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Corinna Milborn: "Welchen Platz sieht so jemand für Frauen in der Gesellschaft?"

ZEIT ONLINE-Logo ZEIT ONLINE vor 5 Tagen Bastian Brauns

Die österreichische Fernsehmoderatorin Corinna Milborn wurde von dem Sportler Felix Baumgartner öffentlich sexistisch beleidigt. Sie würde ihn gerne verstehen.

Zu Ostern postete der Unterwäschehersteller Palmers ein Foto auf Facebook. Sechs Frauen liegen auf einem Teppich, dazu der Spruch: "Unsere Osterhöschen". Vielen gefiel diese Art der Werbung nicht. Die österreichische Fernsehmoderatorin Corinna Milborn fühlte sich gar an Szenen aus dem Menschenhändler-Milieu erinnert und kritisierte das. Die Folge: Sie wurde daraufhin öffentlich sexistisch beleidigt von Felix Baumgartner, der einst für Red Bull aus dem All auf die Erde sprang. Als Reaktionen auf diesen Angriff postete Corinna Milborn ein Video und lud ihn in ihre Talk-Sendung ein. Ihre Botschaft wurde hunderttausendfach angesehen.

ZEIT ONLINE: Frau Milborn, was interessiert Sie eigentlich an Felix Baumgartner?

Corinna Milborn: Ja gar nichts eigentlich. Ich habe mit ihm noch nie zu tun gehabt. Ich habe ihn bislang nur peripher mitbekommen, als er damals seinen Sprung aus dem All auf die Erde gemacht hat. Ansonsten fällt er in letzter Zeit eher mit provokanten Postings auf Facebook auf. Meistens geht es dabei um Frauenfeindlichkeit und Anti-Political-Correctness.

ZEIT ONLINE: Und er hat 1,4 Millionen Facebookfans.

Milborn: Ja, darüber war ich echt erstaunt und vor allem darüber, welche Resonanz er damit erzeugen kann.

ZEIT ONLINE: Jetzt hat sich Herr Baumgartner auf seinem Facebookprofil zu Ihnen geäußert. Sinngemäß wirft er Ihnen vor, Sie würden aus Neid auf schlanke Frauen eine Unterwäschewerbung unzulässig kritisieren. Wie haben Sie davon überhaupt mitbekommen?

Milborn: Eine Freundin von mir hatte das Posting geteilt. Ich hatte ihr erst gesagt, sie soll es bitte einfach wieder löschen, weil wir uns damit gar nicht erst auseinandersetzen müssen. Ich hatte dann den ganzen Tag über Meetings. Ich habe noch einen Job zu tun. Erst durch mehrere Anrufe von Boulevardzeitungen und immer mehr Qualitätsmedien habe ich dann mitbekommen, was das für eine Dimension annimmt.

Corinna Milborn ist eine österreichische Politikjournalistin. Sie moderiert derzeit die Sendung "Pro und Contra – Der AustriaNews Talk" im Privatsender Puls4. Sie ist außerdem Informationsdirektorin der Sendergruppe ProSiebenSat1 Puls4.

ZEIT ONLINE: Sie haben sich dann entschlossen, doch zu reagieren und haben ein Video aus Ihrer Redaktion gepostet, in dem Sie Herrn Baumgartner ein frauenfeindliches Bild vorwerfen, ihn aber zugleich in Ihre Sendung zur Diskussion einladen.

Milborn: Ich hatte erst allen Medien mitgeteilt, natürlich sage ich nix dazu. Den Anstoß hat dann meine 17-jährige Tochter gegeben. Sie wollte Herrn Baumgartner unbedingt auf Facebook antworten. Ich sagte ihr, mach das nicht. Auf so was antwortet man nicht. Ich habe dann aber noch mal nachgedacht und für mich festgestellt, dass seine Äußerung eine Art der Herabwürdigung ist, die Frauen dauernd passiert.

ZEIT ONLINE: In welcher Form?

Milborn: Das ist diese Art, nicht auf den Inhalt einzugehen, den eine Frau sagt. Stattdessen werden Frauen auf einer körperlichen Ebene beleidigt. Ein Mechanismus, um Frauen den Platz zuzuweisen, den sie im Kopf von Leuten wie Felix Baumgartner haben. Als Dekorationsobjekt, das den Mund halten soll. Wenn das Objekt den Dekorationsrichtlinien von Herrn Baumgartner nicht entspricht, sollte es am besten komplett von der Bildfläche verschwinden. Das wollte ich so nicht stehen lassen, sondern mit ihm diskutieren und habe ihn in meine Sendung eingeladen.

ZEIT ONLINE: Was glauben Sie, was Herrn Baumgartner zu einer solchen Äußerung bewegt?

Milborn: Es ist sicher nicht meine Figur, denn die interessiert ihn nicht. Er kennt mich ja nicht. Das hat auch nichts mit der Diskussion zu tun. Ich glaube er hat einen bestimmten Blick auf Frauen, den auch dieses Bild von Palmers vermittelt. Da liegen junge Frauen am Boden, mit dem Gesicht zur Wand von hinten aus einer erhöhten Position fotografiert. Wenn so ein Frauenbild jemand in Frage stellt, dann reagieren offenbar Leute, die so ein Frauenbild haben, sehr gereizt, weil man ihnen eine andere Perspektive zeigen will.

ZEIT ONLINE: Sie meinen, er fühlt sich persönlich angegriffen?

Milborn: Ja, das glaube ich. Solche Leute haben ihr Bild von männlicher Vormachtstellung und wollen das um jeden Preis verteidigen. Dann haben sie diesen Impuls, jemanden zum Schweigen bringen zu wollen, indem sie genau diesen Blick auch anwenden. Herabwürdigung durch Reduktion aufs Körperliche.

ZEIT ONLINE: Sie sagen in Ihrem Video, das Foto mit den nackten Frauen erinnere Sie an eigene Recherchen im Menschenhändler-Milieu. Würden Sie denn auf einer sachlichen Ebene zugestehen, dass man dieses Bild auch anders interpretieren kann?

Milborn: Ja klar, das Bild kann man sicher auf viele Arten lesen. Mein Blick ist tatsächlich davon geprägt, dass ich lange zum Thema Menschenhandel recherchiert und ein Buch darüber geschrieben habe. Ich war sehr oft mit solchen echten Bildern konfrontiert. Es ist aber nicht so, dass das jetzt nur mein Blick ist. Man kennt solche Bilder aus Filmen und Dokumentationen über Menschenhandel. Auch wenn man sich mit Kinderpornografie auseinandergesetzt hat, erkennt man diese Optik, die durch den Kamerablick eingenommen wird. Aber auch Leute, die sich gar nicht mit diesen Themen auseinandergesetzt haben, verspüren bei dem Bild ein gewisses Unbehagen, können es aber nicht in Worte fassen. Viele haben mir später geschrieben und gesagt, stimmt, das ist es, was mich so stört daran.

ZEIT ONLINE: Herr Baumgartner behauptet in seinem Posting, Sie würden sich neidvoll über die Körper der Models beschweren.

Milborn: Ja, aber auf die Idee würde ich gar nicht kommen. Ich hätte auch nie ein Problem mit Nacktheit in der Werbung. Das ist überhaupt nicht der Punkt bei dem Ganzen. Aber diese Ebene hat er eben gewählt, indem er meine Figur thematisierte und meinen angeblichen Neid auf die Körper von Models. Darüber würde ich mich aber überhaupt nie auch nur äußern wollen. Es geht um das Setting und die Darstellung von Frauen.

ZEIT ONLINE: Die Unterwäschefirma spricht von einer "Geschmackssache".

Milborn: Da ist ja auch sicher was dran. Jeder kann die Werbung machen, die er für richtig hält, solange er sich im Rahmen der Gesetze bewegt. Wenn es dann auch noch funktioniert, dann gratuliere ich. Ich verbiete niemandem, die Fotos zu veröffentlichen, die er veröffentlichen will. Aber ich nehme mir heraus, meine Meinung dazu zu sagen. Es gibt eben auch diese Sichtweise und die teilen sehr viele.

ZEIT ONLINE: Was sollte Palmers daraus lernen?

Milborn: Sie sollten sich mit der Kritik auseinandersetzen. Man sollte sich schon die Frage stellen, welches Gefühl löse ich als Unterwäschehersteller bei meinen Kundinnen aus? Ist es etwas, was Selbstbestimmung, Spaß oder Lust am Leben und Stärke vermittelt? Oder vermittle ich ein schlechtes Gefühl. Ich finde, dass meist ein sehr unreflektierter und männlich dominierter Blick auf sehr objektivierte Frauen stattfindet.  

ZEIT ONLINE: Das Management von Herrn Baumgartner hat uns auf Nachfrage gesagt, das Posting sei eine Privatäußerung gewesen. Wie privat kann eine Äußerung vor 1,4 Millionen Follower und dem Rest der Welt denn sein?

Milborn: So etwas wie privat gibt es in sozialen Medien nicht, schon gar nicht bei öffentlichen Personen. Meine erste Äußerung zu dem Foto war ja auch eigentlich privat auf meinem privaten Facebookprofil. Es ist das gute Recht des Managements, sich nicht dazu äußern zu wollen. Wenn sie denken, für diesen Teil von Herrn Baumgartner nicht zuständig zu sein, okay. Letztlich ist diese Ausrede natürlich lächerlich. Die Grenze zwischen privat und öffentlich gibt es auf Facebook nicht.

ZEIT ONLINE: Jetzt suchen Sie in Ihrer Sendung die Diskussion mit ihm. Hat er sich schon gemeldet?

Milborn: Nein, noch nicht. Er scheint untergetaucht zu sein und reagiert auf gar keine Anfragen. Aber ich setze weiter darauf, dass er nicht zu feige ist, sich der Diskussion zu stellen. Er präsentiert sich gerne als sehr mutigen Menschen. Insofern wird er das auch durchdiskutieren können.

ZEIT ONLINE: Denken Sie, angesichts solcher Äußerungen kann er überhaupt sachlich darüber sprechen?

Milborn: Ich habe nicht das Bedürfnis, jemanden bloßzustellen oder das Ganze als Duell darzustellen. Mich interessiert tatsächlich, was ihn bewegt. Er ist mit seiner Sicht ja keinesfalls alleine. Auch er hat sehr viel Zustimmung bekommen. Das ist ein patriarchalisches, gesellschaftliches Phänomen. Ich will wissen, welchen Platz so jemand für Frauen in der Gesellschaft sieht. Mich interessiert auch, ob ihm die Auswirkungen seiner reichweitenstarken Äußerungen bewusst sind. Dass Frauen sich angesichts solcher Angriffe überlegen, überhaupt noch ihre Meinung zu sagen. Frauen und ihre Meinung werden so aus dem öffentlichen Raum verdrängt, weil sie sich vielleicht nicht mit dieser Ebene der Angriffe auseinandersetzen wollen.

ZEIT ONLINE: Ihr Video wurde inzwischen hunderttausendfach angesehen und immer weiter verbreitet. Überrascht Sie das?

Milborn: Sein Posting hat ein paar Tausend Likes, mein Video inzwischen Zehntausende und es wurde fast eine Million Mal angesehen. Das ist schon eine erstaunliche Resonanz. Das hat einen Nerv getroffen, weil viele Frauen und Männer mit den Nachteilen einer solch rückwärtsgewandten Weltsicht jeden Tag konfrontiert sind. Als Fernsehmoderatorin fällt mir das schon gar nicht mehr auf. Da gehört es fast zum Job, dass dein Make-up, deine Haarfarbe, dein zu kurzer oder zu langer Rock thematisiert wird. Aber es passiert anscheinend noch viel viel mehr Menschen.

ZEIT ONLINE: Haben Sie schon Unterstützung von Politikern bekommen?

Milborn: Ja von einigen. Der Medienminister Thomas Drozda hat sich zum Beispiel auf Twitter geäußert.

ZEIT ONLINE: Was hat er geschrieben?

Milborn: Besser geht's nicht. Bravo Corinna Milborn!

ZEIT ONLINE: Und was denken Sie jetzt selbst?

Milborn: Ich freue mich sehr, das gemacht zu haben. Gerade weil ich es am Anfang gar nicht wollte. Es war die richtige Entscheidung, dieses Thema anzustoßen.

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