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Den Krieg "in der Ferne" gibt es nicht

KLEINE ZEITUNG-Logo KLEINE ZEITUNG 22.09.2022 Kleine Zeitung
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Liebe Freundinnen und Freunde, liebe Kolleginnen und Kollegen, liebe Besucherinnen und Besucher des steirischen herbst,

unser Festival hat den Ruf, politisch zu sein. Die einen fühlen sich davon angezogen, die anderen finden das abschreckend. Aber was bedeutet das: politisch sein? Ich werde oft gefragt, ob Kunst politisch sein soll. Meiner Meinung nach ist sie es, ob Künstlerinnen und Künstler es wollen oder nicht. Trotzdem ist die politische Dimension etwas, das entdeckt, ans Licht gebracht und von einem Haufen irreführender Bedeutungen befreit werden muss. Deshalb kann selbst propagandistische Kunst politisch völlig anders wirken, als sie geplant war.

Für mich ist politisch sein alles andere als langweilig. Es eröffnet eine faszinierende Perspektive, denn es bedeutet, den Dingen auf den Grund zu gehen und die Frage nach dem „Warum“ zu stellen, die spannendste Frage von allen. Eine Frage, auf die es nicht immer nur eine Antwort gibt, und manchmal gar keine.

In der Welt nach dem 24. Februar wird es immer schwieriger, diese Frage überhaupt zu stellen, geschweige denn sie zu beantworten. Der russische Angriff auf die Ukraine führt die Dinge ad absurdum. Gewalt ist sinnlos, Eskalation ist irrational. Das Töten wird als Befreiung präsentiert. Das Stehlen von Kindern wird als Erlösung dargestellt. Es gibt keinen Krieg, aber es gibt eine Mobilisierung. Wer andere als Faschisten bezeichnet, ist selbst Faschist. Im UN-Sicherheitsrat hat Russland ein Veto, das Maßnahmen gegen seine militärische Aggression unmöglich macht. Der Westen unterstützt die Ukraine, kauft aber weiterhin russisches Gas. Russland verliert den Krieg, wird aber noch reicher. Sobald man versucht, diesem Krieg einen Sinn zu geben, indem man ihn als Stellvertreterkrieg Russlands mit dem Westen bezeichnet, tappt man in die Falle des Putinistischen Denkens. Sobald man typisch westlich-progressiv denkt und etwa die Militarisierung oder die NATO-Politik kritisiert, spielt man ihm schon wieder in die Hände.

Viele Menschen im Westen verzweifeln an der Frage, wie sie sich unter den Bedingungen des Krieges verhalten sollen, wie sie helfen und die Dinge nicht verschlimmern können. Aber wir sollten uns auch fragen, wie wir jetzt denken sollen, denn viele Wege scheinen versperrt zu sein, wie die Fluchtwege während des Krieges.

Vielleicht ist jeder Krieg absurd, denn seine Ziele gehen über die menschliche Vorstellungskraft hinaus. Aber – manchmal – wecken sie auch diese Vorstellungskraft. Dada ist aus dem Blut der Felder und Schützengräben des Ersten Weltkriegs entstanden, der Existenzialismus aus den Trümmern des Zweiten Weltkriegs. Wird nun, angesichts des bisher unbekannten Ausmaßes der Zerstörung und des Gespenstes von Hiroshima, das sich Europa nähert, eine neue Welle einer nüchternen, tragischen und absurden Avantgarde entstehen?

Was den aktuellen Krieg in der Ukraine für den Westen schwer verständlich macht, ist die Tatsache, dass der Konflikt weder ethnisch ist (da die Mehrheit der Bevölkerung in beiden Ländern slawisch ist) noch religiös (da beide Länder überwiegend christlichorthodox sind und die Mehrheit der Menschen Atheisten mit sowjetischem Hintergrund sind). Man hat es sich zu leicht damit gemacht, alle Kriege als religiös oder ethnisch darzustellen, da dies sie „in die Ferne“ rückt, außerhalb der „zivilisierten“, „weißen“ Welt, in der diese Probleme angeblich gelöst, will heißen, normalisiert wurden.

Nein, dieser Krieg ist politisch. Um ihn zu verstehen, muss man tiefer in die Geschichte einsteigen. Deshalb ein paar Worte zur politischen Sicht der Dinge, und zur Steiermark. Denn bei diesem Festival geht es nicht um den Krieg in der Ukraine, oder gar um Kriege im Allgemeinen. Es geht darum, hier zu sein, in der ruhigen Mitte Europas – wo der Krieg in der Ferne ist.

Es gibt noch eine weitere Persönlichkeit aus der Politik, die bei der heutigen Eröffnung einen Platz hat. Ich würde sagen, er ist bei steirischen Kulturveranstaltungen immer präsent, und ganz besonders hier am Hauptplatz, wo ich mit ihm das Podium teile, auch wenn er uns den Rücken zugewandt hat. Es ist natürlich Erzherzog Johann, und es ist wirklich erstaunlich, dass ich ihn erst jetzt, bei meiner fünften Eröffnungsrede beim steirischen herbst, erwähne.

Als ich nach Graz kam, um hier zu arbeiten, habe ich schnell gelernt, dass es jemanden gibt, der die gesamte moderne kulturelle und wissenschaftliche Infrastruktur der Steiermark geschaffen hat, einschließlich des Joanneums, wo wir bald hingehen werden. Trotz seiner enormen Ambitionen war er ein sehr zurückgezogener Mensch, ohne offizielle Stellung, ein Aristokrat, der darauf bestand, eine Bürgerliche zu heiraten, und der sich voll und ganz dem einfachen Leben in der Region widmete, Tracht trug, in den Bergen wanderte und Blumen sammelte.

Ungefähr zur gleichen Zeit, als ich nicht nur die steirische, sondern auch die österreichische Geschichte studierte, entdeckte ich eine andere Person namens Erzherzog Johann, jemand, der zu Beginn seines Lebens ein engagierter und erfahrener Militärkommandant war, und gegen Ende seines Lebens, während der Revolution von 1848, ein einflussreicher, wenn auch kurzlebiger Reichsverweser, ein allgemein geachteter Politiker mit klar formulierten Ambitionen, die nicht nur über die Steiermark und Tirol, sondern sogar über Österreich hinausgingen.

Ich muss gestehen, dass es einige Zeit gedauert hat, bis ich – nicht ohne Erstaunen – begriff, dass es tatsächlich derselbe Johann war, über den ich las. Und da verstand ich, dass seine angeblich unpolitische Zeit in der Steiermark in Wirklichkeit ein politisches Exil war, sein privater Status – eine Zeit im Wartestand, und dass sein kulturelles Engagement wohl zumindest teilweise auf Eskapismus und Resignation beruhte.

Ich habe dann begonnen, den Johann-Kult anders zu sehen: nicht nur als Würdigung seiner Person und dessen, was er für die Steiermark getan hat, sondern als sanfte Ablehnung einer seiner Persönlichkeiten zugunsten einer anderen, als Ablehnung von etwas, das über das Private und Lokale hinausgeht. Die Politik vielleicht? Könnte es sein, dass dieses ruhige Bild Johanns das bewies, was Klaus Zeyringer kürzlich als typisch österreichische „Ideologie der scheinbaren Ideologielosigkeit“ bezeichnet hat?

Was Erzherzog Johann einen ewigen Platz in den Herzen der Steirerinnen und Steirer einbrachte, war sein Bekenntnis zum Lokalen, zum Privaten, zum Häuslichen, gepaart mit vorsichtigem Modernisierungsdrang sowie transformatorischen Hoffnungen, die in die Kultur investiert wurden. All das war etwas, was ich sofort auch als DNA unseres eigenen Festivals, des steirischen herbst, erkannt habe. All diese Dinge – Lokalpatriotismus, vorsichtige Modernisierung und der Vorrang der Kultur – sind immer noch da und waren es immer, und deshalb war jede Ausgabe des Festivals, weit vor meiner Zeit, auch ein offener Versuch, diese Tradition zu überwinden, statt ihr zu entsprechen. Jedes Festival war und ist ein Versuch der Re-Politisierung, der Dekonstruktion des Lokalen, der Infragestellung der Rolle der Hochkultur. In diesem Sinne ist der steirische herbst so etwas wie ein Anti-Biedermeier.

Als ich in Moskau Kunstgeschichte studiert habe, habe ich mich aus irgendeinem Grund sehr für die Biedermeiermalerei aus der Zeit zwischen dem Wiener Kongress und der Revolution von 1848 interessiert. Ich habe ein teures, in Dresden gedrucktes Album mit vielen Reproduktionen gekauft und sie fleißig studiert, da ich unter dem damals herrschenden reaktionären politischen Regime viel Freizeit hatte. Besonders vernarrt war ich in Ferdinand Georg Waldmüller. Es war keine Liebe, sondern Ehrfurcht: Ich war erstaunt über seine zwanghafte Detailtreue bei glatten Gesichtern und rissigen Wänden. Hinter dieser Akribie spürte ich eine enorme Verdrängungsarbeit, im Freudschen Sinne. In diesen polierten Gemälden sah ich eine fast unerträgliche Agonie. Um der Stabilität und Sicherheit willen musste alles Störende und Politische ferngehalten werden. Komplexität wurde nur der exquisiten Handwerkskunst der Tracht und dem elaborierten Malstil zugestanden.

Für mein junges Ich in der späten und düsteren Sowjetunion mit ihrer Zensur und geschlossenen Grenzen war das, was Waldmüllers Bilder ausstrahlten, ein Mangel an politischer Handlungsfähigkeit, eine Verleugnung von Konflikten und eine Abneigung gegen die Revolution. Ich erkannte darin meinen eigenen Zustand, und es würde mich nicht wundern, wenn Waldmüller auch im heutigen Russland oder Belarus eine Rolle spielen würde – Länder, die seit mindestens zwanzig Jahren von konterrevolutionärer Angst, Verleugnung und Wahnvorstellungen beherrscht werden. Aber sie sind damit nicht allein: Es gibt immer mehr Länder hier in Europa, in denen Waldmüller heute ein geeigneter Künstler wäre, um einen Salon zu schmücken.

Diesmal findet das Festival vor dem Hintergrund eines Krieges statt – bekanntlich eine Fortführung der Politik mit anderen Mitteln, ein Anfall der Politik, die keine anderen Mittel finden konnte. Aber bei dieser Ausgabe geht es nicht um diesen Krieg oder Kriege im Allgemeinen – die Prologausstellung, die sich auf Filme aus der und über die Ukraine konzentrierte, war da schon näher dran. Jetzt geht es eher um einen Ort, der sich einbildet, im Friedenszustand zu sein, während er in Wirklichkeit ein tiefes Hinterland ist und ein Krieg in der Ferne hin und wieder an sich selbst erinnert.

Entfernung ist relativ. Im 20. Jahrhundert gab es vor allem auf dem Balkan, der so nah an der Steiermark liegt, oft Krieg, während Europa sich als friedlich betrachtete. Es brauchte mehrere Balkankriege, bis sie in den Ersten Weltkrieg mündeten. Der Balkan, vor kurzem Georgien, jetzt die Ukraine und Russland, und neuerdings auch Armenien werden zu oft als nicht wirklich Europa, als nicht vollständig, nicht wirklich „wir“ genug angesehen, um sich darum zu kümmern. Europa gibt sich selbst einen Sinn durch die Definition seiner Grenzen, auch wenn sie fiktiv sind. Hier, direkt an der Grenze des Heiligen Römischen Reiches, spürt man sie wie nirgendwo sonst. Hier in der Steiermark gibt es eine Energie, die Ideen und Menschen wegstößt, körperlich und geistig, aber auch eine Energie, die Ideen und Menschen umarmt und willkommen heißt. Die Steiermark hat sich in ihrer Geschichte sehr wohl geöffnet: den Trigon-Künstler:innen und den Dissident:innen aus der Tschechoslowakei, den politischen Asylbewerber:innen und den internationalen Künstler:innen, aber manchmal auch, um sich an den imperialen Glanz Innerösterreichs zu erinnern. Und es hat sich auch mal gegen Flüchtlinge verbarrikadiert, mit realen Grenzsoldat:innen und -zäunen oder diskursiv gegen alles Gefährliche, weil Fremde.

Wir befinden uns hier im Hinterland vergangener und aktueller Kriege in Jugoslawien und Tschetschenien, in der Ukraine und im Libanon, in Abchasien und Belfast, im Hinterland des Ersten und Zweiten Weltkriegs, des Kolonialismus und des Rassismus. Wir hören diese Schlachten nicht immer toben, aber wir sollten unsere Ohren anstrengen, um diese Geräusche in unserem glücklichen Alltag wahrzunehmen.

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