Durch Nutzung dieses Dienstes und der damit zusammenhängenden Inhalte stimmen Sie der Verwendung von Cookies für Analysezwecke, personalisierte Inhalte und Werbung zu.
Sie verwenden eine veraltete Browserversion. Bitte verwenden Sie eine unterstütze Versiondamit Sie MSN optimal nutzen können.

Liverpool ist die hippste Metropole – nicht London

DIE WELT-Logo DIE WELT 16.07.2017

Seit den 80er-Jahren erlebt Liverpool ein Comeback. Und in diesem Jahr hat die Heimatstadt der Beatles gleich drei Anlässe, um ihre berühmten Musiker zu feiern. Da kann London nicht mithalten.

Jeden Morgen um 11 Uhr setzt sich der bunt lackierte Bus in Bewegung. Fünfmal am Tag die gleiche Tour, stets gut gefüllt mit Besuchern von Tokio bis Buenos Aires. Sie sind Gäste der Magical Mystery Tour, einer Zeitreise auf den Spuren der berühmtesten Söhne der Stadt. Schon die Busse sind Programm – Regenbogenfarben und flotte Sprüche aus dem unerschöpflichen Textrepertoire der Beatles: "We've got a ticket to ride!"

Liverpool war einst der wichtigste Seehafen Englands, später ein Sanierungsfall des industriellen Niedergangs. Seit den 1980er-Jahren erlebt die Stadt ihre Wiederauferstehung, mit renovierten Hafendocks und gestyltem Stadtzentrum, Fußgängerzonen, Shoppingmalls, Szenerestaurants, Galerien.

Liverpool ist die hippste Metropole Englands. Die Beatles haben einen wesentlichen Anteil daran. Wer Liverpool besucht, der kommt immer auch ihretwegen. Anders als Hamburg, das sich kaum um seinen Anteil am Beatles-Erfolg schert, steckt Liverpool viel Geld in dieses Vermächtnis.

Bei der Magical Mystery Tour lernen auch Fans noch dazu

In der Stadt sind die Beatles an allen Ecken und Enden präsent. Ross Grant, Fahrer und Tourguide in einem, dreht die Soundanlage im Bus auf. "I want to hold your hand" – Pärchen blicken sich verträumt an. Ross verspricht, alle wichtigen Orte der Band-Geschichte abzuklappern.

Die Magical Mystery Tour beginnt im Albert Dock, dem restaurierten historischen Hafen Liverpools. Wer es privater mag, macht im eigenen Fab-Four-Taxi eine ähnliche Rundfahrt.

Neben Ross sitzt Joey Lyons. Er stellt sich als Beatles-Intimus heraus. Beim ersten Stopp, den vier überlebensgroßen Bronzestatuen der Fab Four, legt er los: "John Lennon hält in der rechten Hand zwei Eicheln. Wohin auch immer er in der Welt reiste, überreichte er Politikern eine Handvoll Eicheln als Friedenssymbol. Auf dem Gürtel, den George Harrison trägt, steht ein indisches Mantra. Das war die Philosophie, an die er glaubte."

Joey ist Experte für die Details, die auch Beatles-Fans nicht sofort sehen. "Und wenn ihr hier vor Paul McCartney steht, seht ihr, dass er eine Kamera trägt – die von Linda McCartney. Seine Frau war ja Fotografin."

Tausende Liverpudlians wie Ross Grant und Joey Lyons leben recht gut vom anhaltenden Beatles-Hype. Jedes Jahr kommen so viele Urlauber in die Stadt, wie sie Einwohner hat. Keiner, der nicht auf den Spuren der Pilzköpfe wandelt.

Ohne die Beatles sähe Liverpool ganz anders aus

Schon am John Lennon Airport ragt ein gelbes U-Boot aus den Blumenrabatten. Riesige Plakatwände im Zentrum lassen vergessen, dass die größte Band aller Zeiten schon seit fast einem halben Jahrhundert vorbei ist. Ohne die Band sähe Liverpool ganz anders aus.

2017 ist für die Stadt, die sich selbst City of Music nennt, zudem wie ein Hauptgewinn im Lotto: Sir Paul wird am 18. Juni 75 Jahre alt. Am 6. Juli vor genau 60 Jahren trafen sich McCartney und Lennon zum ersten Mal.

Das wichtigste Beatles-Album, Sgt. Pepper's Lonely Hearts Club Band, wurde vor 50 Jahren veröffentlicht. Und der legendäre Cavern Club, in dem die Beatles nach Hamburg erste Heimsiege feierten, hat ebenfalls 60 Jahre auf dem Buckel. Ein Jubiläumsoverkill also, der so bald nicht wiederkommen wird.

Der Beatles-Tourismus spüle jährlich über 97 Millionen Euro in die Stadt, erklärt Joe Keggin vom städtischen Tourismusbüro. Hinter dieser Zahl verbergen sich Dienstleistungen aller Art: von Souvenirverkäufern über Taxichauffeure bis zum Beatles-Tourguide, vom Fanartikelhersteller bis hin zum Museumskurator reicht die Palette derjenigen, die vom Image der Musikmetropole profitieren.

Viele Songs beruhen auf authentischen Erlebnissen

LIVERPOOL, ENGLAND - DECEMBER 04: A New Statue of The Beatles by sculptor Andy Edwards is unveiled at Pier Head on December 4, 2015 in Liverpool, England. The bronze sculpture was donated to the city by the Cavern Club and unveiled by John Lennon's sister Julia Baird. (Photo by Richard Stonehouse/Getty Images): LIVERPOOL, ENGLAND - Eine Statue der Beatles  © Getty Images / Richard Stonehouse LIVERPOOL, ENGLAND - Eine Statue der Beatles 

Penny Lane könnte irgendeine Nebenstraße sein. Nicht sehr breit, nicht besonders lebendig, eher dünn und lang passiert sie ein paar Grünanlagen und Mittelklasse-Nachbarschaften, um schließlich an einer Kreuzung im Stadtteil Allerton wieder auf Verkehr, Geschäfte, Alltag zu treffen.

Der Song Penny Lane hingegen gehört zu den berühmtesten der Popmusik. Fahrer Ross lächelt schelmisch: "Seit die Beatles den Titel 1967 herausbrachten, wurden die Straßenschilder zu Hunderten abmontiert und als Souvenirs mitgenommen. Nun sind sie im Mauerwerk verschraubt." Nun gut, für ein Erinnerungsfoto reicht es allemal.

Penny Lane, später Strawberry Field, Barber Shop – sie alle liegen dort, wo Lennon und McCartney aufwuchsen, mit dem Bus täglich zur Schule fuhren, ihre Freizeit verbrachten, auf der Gitarre spielten und mit Mädchen anbandelten.

Viele Songs der Beatles handeln von den Erinnerungen an ihre Kindheit in Liverpool, beschreiben ihre Gefühle und Schicksalsschläge. Es sind authentische Erlebnisse, die der Besucher problemlos nachempfinden kann. Deshalb ist es so charmant, auf ihren Spuren die Stadt zu entdecken.

Paul McCartney gilt als jovial und umgänglich

Das Liverpool Institute for Performing Arts ist eines der Projekte, die der schwerreiche McCartney unter seine Fittiche nahm. Er ging in dem mächtigen Bau zur Schule, John Lennon und seine erste Frau Cynthia studierten hier später Kunst.

In der Krise, die um 1950 mit der Deindustrialisierung einsetzte, musste das Institut dichtmachen. McCartney kaufte das heruntergekommene Gebäude 1996 und baute es zu einer renommierten Kunstakademie um.

Joey Lyons, der Mann fürs Insiderwissen, zaubert eine seiner Anekdoten aus dem Hut: "Eines Tages stand ich hier mit einem deutschen Paar. Plötzlich geht eines der Fenster auf und Paul McCartney ist zu sehen. Die Frau rennt zum Fenster und schreit: 'Paul, Paul, Paul!' Und er spricht doch wirklich auf Deutsch mit ihr. Die Frau fängt an zu heulen. 64 Jahre hat sie darauf gewartet, ihn zu treffen."

Paul McCartney ist einer der am meisten gejagten Prominenten der Welt. Er lebt weitgehend inkognito, gibt keine Interviews. Nur eine Handvoll Leute weiß, wenn er nach Liverpool kommt. Trotzdem wollen fast alle im Beatles-Business den Meister schon selbst getroffen haben: Joey Lyons, Ross Grant, der Pfarrer der Kirche, in der Paul im Chor sang, alte Weggefährten sowieso.

Er wird als jovial beschrieben, umgänglich, eine Plaudertasche. Im Kosmos der Legenden, die die Beatles umgeben, sind die Grenzen zwischen Realität und Fiktion längst nicht mehr auszumachen. Man könnte es infrage stellen, doch wie die Liverpooler mit ihren Heroen bis heute umgehen, ist eigentlich vor allem eines: liebenswert.

John Lennon kam von den Chorproben zum Friedhof

Die schönste Geschichte erzählt Beatles-Intimus Joey Lyons im Stadtteil Woolton. Hier begann am 16. Juli 1957 die Beatles-Story, als der 15-jährige Paul bei einem Dorffest der St. Peter Church auf John traf. Joey Lyons steht neben der Kirche, zeigt auf die Friedhofsmauer und senkt die Stimme: "Von hier aus seht ihr das Grab mit der Inschrift Eleanor Rigby."

Paul McCartney schrieb den Song, sagte aber, der Name sei von einer Schauspielerin aus dem Film "Help" inspiriert worden. Doch es war John Lennon, der von den Chorproben immer mal wieder zur Friedhofsmauer kam, um eine zu rauchen.

Genau dort saß er dann und konnte Eleanor Rigbys Grab sehen. "Und gleich nebenan, seht ihr etwas? Da ist das Grab von John McKenzie. Eleanor Rigby, Father McKenzie, beide aus demselben Song." Also, hat McCartney den Song wirklich geschrieben? War es John Lennon, der hier oft war? Lyons ist sich sicher, dass die Namen von diesem Friedhof stammen.

Wo George Harrison und Ringo Starr aufwuchsen

Liverpool ist im Zentrum nicht mehr wiederzuerkennen, hat sich aber in den traditionellen Wohngebieten kaum verändert. Wer die Miethäuschen sieht, in denen George Harrison und Ringo Starr aufwuchsen, macht sich eine Vorstellung davon, wie die Jungs mit den Elvis-Tollen und dem Rock'n'Roll-Sound in den Ohren in den 50er-Jahren nur eines wollten: weg von dort.

Sowohl Lennon als auch McCartney waren dagegen Mittelstandskinder. Ihre für heutige Verhältnisse dennoch beengten Wohnverhältnisse stehen Fans zum Besuch offen. Der National Trust, eine britische Organisation zum Erhalt historischer Bauten, hat die Häuser beider Familien in den Originalzustand versetzt und erlaubt kleinen Gruppen eine Zeitreise ins Nachkriegs-Liverpool.

Die Forthlin Road Nr. 20 ist ein Reihenhaus mit rotem Klinker, 60 Quadratmetern Grundfläche, Bad im Haus, winzigem Garten. Auf der Magical-Mystery-Bustour darf man nur von der Straße einen Blick darauf werfen, wo Paul McCartney sieben Jahre seiner Jugend verbrachte.

Hunderttausende pilgern jährlich hierher. Dürften sie eintreten, würden sie Bausubstanz und Ausstattung in Kürze ruinieren. Besuche müssen daher lange im Voraus gebucht werden. Dann erst öffnet sich das Gartentor und Verwalterin Sylvia Hall begrüßt die kleine Gästeschar. Vom Band ertönt die Stimme Paul McCartneys, der über seine Zeit hier erzählt.

In seinem winzigen Jugendzimmer direkt über der Eingangstür trafen sich Paul, John und George zum Üben, hier wurden nach Sylvia Halls Vermutung um die 100 Songs und viele der Hits der Beatles geschrieben. "Immer, wenn ich morgens die Tür aufmache, sage ich: Guten Morgen, Paul!"

Am Abend geht es in den Cavern Club

Es ist seltsam, dass der Liverpool-Besucher den Menschen John Lennon, Paul McCartney, George Harrison und Ringo Starr immer dann besonders nahekommt, wenn es gelingt, den Alltag von damals wieder zum Leben zu erwecken. Die beengten Lebensumstände; die Hinterhöfe; die Felder, von denen sie Obst klauten; die Übungsräume, in denen sie spielten; die Geschichten, die kursieren.

Ihre Musik selbst ist längst Weltkulturgut. Sie berührt einen an den Orten ihrer Anfänge kaum. Und so sind denn auch Orte, wie die multimedial inszenierte The Beatles Story, vollgestopft mit Memorabilia der kurzen, aber heftigen Karriere der Fab Four ein Muss.

Aus aller Welt wurden und werden noch immer Videos, Instrumente, Fotos, Outfits, Devotionalien und Beatles-Kitsch zusammengetragen, die den nicht endenden Strom an Fans begeistern. Doch all das bleibt meist im Anekdotischen stecken, Zusammenhänge werden hier nicht erklärt.

Unumgänglich ist der Abend im Cavern Club. Zwei Stockwerke tief im Keller in der Mathew Street wird heute noch genauso cool gerockt wie damals, als Manager Brian Epstein hier die Weltkarriere der Beatles einfädelte und die erste Konzerttour in die USA plante.

Gegenüber an der Hauswand lehnt ein Bronze-Lennon. Und man meint, ein spöttisches Lächeln in seinen Mundwinkeln zu erkennen, wenn jede Woche wieder Leute aus aller Welt zur "Saturday with the Beatles"-Nacht in den Katakomben verschwinden. Dann spielt die frisurenmäßig einwandfrei gestylte Coverband deren Repertoire rauf und runter und reißt die Massen zu Begeisterungsstürmen hin. Das ist der Hype, für den die meisten nach Liverpool gekommen sind.

Tipps und Informationen

Anreise: Nonstop-Flüge zum Beispiel direkt mit Blue Air ab Hamburg oder mit Easyjet ab Berlin.

Auf den Spuren der Beatles: Zweistündige Rundfahrt Magical Mystery Tour, Buchung über visitliverpool.com. Museum The Beatles Story, beatlesstory.com, The Cavern Club, cavernclub.org.

Unterkunft: "Hard Days Night Hotel", Beatles-Themenhotel, Doppelzimmer ab 90 Euro, harddaysnighthotel.com; "The Nadler Liverpool", stylisches Haus , Doppelzimmer ab 50 Euro, nadlerhotels.com.

Auskunft:www.visitbritain.com

Die Teilnahme an der Reise wurde unterstützt von Visit Britain. Unsere Standards der Transparenz und journalistischen Unabhängigkeit finden Sie unter axelspringer.de/unabhaengigkeit.

| Anzeige
| Anzeige

Mehr von DIE WELT

| Anzeige
image beaconimage beaconimage beacon