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Warum gibt es zwei Versionen des berühmten Tagebuchs?

WELT-Logo WELT 12.06.2019 Antonia Kleikamp

Das Tagebuch von Anne Frank gehört zu den bekanntesten Aufzeichnungen eines Holocaust-Opfers. Eine Virtual-Reality-Tour bietet nun die Möglichkeit, das Leben im Versteck des Mädchens nachzuempfinden. Quelle: WELT/ Alina Nöth © WELT/ Alina Nöth Das Tagebuch von Anne Frank gehört zu den bekanntesten Aufzeichnungen eines Holocaust-Opfers. Eine Virtual-Reality-Tour bietet nun die Möglichkeit, das Leben im Versteck des Mädchens nachzuempfinden. Quelle: WELT/ Alina Nöth

Am 12. Juni 2019 wäre Anne Frank 90 Jahre geworden – doch ihren letzten Geburtstag erlebte sie 1944. Jetzt sind ihr Tagebuch und ihre eigene Überarbeitung in konkurrierenden Neuausgaben erschienen.

Drei Scheiben Käse waren das schönste Geschenk – handelte es sich doch um Vollfettkäse, nicht um irgendein Ersatzprodukt. Anne Frank freute sich über dieses Präsent zu ihrem 15. Geburtstag am 12. Juni 1944 wie sonst nur noch über ein altes Buch, in dem das Leben der Kaiserin Maria Theresia beschrieben wurde. Beides hatte ihr Victor Kugler geschenkt, lange der engste Mitarbeiter ihres Vaters und nun einer der wichtigsten Helfer der untergetauchten Familie Frank.

Die Ansprüche waren bescheiden geworden im Hinterhaus mitten in Amsterdam, in dem sich Annes Eltern, ihre Schwester und sie selbst zusammen mit vier anderen verfolgten Juden verstecken mussten. Schon seit 23 Monaten saßen die acht auf den knapp 50 Quadratmetern fest.

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Nur abends und an Wochenenden konnten sie aus dem verdunkelten Hinter- in die Räume des Vorderhauses schleichen; verlassen durften sie das Gebäude jedoch keinesfalls. Vor allem für Anne, die jüngste und lebhafteste der Versteckten, war das eine Herausforderung.

Eine Foto von Anne Frank aus der zeit im Hinterhaus © picture-alliance / United Archiv Eine Foto von Anne Frank aus der zeit im Hinterhaus

Gewiss war Annes Freude über die Käsescheiben ein wenig undankbar gegenüber den Bemühungen von Miep Gies, einer weiteren wichtigen Helferin der acht Versteckten. Versorgte sie das Mädchen doch regelmäßig mit Schulheften und weiterem Schreibmaterial: „Was ich auch immer an Papier für sie beiseitebringen konnte, Anne verbrauchte es im Handumdrehen.“

Miep Gies wusste, dass Anne das Schreiben brauchte, um mit der aufgezwungenen Beschränktheit ihres Lebens klarzukommen. Also bemühte sie sich, dem Mädchen zu helfen, und organisierte auf dem Schwarzmarkt (anderswo war es im besetzten und von den Besatzern ausgeplünderten Amsterdam unmöglich) „ein paar Süßigkeiten für das Leckermaul“ Anne.

Und einige blasslila Pfingstrosen. Peter van Pels, ebenfalls im Hinterhaus untergetaucht, zweieinhalb Jahre älter als Anne und ihr stiller Verehrer, hatte Miep darum gebeten und ihr sein vielleicht letztes Geld gegeben. Anne notierte am Tag nach ihrem Geburtstag: „Von Peter einen schönen Strauß Pfingstrosen.“

Die Passage findet sich natürlich auch in der Neuausgabe des Tagebuchs, die der Verlag S. Fischer aus Anlass des 90. Geburtstages von Anne Frank jetzt herausgebracht hat. Der Band versammelt neben einigen kleineren Texten von ihr vor allem die beiden grundsätzlichen Varianten des Tagebuchs.

Die Version a ist das eigentliche Diarium, geschrieben vorwiegend in einem rot karierten Poesiealbum, das sie 1942 zu ihrem 13. Geburtstag geschenkt bekommen hatte. Darin notierte sie bis zum 5. Dezember 1942 kontinuierlich vor allem fiktive Briefe an die ebenso fiktive Freundin Kitty, außerdem noch einige Nachträge, zuletzt am 22. Januar 1944.

Seit Ende 1942 schrieb sie in Schulheften weiter, die sich allerdings für Dezember 1942 bis kurz vor Weihnachten 1943 nicht erhalten haben. Für die Zeit 23. Dezember 1943 bis 1. August 1944, ihren letzten Eintrag überhaupt, existieren dagegen zwei Hefte.

Ein Modell des Verstecks der Familie Frank. Im HInterhaus rechts lebten acht untergetauchte Juden mehr als zwei Jahre lang auf kaum 50 Quadratmetern. Quelle: Getty Images © Getty Images Ein Modell des Verstecks der Familie Frank. Im HInterhaus rechts lebten acht untergetauchte Juden mehr als zwei Jahre lang auf kaum 50 Quadratmetern. Quelle: Getty Images

Diese ursprünglichen Aufzeichnungen überarbeitete Anne Frank ab dem 29. März 1944. Denn am Vortag hatte sie in der BBC eine Rede von Gerrit Bolkestein gehört, dem Kultusminister der niederländischen Exilregierung in London. Er hatte die Niederländer aufgerufen, Zeugnisse aus und über die Kriegszeit aufzubewahren, um künftigen Generationen zu ermöglichen, das Leiden unter der Besatzung zu dokumentieren.

Binnen vier Monaten schrieb Anne daraufhin eine neue Fassung ihres eigenen, höchst privaten Tagebuches nieder – insgesamt auf 215 Bogen Papier rund 50.000 Wörter. Dem Manuskript gab sie den Titel „Het Achterhuis“, auf Deutsch „Das Hinterhaus“. Diese Version heißt in der Forschung Version b.

Naturgemäß veränderte Anne ihre ersten Texte aus dem Sommer und Herbst 1942 am stärksten. Für fast das ganze Jahr 1943 gibt es nur die Überlieferung in der überarbeiteten Version, sodass Vergleiche nicht möglich sind. Die parallel vorhandenen Versionen a und b von Anfang 1944 zeigen, dass nun die Eingriffe der jugendlichen Autorin viel geringer ausfielen – Anne hatte ihren Stil gefunden.

Doch nicht nur diese beiden Varianten gibt es, sondern auch eine Fülle kleinerer Eingriffe ihres Vaters, der als Einziger der Versteckten die Deportation nach Auschwitz und später in verschiedenen KZs überlebte. Als Otto Frank 1946 das Manuskript seiner in Bergen-Belsen umgekommenen Tochter für die Erstveröffentlichung vorbereitete, strich er allzu persönliche Passagen, Kritik an Annes Mutter und einige schwärmerische Bemerkungen über Peter van Pels. Der so entstandene Text blieb fast vier jahrzehntelang die Grundlage der Beschäftigung mit Anne Frank.

Anne Frank Anfang der 1940er-Jahre Quelle: picture alliance / Everett Colle © picture alliance / Everett Colle Anne Frank Anfang der 1940er-Jahre Quelle: picture alliance / Everett Colle

Erst 1986 erschien auf Niederländisch eine wissenschaftliche Ausgabe, die beide Fassungen nebeneinanderstellte und mit einem umfangreichen textkritischen Apparat die Änderungen nachvollziehbar machte. Zwei Jahre später folgte eine Übersetzung dieser Edition von Miriam Pressler, die seither eine verlässliche Textbasis bietet.

Allerdings wurden seither mehrere, meist eher kurze Passagen zugänglich, die Otto Frank zurückbehalten oder die Anne selbst durch Überkleben unkenntlich gemacht hat. Zusammen mit weiteren verstreuten Texten erscheinen sie in der Neuausgabe des Fischer-Verlages.

Allerdings steht der Band zugleich ungewollt für die unappetitlichen Urheberrechtsstreitigkeiten zwischen der Anne-Frank-Stiftung in Amsterdam und dem konkurrierenden Anne-Frank-Fonds in Basel. Denn die beiden von Otto Frank wesentlich mitbegründeten Institutionen sind seit Langem heftig zerstritten, wie das Erbe verwaltet werden soll.

Der Anne-Frank-Fonds verwaltete im Auftrag des 1980 verstorbenen Otto Franks die Urheberrechte seiner Tochter; sie sind aber am 1. Januar 2016 mit Ablauf des 70. Jahres seit dem Tod der Autorin nach europäischem Recht unwiderruflich ausgelaufen. Unzweifelhaft aber verfügt der Fonds weiter über die Rechte an der wissenschaftlichen Ausgabe und an der exzellenten Übersetzung von Pressler.

Das Anne-Frank-Haus wiederum hat anlässlich des 90. Geburtstages der ermordeten Autorin eine vollständige Fassung von „Das Hinterhaus“, also der Version b, in neuer Übersetzung unter dem Titel „Liebe Kitty“ herausgebracht. Dieses Buch präsentiert gewissermaßen das Werk der Schriftstellerin Anne Frank. Sie dürfte damit jedoch vor allem zur Verwirrung des Publikums beitragen

Weil es immer noch Rechtsextremisten gibt, die grundsätzlich die nachweisliche Echtheit des Tagebuchs bestreiten und auf diese Weise den Holocaust relativieren, ist die Konkurrenz verschiedener Fassungen jenseits der wissenschaftlichen Ausgabe wenig sinnvoll. Dabei ist an der Echtheit der beiden Varianten nachweislich nicht zu zweifeln.

Anne Frank: „Das Hinterhaus – Het Achterhuis. Die Tagebücher von Anne Frank“. (S. Fischer, Frankfurt M. 480 S., 35 Euro)

Anne Frank: „Liebe Kitty. Ihr Romanentwurf in Briefen“ (Secession Verlag für Literatur, Berlin. 208 S., 18 Euro).

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