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"In meinen Augen sind das türkische Reichsbürger"

DIE WELT-Logo DIE WELT 21.04.2017
Ali Toprak © Bereitgestellt von WeltN24 GmbH Ali Toprak

Während türkische Metropolen mit Nein votierten, stimmten türkische Wähler in Deutschland für Erdogans Verfassungsreform. Bei Illner ging es um Wähler, die für eine Veränderung stimmten, in der sie nicht leben werden.

Am vergangenen Sonntag stimmte eine klare Mehrheit der türkischen Wähler in Deutschland für das autokratische Präsidialsystem von Recep Tayyip Erdogan. Die Verhältnisse waren hierzulande deutlicher, als in der Türkei selbst. Dort war das Ergebnis so knapp, dass letztendlich im Ausland lebende Türken mit ihren Ja-Stimmen das Zünglein an der Waage gewesen sein könnten. Im Nachhinein erklärt das zum einen die umstrittenen Wahlkampfmanöver türkischer Politiker in der EU im Vorfeld des Referendums, zum anderen wirft es die große Frage nach dem "Warum?" auf.

Warum stimmen Menschen, die hier von allen Freiheiten einer Demokratie profitieren, für die Einschränkung jener Freiheiten in ihrem Herkunftsland? Warum hat Erdogan in Deutschland mehr Zuspruch gefunden als in der Türkei selbst? Das wollte am Donnerstagabend auch Maybrit Illner von ihren Gästen wissen. Die erste Talk-Nachlese seit dem Referendum stand unter der Überschrift "Erdogans deutsche Fans – stolz, frustriert und fremd?".

Erdogan-Unterstützer Bülent Bilgi fühlte sich schon alleine wegen des "respektlosen" Titels der Sendung provoziert und holte deshalb schon gleich zu Beginn zum Rundumschlag aus. Die Ausgangsfrage, warum Türken hier in einer offenen Gesellschaft lebten, für die Türkei aber dagegen stimmten, sei schizophren: "Diejenigen, die mit 'Ja' gestimmt haben, gehen definitiv nicht davon aus, dass sie eine Diktatur gewählt haben." Er verglich Erdogans Präsidialsystem mit dem der USA, freilich ohne dabei näher auf die kleinen aber feinen Unterschiede einzugehen. 

Dem kritischen Wahlbeobachter Andrej Hunko warf Biligi vor, befangen und ein Terrorunterstützer zu sein. Im Gegensatz zur Türkei sei viel mehr außerhalb davon kein fairer Wahlkampf möglich gewesen. "In Deutschland, in Europa und in der ganzen Welt durften wir keine Infoveranstaltungen machen", klagte er allen Ernstes und setzte noch eins drauf, als er sich über die ungerechte 5-zu-1-Situation in der Runde beschwerte, die ja exemplarisch für einen unfairen Umgang sei.

Angesichts hunderter inhaftierter Journalisten und Oppositioneller und nahezu gleichgeschalteter Medien in der Türkei eine fast grotesk-verzerrte Wahrnehmung. "Sagen Sie bitte, dass das ein Satiriker ist", bat Ali Toprak die Gastgeberin anschließend - zu Recht.

Der CDU-Politiker und KGD-Vorsitzende wusste nicht, ob er über Bilgis Performance lachen oder weinen sollte. Vermutlich steht diese lustvoll und trotzig zelebrierte Opferrolle jedoch exemplarisch für viele türkische Wähler, die für Erdogans Kurs votierten. "Diskriminierungserfahrungen gibt es und die müssen thematisiert werden, aber sie können nicht als Erklärung für alles herhalten", fand Serap Güler (CDU). Genauso wenig wie eine Trotzreaktion auf die Debatte um Auftrittsverbote von türkischen Politikern.

Viele liberale Türken in der Türkei seien sauer über das Ergebnis aus Deutschland. "Die haben abgestimmt und müssen nicht mit den Konsequenzen leben", kritisierte Güler. Während türkische Metropolen wie Istanbul, Ankara und Izmir mit Nein votiert haben, stimmten Berlin, Hamburg, München und alle anderen zehn Städte, in denen die Wahlberechtigten ihre Stimmzettel abgeben konnten, mit Ja. In Essen sogar knapp 76 Prozent.

Toprak stimmte zu: "Ich akzeptiere nicht mehr, dass wir uns die Schuld dafür geben, dass wir Türken so schlecht behandelt hätten und die aus Trotz deshalb Erdogan wählen mussten." Auch andere Einwanderer hätten seinerzeit als Gastarbeiter Ablehnung erfahren und sich und ihre Kinder anschließend trotzdem nicht gegen die deutsche Gesellschaft gestellt.

Sorgen bereitete Toprak, dass die Ideologie dieser Menschen zu wenig thematisiert werden würde. Um den Sachverhalt für die deutsche Öffentlichkeit verständlich zu machen, zog er einen gewagten Vergleich: "Diese Leute haben für einen Nationalislaismus gestimmt. In meinen Augen sind das türkische Reichsbürger, die mit der neuen Verfassung die türkische Republik abschaffen."

Warnung vor antitürkischer Stimmung

In der hitzigen Debatte mahnte schließlich ausgerechnet der einzige deutschstämmige Gast an diesem Abend davor, alle Deutschtürken über einen Kamm zu scheren und eine antitürkische Stimmung zu kreieren. Alexander Graf Lambsdorff (FDP) war um diplomatische Töne bemüht. Letztlich hätten schließlich "nur" 450.000 von 3,5 Millionen Wählern für das Präsidialsystem gestimmt. "Für den Zuschauer soll klar sein, dass es nicht nur einen Block gibt und das alles Erdogan-Fans sind", mahnte Lambsdorff.

Damit daran keine Zweifel mehr aufkommen konnten, zog Maybrit Illner gegen Ende der Sendung noch einen Joker und holte Mustafa Karadeniz in die Runde. Der Unternehmer aus Berlin hatte sich bereits letzte Woche bei Markus Lanz eindrucksvoll für den Titel des sympathischsten und bestens integrierten Deutschtürken beworben. Und weil er so gut ankam, durfte er seine persönliche Geschichte und seine angenehm differenzierte Sicht der Dinge gleich noch einmal erzählen. Dafür, dass seine Frau auf Erdogan-Kurs sei, habe er Verständnis. "Politik sollte man nicht mit Liebe vermischen. Erdogan hat keine Skandale, er ist groß und sieht gut aus", witzelte er. 

Das Wahlergebnis sah er nicht als Niederlage. Dass Erdogan unter großem finanziellen und personellen Aufwand und mit massiver Unterdrückung seiner Gegner ein so knappes Ergebnis einfahren konnte, deutete er vielmehr als positives Signal: "Die Türkei lebt und es gibt Leute, die das erkannt haben."

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Im Video:  Türkei nach dem Referendum: Eine gespaltene Nation

(c) afp.de

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