daraus ab, wie stark sich die Temperatur der Welt abhängig von einzelnen Faktoren in Zukunft erhöhen könnte. Wie viele Szenarien modellieren Sie für Covid-19?

Nabholz: Eine überschaubare Anzahl. Sie helfen uns dabei, die mögliche Bandbreite der Entwicklung abschätzen zu können, also zu sehen, was die maximalen und was die minimalen Auswirkungen des Virus sein könnten. Es ist ein stark simplifiziertes Modell, aber das ist zu Beginn einer Pandemie auch sinnvoll, um schnell arbeiten zu können. Anders ist es bei unserem großen Pandemiemodell, das wir brauchen, um nach den Vorgaben der Regulierungsbehörden das allgemeine Pandemierisiko zu berechnen, passen wir dies viel seltener an und wenn, dann höchstens ganz vereinzelt. Es hat mehr als 100 Faktoren und die Vorgaben sind hier sehr rigide. Verglichen damit ist unser Covid-19-Modell simplifiziert.

ZEIT ONLINE: Wie schwer schätzen Sie die wirtschaftlichen Schäden durch das neuartige Coronavirus?

Nabholz: Grob gesagt wird eine Woche Shutdown jedes Land etwa ein halbes Prozent seiner jährlichen Wirtschaftsleistung kosten. Das ist enorm viel. Die genaue Summe hängt davon ab, wie streng die Regeln ausfallen, wie lange sie gelten und auch von der Branchenstruktur des jeweiligen Landes. Besonders schlimm trifft die Pandemie den Dienstleistungssektor, etwa Tourismus und Handel. Die verarbeitende Industrie kommt vergleichsweise glimpflich davon – das dürfte Deutschland in der Krise stützen. Auch der öffentliche Sektor stabilisiert die Wirtschaft – das hilft den USA. In den Industrieländern wird die wirtschaftliche Aktivität alles in allem wohl um 20 bis 25 Prozent sinken. Schwellenländer werden noch stärker getroffen.

ZEIT ONLINE: War es richtig, die Wirtschaft zum Schutz vor dem Virus derart auszubremsen?

Nabholz: Absolut. Zu dem Zeitpunkt, als – je nach Land – die strikten Ausgangssperren oder Kontaktbeschränkungen erlassen wurden, wussten wir noch sehr wenig über das Virus. Aber wir haben die Bilder aus Italien gesehen und wir wussten: Dies ist eine globale Pandemie. Den Regierungen blieb kaum eine andere Wahl, als schnell darauf zu reagieren. In so einem Moment muss man die Bevölkerung schützen, das geht vor.

ZEIT ONLINE: Wie schlimm trifft die Pandemie die Swiss Re?

Nabholz: Es ist noch zu früh, um die endgültigen Auswirkungen der aktuellen Krise auf Swiss Re abzuschätzen, aber im Moment sind die Schäden absolut verkraftbar. Wir haben einige Versicherungsfälle durch den Ausfall oder Verschiebungen von Großevents. Aber was wir da auszahlen müssen, sind schätzungsweise keine Milliardenbeträge – Naturkatastrophen verursachen da viel, viel größere wirtschaftliche Schäden. Und auch im Bereich der Lebensversicherungen sind wir noch weit entfernt von einem Großschaden, obwohl schon so viele Menschen gestorben sind.

ZEIT ONLINE: Das heißt, so eine Pandemie ist problemlos versicherbar?

Nabholz: Es kommt darauf an. In dieser Pandemie tragen ältere Menschen mit Vorerkrankungen das größte Sterberisiko. Die über 70-Jährigen. Bei der Spanischen Grippe aber war die Sterblichkeit unter den 30- bis 40-Jährigen am höchsten. So eine Pandemie würde viel größeren Schaden für Lebensversicherer anrichten als die gegenwärtige.

Klar ist aber auch: Der Staat federt den größten systemischen Schaden ab, nicht die Versicherungen. Das ist auch jetzt wieder so und es ist eine enorme finanzielle Last. Die Regierungen müssen sich überlegen, wie sie das Pandemierisiko künftig abdecken wollen.

ZEIT ONLINE: Die Weltbank hat einen speziellen Pandemiebond aufgelegt, um Staaten zu helfen, die durch eine Pandemie in Finanzschwierigkeiten geraten. Die Swiss Re und die Munich Re haben geholfen, den Bond zu konzipieren. Wie funktioniert er?

Nabholz: Etwas verkürzt: Der Fonds wird getriggert, sobald in mehreren Ländern innerhalb eines festgelegten Zeitraums eine bestimmte Anzahl von Menschen an derselben Krankheit stirbt. Dann zahlt er Geld an die Weltbank und die investiert in einem nächsten Schritt in den von der Pandemie betroffenen Ländern in Gegenmaßnahmen. Im April wurde der Fonds jetzt erstmals getriggert und zahlte fast 200 Millionen Dollar an mehr als 60 Entwicklungsländer, damit sie sich medizinische Geräte und Schutzausrüstung für Ärzte und Pflegepersonal kaufen konnten.

ZEIT ONLINE: Man hätte diese Pandemie erwarten können. Es gab Simulationen für den jetzt eingetretenen Fall, es gab Sars, Mers und Ebola. Warum waren wir nicht besser vorbereitet?

Nabholz: Manche Länder waren gar nicht so schlecht vorbereitet. Im vergangenen Jahr haben die Nuclear Threat Initiative, das Johns Hopkins Center für Gesundheitssicherheit und die Economist Intelligence Unit der gleichnamigen Zeitschrift einen Index entwickelt, der abgebildet hat, wie gut die Staaten der Welt gegen eine Pandemie gewappnet waren. Im Index steckte zum Beispiel, ob ein Land einen Pandemieplan hatte, er erfasste die Zahl der Krankenhausbetten und die Vorräte an Schutzausrüstung wie Masken. Aus ihm ergab sich eine Rangliste. Finnland lag auf Platz eins, Deutschland war noch in den Top Ten. Es schnitten genau die Länder gut ab, die sich jetzt in der Corona-Pandemie ebenfalls sehr gut geschlagen haben. Perfekt ist natürlich niemand.

ZEIT ONLINE: Was kann Deutschland künftig besser machen?

Nabholz: Ich denke, viele Länder haben gemerkt, dass sie mehr medizinisches Material im Inland vorhalten müssen, um nicht von Importen abhängig zu sein. Das gilt nicht nur für Deutschland, sondern auch für die Schweiz.

ZEIT ONLINE: Wo sehen Sie als Rückversicherer das nächste große Risiko?

Nabholz: Das wäre eine Pandemie mit einem anderen Risikoprofil als Covid-19, durch die etwa mehr Menschen sterben oder jüngere, gesündere Altersgruppen oder deren Viren so schnell mutieren wie beispielsweise Grippeviren.

ZEIT ONLINE: Wie wahrscheinlich ist es, dass so eine Pandemie kommt?

Nabholz: Naturkatastrophen sind sicher wahrscheinlicher. Aber man kann sich nie in Sicherheit wiegen.

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