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«Ich war überrascht über die Blödheit»

Der Bund-Logo Der Bund vor 4 Tagen Martin Ebel

Karl-Markus Gauss, einer der wichtigsten Intellektuellen Österreichs, spricht über sein Land nach dem Strache-Video.

«Wir sind auch nicht die Allerärgsten»: Karl-Markus Gauss. Foto: Klaus Kaindl © Bereitgestellt von Tamedia AG «Wir sind auch nicht die Allerärgsten»: Karl-Markus Gauss. Foto: Klaus Kaindl

Seit dem berühmt-berüchtigten Strache-Video schaut die Welt auf Österreich, halb belustigt, halb entsetzt. Hat Sie überrascht, was Sie da sahen?

Ich war überrascht über die Blödheit, nicht über die Charakterlosigkeit, die sich darin offenbart. Noch mehr überrascht hat mich allerdings, dass die FPÖ bei den Europawahlen mit 2,5 Prozent Verlust «bestraft» wurde. Das zeigt, dass es rund 20 Prozent Menschen in meinem Land gibt, die der FPÖ treu bleiben, egal was sie macht. Für die es ein viel grösserer Skandal ist, dass der arme Strache hineingelegt wurde, als was er gesagt hat. Wobei ihn ja niemand gezwungen hat, zu sagen, was er gesagt hat.

In Europa nehmen die rechtspopulistischen Bewegungen zu. Gibt es eine besondere österreichische Erscheinungsform?

Das Spezifische ist, dass es rechten Populismus in allen Parteien gibt; die Neos und die Grünen würde ich jetzt mal ausnehmen. Und die FPÖ ist für mich keine rechtspopulistische, sondern eine rechtsextreme Partei. Der Unterschied: Der Rechtsextreme will bestimmte zivilisatorische Standards zerstören, mit denen der Rechtspopulist nur spielt. Gemeinsam ist beiden, dass sie die «Fremden» zum zentralen politischen Problem erklären. Das ist paradox, denn Österreich war immer ein Land, das seine Grösse wirtschaftlich, kulturell, in jederlei Hinsicht dem Zustrom von anderen Nationalitäten verdankte, vor allem aus der alten Monarchie. Genau das ist es, was das Österreichische ausmacht. Wir wären ja Deutsche, wenn das nicht so wäre. Die Österreicher sind ja wahnsinnig stolz darauf, dass sie keine Preussen, keine Piefkes sind.

… aber auch keine Tschechen oder Kroaten.

Natürlich. Die Fremdenfeindlichkeit ist gegen die österreichische Geschichtslogik. Und gegen die eigene Familienbiografie. Sie finden viele Rechtspopulisten, deren Namen zeigen, dass sie aus Zuwandererfamilien stammen. Dass der Grossvater aus Kroatien oder Slowenien gekommen ist, haben sie vergessen, aber ihre Namen wissen das noch.

Welchen Anteil haben die Medien am Rechtspopulismus in Österreich? Wie stark ist die Boulevardpresse?

Jedenfalls nicht so stark wie in England. Wir haben allerdings die «Kronen Zeitung». Die hat immer sehr nett über die FPÖ geschrieben und musste jetzt erschrocken feststellen: Die wollen uns ja verkaufen! Ich glaube, die «Kronen Zeitung» wird in nächster Zeit etwas besser werden.

© Bereitgestellt von Tamedia AG In dieser Villa verhandelte HC Strache mit der vermeintlichen russischen Wahlkampfhelferin. Foto: Keystone

Die FPÖ war ja schon mal in einer Koalitionsregierung. Damals hat die EU Sanktionen verhängt, jetzt nicht.

Damals war es, von Österreich aus gesehen, ein taktischer Fehler, weil es die Reihen geschlossen hat. Von der Seite der EU war es auch ein Fehler, nicht weil sie die Sanktionen beschlossen hat, sondern weil sie versäumt hat, klare Regeln aufzustellen. Österreich hat angefangen mit dieser Öffnung nach weit rechts; jetzt sind die meisten osteuropäischen Länder viel weiter. Etwa Ungarn, wo man schon von einem autoritären Staat sprechen muss.

Kann es in Österreich so weit kommen?

In Österreich gibt es immer noch eine relativ unabhängige Justiz. Und die Instanzen des Rechtsstaates funktionieren. Das haben gerade die letzten Monate gezeigt. Für sehr gefährlich halte ich allerdings die Stimmungsmache gegen den ORF. Es gibt eine diffuse Anti-Establishment-Haltung, die schliesst den ORF ein, die Intellektuellen sowieso, seltsamerweise aber nicht die Millionäre, die sind ja fürs Volk. Ich wäre nicht sicher, ob eine Volksabstimmung über den ORF so ausgehen würde wie die entsprechende in der Schweiz.

Der Vorwurf, eine Elite regiere am Volk vorbei, gehört zur rechtspopulistischen Rhetorik. Auch die Attacke auf den «Staatsfunk». Ist sie in Österreich vielleicht berechtigt?

Ich als hochmütiger Intellektueller kritisiere etwas anderes am ORF, nämlich dass er teilweise zu populär und zu simpel geworden ist und sich in manchen Bereichen von den Privatsendern zu wenig unterscheidet. Allerdings nicht in der politischen Berichterstattung. Der ORF bietet über viele Themen umfassende, kritische Informationen. Aber die Leute schauen sich das nicht an. So gibt es ein unheimliches Defizit an Wissen über die Europäische Union. Stattdessen das Vorurteil: Die in Brüssel machen mit uns, was sie wollen.

Gibt es antieuropäische Tendenzen in der Bevölkerung, für die ein Austritt eine Perspektive wäre?

Nein. Ich glaube, dass 70 oder 75 Prozent der Österreicher für die EU sind. Viele erschreckt vor allem die Idee, dass sie sonst einsam und allein und von allen verachtet dastünden. Es ist ja ein Grundgefühl der Österreicher: «Wir allein können sowieso goarnix machen.»

«Die Österreicher haben sehr stark das Gefühl: Wir sind dagegen, aber die Mächtigen sind halt zu mächtig.»

Ganz im Unterschied zu den Schweizern, die meinen, sie könnten alles allein sehr gut machen. Die Schweiz ist da für Österreich also kein Vorbild?

Nein. Die Österreicher haben sehr stark das Gefühl: Wir sind dagegen, aber die Mächtigen sind halt zu mächtig, und wir sind nicht so blöd, uns mit denen anzulegen. Es wäre ja auch wirtschaftlich ein Desaster, wenn wir ausscheiden würden. Die einen wissen das, die andern spüren es wenigstens im Bauch.

In Deutschland ist eine Koalition von CDU und AfD immer noch schwer vorstellbar, eigentlich ein Tabu, wegen der NS-Vergangenheit. In Österreich gilt eine Koalition von ÖVP und FPÖ als «bürgerlich». Dabei hat Österreich ebenfalls eine NS-Vergangenheit.

Österreich hat sich einerseits gleich 1945 zum «ersten Opfer Hitlers» erklärt und andererseits auch erheblich belastete Leute schnell rehabilitiert. Die Nazis sind in alle möglichen Parteien gegangen, auch in die SPÖ.

Dass Österreich seine NS-Vergangenheit verdrängt, ist bekannt. Ändert sich das immer noch nicht, gibt es denn keine Generation junger Historiker, die daran arbeitet?

Doch, schon. In gewissen intellektuellen Kreisen – nicht in der breiten Bevölkerung! – ist es sogar schon Mainstream geworden, zu sagen: Wir waren die grössten Schweine. Das finde ich auch etwas übertrieben, wenn auch statistisch erwiesen ist, dass bei den KZ-Verbrechern überproportional viele Österreicher dabei waren. Aber Österreich hat andererseits auch einen Widerstand gehabt, von den Katholiken bis zu den Kommunisten, der ist auch vergessen.

Wie gross ist das «Fremdenproblem», auf das der Rechtspopulismus alle Debatten zurückführt, in Österreich denn wirklich?

Wir haben schon viele Flüchtlinge, es sind ja nicht alle nach Deutschland weitergereicht worden. Und natürlich werden nicht alle locker integriert. Aber die FPÖ und teilweise die ÖVP tun ja alles dafür, dass die Integration nicht gelingt. Man kürzt die Sprachstunden. Flüchtlinge werden abgeschoben, selbst wenn sie einen Arbeitsplatz haben und dringend gebraucht werden. Kürzlich haben sogar Hoteliers gegen die Abschiebung von Kellnern und angehenden Köchen protestiert. Und ohne die Flüchtlinge, die in den 1990er-Jahren aus Jugoslawien kamen, würde das Land heute gar nicht funktionieren.

© Bereitgestellt von Tamedia AG Das «Fremdenproblem» wird politisch bespielt. Flüchtlinge an der Grenze zwischen Österreich und Slowenien im Jahr 2015. Foto: Keystone

Das würde man schon beim Fussball merken.

Ja, Fussballstars mit jugoslawischen Namen lässt sich sogar die FPÖ gefallen.

In der Schweiz sind Secondo-Fussballstars auch sehr beliebt.

Wobei mir aufgefallen ist, wenn ich Schweizer Fernsehen schaue, dass die Schweizer Secondos perfekt Schweizerdeutsch sprechen. Unsere Fussballer dagegen sprechen oft eine Art Jugo-Deutsch.

Schweizer Fernsehen können Sie doch seit kurzem gar nicht mehr empfangen.

Ja, sehr schade: Jetzt werde ich nie begreifen, wie Jassen funktioniert! Das Jugo-Deutsch finden Sie auch in vielen Einwanderer-Communities. Und daraus schliesst der Österreicher: Wir haben natürlich wieder mal die Dümmsten bekommen. Die Gescheitesten sind in die Schweiz, die Tüchtigsten nach Deutschland, bei uns sind die Deppen übrig geblieben.

Das klingt nach einem nationalen Minderwertigkeitskomplex.

Ja, Österreich ist das Land, in dem Grössenwahn und Minderwertigkeitskomplex zugleich auftreten. Wir sind die Tollsten, und wir sind das Letzte: beides zugleich.

Wenn Ihnen ein ausländischer Journalist kritische Fragen über Ihr Land stellt, so wie ich jetzt: Regt sich da eigentlich kein patriotischer Verteidigungsreflex?

Doch. Ich bin Salzburger, österreichischer Patriot und europäischer Weltbürger. Wir sind auch nicht die Allerärgsten. Es gibt ein routiniertes Österreich-Bashing, das auch nur wohlfeil ist, mir zu billig. Aber das muss man aushalten.

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