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„Hitler brüllte, dass man es im ganzen Treppenhaus hörte“

WELT-Logo WELT 18.06.2019 Sven Felix Kellerhoff
Vom Gefreiten des Ersten Weltkriegs zum Diktator und Verantwortlichen des Zweiten Weltkriegs: Auf diesen Stationen führte Hitler Deutschland und die Welt in die Katastrophe. Quelle: Picture Alliance (17), Getty, dpa, AFP © Picture Alliance (17), Getty, dpa, AFP Vom Gefreiten des Ersten Weltkriegs zum Diktator und Verantwortlichen des Zweiten Weltkriegs: Auf diesen Stationen führte Hitler Deutschland und die Welt in die Katastrophe. Quelle: Picture Alliance (17), Getty, dpa, AFP

Wer einen Termin beim Staatsoberhaupt hat, bricht dafür auch mal früh auf. Um sieben Uhr morgens bestieg Michael Kardinal Faulhaber, der Erzbischof von München, seinen Wagen, um sich über die neue Autobahn Richtung Salzburg nach Berchtesgaden chauffieren zu lassen. Am 4. November 1936 um 11 Uhr wollte Adolf Hitler, der „Führer und Reichskanzler“ des Dritten Reiches, den Kirchenfürsten empfangen – in seinem kurz zuvor fertiggestellten „Berghof“ auf dem Obersalzberg.

Angesichts der scharfen Konfrontation zwischen katholischer Kirche und nationalsozialistischer Regierung in den vorangegangenen Monaten war das ein wichtiges, aber auch ein diffiziles Treffen. Seit dem Frühjahr 1936 inszenierte die Gestapo eine massive Verfolgung von Geistlichen und katholischen Laienbrüdern wegen homosexueller Übergriffe sowie von Ordensfrauen wegen der Verbreitung antinationalsozialistischer Botschaften bei Klosterschülern.

Michael von Faulhaber (1869-1952) war seit 1917 Erzbischof von München und Freising, seit 1921 Kardinal Quelle: Getty Images © Getty Images Michael von Faulhaber (1869-1952) war seit 1917 Erzbischof von München und Freising, seit 1921 Kardinal Quelle: Getty Images

Die „Sittlichkeitsprozesse“ hatten tatsächlich einen wahren Kern; insgesamt wurden rund 230 Ordensmitglieder verurteilt. Doch Ermittlungsverfahren gab es zehnmal so viele, von denen die meisten allein dazu dienten, politischen Druck auf die katholische Kirche auszuüben.

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In dieser Situation musste ein Gespräch zwischen einem der höchsten Repräsentanten der katholischen Kirche in Deutschland und dem Staatschef von besonderer Bedeutung sein. Der Münchner Erzbischof war zu dem Gespräch bereit, sandte aber zugleich ein deutliches Zeichen an Hitler.

Das zeigen mehrere Tagebuchnotizen und das eigenhändige Gesprächsprotokoll des Kardinals, die jetzt im Zuge der Arbeit des Online-Editionsprojekts der Faulhaber-Tagebücher vom Münchner Institut für Zeitgeschichte und dem Seminar für Mittlere und Neuere Kirchengeschichte der Universität Münster in vorbildlicher Weise veröffentlicht worden sind. Die Notizen sind in einer schwer zu entziffernden Kurzschrift abgefasst, der Gabelsberger. Umso wichtiger ist die sorgfältige Arbeit des Editorenteams.

"Einmal ganz offen sprechen": Hitler und Michael Kardinal Faulhaber © Getty Images/Fox Photos, Getty Images/Imagno "Einmal ganz offen sprechen": Hitler und Michael Kardinal Faulhaber

Das erste Ziel von Faulhabers Autofahrt zu Hitler am 4. November 1936 war, Ankunft um 10.05 Uhr, ausgerechnet das Franziskanerkloster Berchtesgaden. Da die „Sittlichkeitsprozesse“ ihren Ausgang von seinerzeit tatsächlich strafbaren homosexuellen Handlungen in einem anderen Franziskanerkloster im Westerwald genommen hatten, signalisierte das Unbeugsamkeit.

Nach einem kurzen, offenbar 20-minütigen Aufenthalt im Kloster ging es weiter zur Wache an der Straße auf den Obersalzberg. Hier erwartete der Chef der Reichskanzlei, Hans-Heinrich Lammers, den Kardinal. Man wechselte für die letzten drei Kilometer das Auto – wohl eine gute Idee,, denn Faulhaber notierte stichwortartig seinen Eindruck: „Die Straße so steil, dass bei Glatteis kaum zu fahren.“

Am Berghof angekommen, wurde Michael von Faulhaber die übliche Inszenierung zuteil: Hitler erwartete seinen Gast oben an der Treppe mit ihren rund 30 Stufen – der Besucher sollte sich klein und schwach vorkommen. Der Kardinal notierte: „Aufgang sehr steil“.

Hitler und sein Stellvertreter als Parteichef: Rudolf Hess Quelle: picture alliance / United Archiv © picture alliance / United Archiv Hitler und sein Stellvertreter als Parteichef: Rudolf Hess Quelle: picture alliance / United Archiv

Hitler und Rudolf Heß begrüßten Faulhaber mit Handschlag, das angetretene Personal „durch Erhebung der Hand“. Das Gespräch unter sechs Augen, in Anwesenheit des faktischen NSDAP-Chefs Heß, dauerte insgesamt dreieinhalb Stunden. Faulhaber fragte sich, warum Heß anwesend war, und notierte verschiedene Möglichkeiten: Vielleicht „als Zeuge, dass diesem Bischof rein alles gesagt werde“? Oder „vielleicht auch, um sich selber zu ermutigen, alles scharf zu sagen gegen die Feinde des Staates, gegen die Zentrumspriester“?

Der Inhalt des Gesprächs war in Umrissen schon aus einer Zusammenfassung bekannt, die Faulhaber selbst anfertigte und die seit 1978 in der konventionellen Edition der Faulhaber-Akten von Ludwig Volk vorliegt. Besonders interessant ist es jedoch, die in Kurzschrift geschriebene Originalaufzeichnung damit zu vergleichen.

Hitler begann laut dem nun erstmals vorliegenden Protokoll in typischer Weise – mit einer als Versprechen getarnten Drohung: „Einmal ganz offen zu sprechen, wie die Dinge liegen, es muss eine Lösung kommen, positiv oder negativ. Es wird manches Ihre Zustimmung nicht finden, aber es ist besser, ich rede offen.“

Dann ging es um außenpolitische Fragen, vor allem den eskalierenden Spanischen Bürgerkrieg und die Beteiligung des Dritten Reiches daran sowie die politischen Verhältnisse in Frankreich und der Tschechoslowakei – diese Aussagen Hitlers gab Faulhaber in seiner bekannten Aktennotiz ausführlich wieder; sie sind also an dem neuen Dokument weniger spannend.

Dann kam der Gastgeber zur Innenpolitik, also zum Verhältnis zwischen Nationalsozialismus und Katholizismus. Wieder griff Hitler zur Methode von Drohung und Angebot: „Siegen wir ohne Kirche, dann scheidet sie aus; siegen wir mit der Kirche, dann hat sie an unserem Siege teil.“ Diese Formulierung ließ der Kardinal in seiner Zusammenfassung weg.

Der „Führer“ wurde sogar konkret: „Ich will das alles aus der Welt schaffen, gruppenweise entlassen, im Stillen.“ Faulhaber bedankte sich „durch eine Verneigung“, sagte dazu aber offenbar nichts.

Das Gespräch verlief offenbar weiter in gespannter Atmosphäre. Hitler kam Faulhaber entgegen, indem er sich von der antichristlichen Hetzschrift „Der Mythus des 20. Jahrhunderts“ des NS-Chefideologen Alfred Rosenberg distanzierte. Andererseits aber mischte er fast gebrüllte Sätze ein – pikiert hielt Faulhaber fest: „So laut einige Male, dass man es im ganzen Stiegenhaus hören musste.“

Der Kardinal hielt dagegen und sagte Hitler: „Mich erschüttert, wenn Sie von Kampf und einem Gegensatz sprechen. Vor der Machtergreifung (wurde) kein Einziger deshalb kirchlich nicht beerdigt, weil er Nationalsozialist“ gewesen war.

Sprunghaft entwickelte sich das Gespräch weiter, offenbar hatte Hitler kein festes Ziel bei dem Treffen. Abermals sehr laut sagte er: „Die Kirche muss einsehen, dass der Bolschewismus jetzt alles ist und das Judentum den Bolschewismus vorwärtstreibt.“

Obwohl die katholische Kirche scharf antibolschewistisch war, stimmte Faulhaber seinem Gastgeber darin nur teilweise zu. Vielmehr betonte er, Spanien sei „deshalb so arm, weil dort die Juden verfolgt wurden“. Unangenehm berührte den Kardinal, dass Hitler seine zentrale Drohung „immer wieder“ einflocht: „Entweder wir siegen mit der Kirche oder ohne die Kirche.“

Kardinal Faulhaber beim Segnen von Flugzeugen und Autos 1935 Quelle: Getty Images © Getty Images Kardinal Faulhaber beim Segnen von Flugzeugen und Autos 1935 Quelle: Getty Images

Beim Mittagessen zum Abschluss des Treffens verlief das Gespräch in ruhigeren Bahnen, zu einem „friedlichen Ausklang“, wie es in Faulhabers Aktennotiz hieß. Trotzdem vermied der Erzbischof den eigentlich obligatorischen Abschiedsgruß die Freitreppe des Berghofes hinauf: „Ich fürchtete das Fotografieren.“ Auch sorgte er sich, Hitler habe das Gespräch möglicherweise aufzeichnen lassen.

Ebenfalls erstmals zugänglich ist nun Faulhabers eigene „Nachlese“ des Treffens, verfasst am 9. und ergänzt am 28. November 1936. Es zitierte die deutsche und vor allem die internationale Presse, die mangels detaillierter Informationen das Treffen sehr unterschiedlich bewertete.

Interessanterweise notierte der Erzbischof auch einen Witz über das Treffen, den ihm seine Masseurin erzählt hatte: „Der Kardinal war beim Führer, nicht der Führer beim Kardinal. Wozu der Kardinal gerufen wurde? Um dem Dritten Reich die letzte Ölung zu geben.“

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