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Jörg Haider: Immer noch ein Stern am Kärntner Himmel?

Futter-Logo Futter 11.10.2018 Gunnar Knaus
© Bereitgestellt von Styria Digital One GmbH

Für viele Kärntner ist Jörg Haider auch zehn Jahre nach seinem Tod ein absoluter Superstar. Doch warum eigentlich? Ein Erklärungsversuch.

In der Nacht des 11. Oktobers 2008 traf die österreichische Politik aus heiterem Himmel eine folgenschwere Todesnachricht. Jörg Haider, Landeshauptmann von Kärnten, Mitgestalter der ersten schwarz-blauen Regierung Österreichs und europaweit gefürchteter Rechtspopulist hatte in seinem Dienstwagen, einem VW Phaeton (das weiß jeder Kärntner) einen folgenschweren Unfall.

Zehn Jahre nach dessem Unfalltod überschlagen sich die Sendungen und Berichterstattungen zu Haider geradezu. Es zeigt sich, wie groß der Kult im Jörg Haider nach wie vor ist und welchen Stellenwert dieser in der österreichischen Politik einnahm. In großen Teilen der Kärntner Bevölkerung genießt Haider nach wie vor einen Heldenstatus. Um das zu untermauern, schlage ich hier ein kleines Gedankenexperiment vor, das du selbst ausprobieren kannst. Unabhängig, ob du nun Haider Fan warst oder nicht. Nämlich, ob du noch weißt, was du an jenem Tag getan hast, als „der Jörg“ gestorben ist. Jeder Kärntnerin und jeder Kärntner weiß das. Da trau ich mich jetzt auch, sagen wir, eine Kiste Bier, wetten.

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2008: Kerzen und Grußbotschaften an der Unglücksstelle

Foto: Daniel Raunig

Offizierstränen

Ich kann mich noch gut an den Tag erinnern, an dem in Kärnten “die Sonne vom Himmel gefallen ist” (Gerhard Dörflers Worte, nicht meine). Ich absolvierte gerade meinen Präsenzdienst in einer Villacher Kaserne und hatte Samstagsdienst. Als ich von einer der vielen Rauchpausen zurück zu meinem “Arbeitsplatz” kam stand plötzlich ein in Tränen aufgelöster “Offizier vom Tag” da. Der bullige Mann mit Glock 17 im Holster und tadellos geputzten Stiefeln stand wie ein Häufchen Elend mit roten Augen vor mir. Ich fragte ob alles okay sei. Seine Antwort: “Unsa Jörg is in da Nocht tödlich vaunglückt”. Doch das war nicht alles. Der Mann war nicht nur traurig, sondern auch stocksauer: “I bin so wütend, dass i vom Militärkommando immer no kan Befehl hob, die Fahne auf Holbmost zum henkn.” Ich wusste zunächst nicht, was skurriler an der ganzen Situation war. Der bewaffnete Hühne, der wie ein Schlosshund weinte, oder die Tatsache, das der wohl prägendste österreichische Politiker der letzten 25 Jahre gestorben war. Nicht das es mir jetzt übertrieben nahe ging, ich war nie Fan seiner Politik. Der Stellenwert seiner Person wurde mir aber erst da so richtig bewusst.

Haider, der Kickl von damals

Haider war international bekannt und in der Heimat geschätzt oder gehasst. Aber in Kärnten kam seiner Person der Status eines Imperators gleich. Von seinen Anhängern vergöttert, von seinen Gegnern gefürchtet. Mit den anderen Parteien ist Haider in Kärnten „Schlitten gefahren“. Schlag nach bei Gabriele Schaunig. Politischer Gegenwind war maximal eine sanfte Brise, die ÖVP wusste ihre Rolle in der Koalition zu spielen, klein und leise. Und auch die Medienlandschaft wagte es nur zu selten, ein kritisches Wort zu schreiben, der “auf Kärnten aufpasst”. Wer rebellierte wurde mit Informationen ausgehungert. Wer mitmachte, bekam Inserate. Falls jemand glauben sollte, dass Kickls angedachte Vorgehensweise neu ist, der weiß nicht, wie es im Kärnten der Haider Ära zuging. Dieser hat das populistische Spiel der FPÖ erfunden, das die Partei in die Bundesregierung brachte. Er wusste, wie er Themen setzt (Stichwort Tschetschenen in Kärnten) um Angst zu erzeugen, und gleichzeitig Macht daraus zu ziehen.

© Bereitgestellt von Styria Digital One GmbH Haider wusste immer, sich voksknah zu inszenieren. Foto: APA/Gert Eggenberger

Jeder Kärntner hat einmal den Haider die Hand geschüttelt

Doch diese Ansicht alleine greift zu kurz. Denn um den Kärntner Haider-Kult verstehen zu können, braucht es die persönliche Komponente. Haider war nicht nur ein kalkulierender Populist mit umfassender Rechtskenntnis, sondern er hatte auch ein Gespür für Menschen. Es gibt in Kärnten den „urban Myth“, dass jeder Haider einmal die Hand geschüttelt hat. Ein Trachtenfest im Mölltal? Haider war da.Bei wirklich jedem Sauaustreiben gab Haider den volksnahen Landeshauptmann. Doch die alleinige Anwesenheit war es nicht. Es war Haiders Zugang zu Menschen. Er erinnerte sich Jahre später noch an das Gespräch mit X-beliebigen Menschen, wenn ihm diese Person wieder begegnete. Und das machte bei den Menschen einen unglaublichen Eindruck.

© Bereitgestellt von Styria Digital One GmbH Omnipräsent auf den Kärntner Brauchtumsfesten. Foto: Gernot Gleiss

Hilfe vom Jörg persönlich

Haider machte sich einen Sport daraus, sich für die Probleme der Menschen einzusetzen und dies auch plakativ darzustellen. “Teuerungsausgleich”, “Jugendtausender” oder “Schulstartgeld” — Haider war bekannt dafür, medial inszeniert Geld an die Kärntner Bevölkerung zu verteilen. Und die Menschen dankten es ihm an den Urnen. Vielfach ist auch von einzelnen Erfahrungen zu hören, bei denen Menschen mit ihren Problemen auf Haider zugingen, dieser ein oder zwei Anrufe tätigte, und die Sache war aus der Welt geschafft.

Grablichter und persönliche Briefe

Die populistische Inszenierung seiner Maßnahmen, die gelebte Volksnähe, eine klein gehaltene Opposition und unter Druck gesetzte Medien — das alles wirkt auch zehn Jahre nach Haiders Tod nach wie vor in großen Teilen der Kärntner Bevölkerung nach. Selbst Skandale wie jener der Hypo, der dem Land einen milliardenschweren Schuldenberg einbrockte, haben den Mythos maximal angekratzt. Auch nachdem die halbe Landesregierung vor dem Richter stand und enge Haider-Vertraute verurteilt wurden, nahm die Zustimmung zu Haider nur gering ab.Wer zur Unfallstelle fährt, der wird dort nach wie vor aufgestellte Grablichter und persönliche Briefe trauernder Anhänger_innen vorfinden.

Haiders Politik bringt nach wie vor Wahlsiege und sein Einfluss prägte das Land Kärnten immens. Und das wird sich wohl so schnell nicht ändern.

 

Gunnar Knaus

11.10.2018

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