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Manche stehen mitten in der Vorstellung auf, um Bier zu holen

DIE WELT-Logo DIE WELT vor 3 Tagen

Fast ein kollektives Rauscherlebnis: Ein kleines Wiener Theater bringt mit "Ja, eh!" einen Text der begnadeten Krawallautorin Stefanie Sargnagel auf die Bühne. Und alle fühlen sich wie zuhause.

Erwerbsarbeit ist Mist, Schreibaufträge sind ein Segen. Ohne Schreibauftrag gäbe es dieses Stück nämlich nicht, und das wäre wirklich schade. Seinem Titel entsprechend basiert "Ja, eh! Beisl, Bier und Bachmannpreis" auf dem Text "Penne vom Kika", mit dem die Krawallautorin Stefanie Sargnagel vergangenes Jahr bei Österreichs renommiertestem Literaturpreis antrat.

Gewonnen hat "Penne" immerhin den mit 7000 Euro dotierten Publikumspreis. Was tun mit so viel Geld? Versteuern und dem Titel entsprechend Drei-Euro-Nudeln essen im Möbeldiscounter. Alles in allem: Verweigerung des gesellschaftlichen Leistungsprinzips. Darauf fußt auch das am Wiener Rabenhof Theater uraufgeführte Stück. Miriam Fussenegger, Saskia Klar und Lena Kalisch teilen sich alle Rollen, neben der Icherzählerin auch jene der liebeskummerwunden Freundin und der Solidaritätssäufer.

JA, EH! Voodoo Jürgens und Stefanie Sargnagel – (c) Ingo Pertramer / Rabenhof – Pressefoto-Abdruck ausschließlich im Zusammenhang mit der Berichterstattung über die Produktionen des Rabenhof Theaters und / oder das Rabenhof Theater. Bei Namensnennung honorarfrei! © Ingo Pertramer / Rabenhof JA, EH! Voodoo Jürgens und Stefanie Sargnagel – (c) Ingo Pertramer / Rabenhof – Pressefoto-Abdruck ausschließlich im Zusammenhang mit der Berichterstattung über die Produktionen des Rabenhof Theaters und / oder das Rabenhof Theater. Bei Namensnennung honorarfrei!

Die drei tun das mit hinreißend viel hingerotzter Power, irgendwo zwischen Pumuckl und Prekariatsprinzessin. Chorisch gesprochen glauben sie, es werde ein guter Tag, "denn ich habe das Gefühl, ich habe mein Leben im Griff" – dabei wusste doch schon Karl Lagerfeld, dass Jogginghosenträger die Kontrolle über ihr Leben verloren haben.

Der letzte Skandal liegt schon etwas zurück

Die von Sarah Sassen eingerichtete Bühne ist jener überdimensionale Einbauschrank, von dessen Spießigkeit Sargnagel in schwachen Momenten träumt. Hinter seinen Türen hat sich einiges angesammelt, Plastikbadbälle, eine Fusel-Hausbar, ein Klohäuschen mit dem bezeichnenden Aufkleber "Nein" (übrigens auch der Titel jenes Songs, mit dem der Austroexportschlager Nummer 2, Yung Hurn, bekannt wurde).

Dieses Nein richtet sich gegen alles Mögliche, die 40-Stunden-Woche, den Zwang zum Kinderkriegen und den eine durchsoffene Nacht begleitenden Bierschiss. Dass die 1986 geborene Autorin über solche Themen schreibt, macht sie zur umstrittensten Figur in der österreichischen Kulturszene.

Der letzte Skandal, das "Babykatzengate", liegt erst einige Wochen zurück. Mit zwei anderen Künstlerinnen verbrachte Sargnagel einen Schreiburlaub in Marokko, "finanziert mit Steuergeldern", wie ihre Kritiker schimpften, allen voran das Boulevardmedium "Kronen Zeitung". Der folgende Shitstorm blies so stark, dass ihr Facebook-Profil gesperrt wurde, nicht das erste Mal. Ein Vorfall, der vor allem zeigt, wie unempfänglich für Ironie ein Großteil der Gesellschaft ist, allen voran das angeblich ironieverliebte Internet.

Auf das Rabenhof-Publikum trifft das natürlich nicht zu. Einige von denen mit den ebenfalls "nicht vorzeigbaren Lebensläufen" sind wohl auch wegen Voodoo Jürgens gekommen, der den Abend musikalisch begleitet. Jürgens (punschkrapfenrosa Hemd, Goldkette) ist ein Mundartsänger, gegen den Wanda oder Bilderbuch wirken wie hochdeutsche Musterschüler. Wenn man sich nicht sehr konzentriert, versteht man höchstens "Goschn-Wirtshaus-Schmäh".

Was für ein Beislabend!

Die Nebensitzerinnen scheinen ein bisschen verliebt in diesen "Strizzi" zu sein und sehen großzügig über das Fotoverbot hinweg. Andere stehen mitten in der Vorstellung auf, um mehr Bier zu holen. Überhaupt ist die Stimmung nicht weit vom kollektiven Rauscherlebnis eines Beislabends entfernt.

Wahrscheinlich funktioniert diese Inszenierung nirgendwo anders als hier. Mit dem Titel fängt es an: Was, fragen die "Hochdeutschen", ist ein Beisl? Eine zumeist leicht verwahrloste Kneipe ohne Rauchverbot mit so billigen Preisen, wie auf der Bühne angezeichnet (Spritzer 2,50 €, Gulasch aus). Im "Eh!" wiederum liegt für den Österreicher eine ganze Welt. Eh klar: Dieser Abend stillt die in Sargnagels Textvorlage angelegte Sehnsucht nach Zugehörigkeit. Das Problem der um die 30-Jährigen ist ja weniger Faul- als Verlorenheit. Erwachsen sein wollen sie nicht, aber beim Bierkaufen auch nicht nach dem Ausweis gefragt werden. In Berlin, heißt es einmal im Text, lobten Exilwiener Sargnagel für ihren "Grind", der sie an zu Hause erinnere. Sie selbst nennt ihren Stil "Fäkalrealismus und liebevolle Bosheit".

Mehr Licht im Keller

Dass sich das Premierenpublikum durch so hemmungslosen Lokalkolorit seiner Identität versichert, ist auch deswegen so lustig, weil Heimatliebe das ist, was rechtsextreme Bewegungen wie die Identitären fordern. Was wiederum die feministische Burschenschaft Hysteria, zu deren Mitgliedern Sargnagel zählt, aufs Korn nimmt.

Ortsunabhängig reizt schon Sargnagels Text zu Unvernunft, erst recht in Christina Tscharyiskis herrlich lallender Bühnenfassung. In Verbindung mit Voodoo Jürgens' Lobliedern der Nichtsnutzigkeit führt das dazu, dass man als Zuschauer augenblicklich wieder mit dem Selbstdrehen anfangen oder wenigstens das nächstbeste Beisl ansteuern will (das Glück derjenigen, die mit 30 noch immer kein eigenes Auto haben, ist ja, dass sie nicht heimfahren müssen).

Leider wartet zu Hause ein bezahlter Schreibauftrag. "Mit jedem Satz, den ich für Bezahlung schreibe, erlischt in mir ein kleiner, lieber Stern", klagt Sargnagel in ihrem Text. Hoffen wir, dass sie noch viele solcher Aufträge erhält, die Licht machen im Keller der österreichischen Kulturlandschaft.

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