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Sogar die Konkurrenz ist von den Methoden Jürgen Klopps in Liverpool begeistert

Neue Zürcher Zeitung-Logo Neue Zürcher Zeitung 14.01.2020 Hanspeter Künzler, London

Mit dem deutschen Coach spielt der FC Liverpool eine Saison der Rekorde. Seit mehr als einem Jahr ist der Champions-League-Sieger ungeschlagen, nur noch höhere Gewalt scheint den Meistertitel verhindern zu können.

Die urbane Spontaneität, der Witz und die Offenheit: Es war ungewohnt, wie der Trainer Jürgen Klopp an die englische Öffentlichkeit trat. Neil Hall / Keystone / ;Epa © Bereitgestellt von Neue Zürcher Zeitung Die urbane Spontaneität, der Witz und die Offenheit: Es war ungewohnt, wie der Trainer Jürgen Klopp an die englische Öffentlichkeit trat. Neil Hall / Keystone / ;Epa

Am Wochenende fiel wieder ein Rekord. Der hart erarbeitete 1:0-Sieg bei Tottenham Hotspur bedeutet, dass für den FC Liverpool nach 21 Runden 61 Punkte zu Buche stehen. Das sind zwei Zähler mehr, als der nachmalige Meister Manchester City in der Rekordsaison 2017/18 zum selben Zeitpunkt erreicht hatte. Weder in Deutschland noch in Italien, Spanien oder Frankreich hatte ein Klub nach 21 Runden je so viele Punkte auf dem Konto. Seit dem 1:2 gegen Manchester City am 3. Januar 2019 – wie es sich herausstellte, kostete diese Niederlage die Reds hernach den Titel – hat das Team nicht mehr verloren. Die seither in 38 Partien eingesammelten 104 Punkte sind ebenfalls Premier-League-Rekord.

In Tottenham stand den Reds mehrmals das Glück zur Seite, aber dieses Glück hatten sie redlich erzwungen. Kaum eine Sekunde lang konnten die Platzherren tändeln, ehe ihnen ein gegnerischer Fuss in die Quere kam. In jeder Situation reagierten die Liverpooler einen Hauch geschwinder. Bei dem Stress konnte man es Son Heung-Min und Giovani Lo Celso verzeihen, dass ihnen die Nerven dazu fehlten, ihre hochkarätigen Torchancen auszunützen. Wie aber kommt es, dass Liverpool nahezu unantastbar erscheint?

Passepartout für die Herzen

Vielleicht verdeutlicht eine kleine Episode, worauf der Erfolg der Reds fusst: Nach einem verlorenen Spiel im September gegen Liverpool liess der Sheffield-United-Trainer Chris Wilder die Medien aussergewöhnlich lange auf die Pressekonferenz warten. Als er endlich erschien, war er gut gelaunt. Er habe mit Liverpools Coach Jürgen Klopp noch ein Bier gekippt, erklärte er zur Entschuldigung. «Das war sehr erfrischend. Ich habe nicht das Gefühl, dass so etwas mit gewissen anderen Premier-League-Kollegen möglich wäre.»

Es war der Klopp-Effekt in voller Aktion. Ob der Freude, die Wilder nach der Begegnung an den Tag legte, konnten ihm nicht einmal die abgebrühten Journalisten böse sein. In seiner ersten Pressekonferenz in Liverpool war Klopp an José Mourinho erinnert worden. Dieser hatte sich bei seiner Ankunft in Chelsea zum «special one» ernannt. Wie er sich selber beschreiben würde, wurde Klopp gefragt. Er lachte. Er sei «the normal one».

Diese Behauptung war, so stellte sich bald heraus, blanke Koketterie. Einen wie ihn hat es im englischen Fussball noch nie gegeben. Weder war er ein knorriger Zuchtmeister alter Schule noch ein bierseliger Kumpeltyp, weder ein verschlossener Choleriker noch ein Mann der aalglatten PR-Sprüche. Die urbane Spontaneität, der Witz und die Offenheit: Es war ungewohnt, wie Klopp an die Öffentlichkeit trat – und, so darf man annehmen, seine Spieler behandelte. Kürzlich stellte ihm ein TV-Reporter die Frage, wie wichtig es in dem Match gewesen sei, den ersten Treffer zu erzielen. «Very», lautete die so knappe wie vielsagende Antwort Klopps, begleitet von einem charmanten Grinsen, mit dem er die Banalität des Austausches unversehens in einen Comedy-Sketch verwandelte. Ein guter Sinn für Humor ist ein Passepartout für die Herzen der Briten.

Klopp bringt jene Stabilität, nach der sich der Klub sehnte. Rund sechzig Jahre lang hatte der FC Liverpool der Moores-Familie gehört, als diese ihre Anteile im Februar 2007 an die amerikanischen Geschäftsleute George Gillett und Tom Hicks abtrat. Hinter den Kulissen hatte es gegärt. Mit dem Trainer Rafael Benitez hatte man sich verkracht, obwohl dieser zwei Jahre zuvor die Champions League gewonnen hatte. Unter den dubiosen neuen Besitzern wurde die Stimmung nicht besser, zumal bald arge finanzielle Turbulenzen auftraten.

Im Oktober 2010 wurde der schwer verschuldete Klub der amerikanischen Fenway Sports Group zugeschlagen, der unter anderem der Baseball-Klub Boston Red Sox gehörte. Dem damaligen Trend folgend, waren die Amerikaner Fans von Michael Lewis’ Buch «Moneyball», das zeigte, wie der Baseball-Klub Oakland mittels Auswertung von Spielerdaten zum Erfolg geführt worden war.

Prompt richtete der FC Liverpool eine Analytikabteilung ein. Diese wurde vorerst sogar im eigenen Klub mit grosser Skepsis aufgenommen. Auch für Klopp waren solche Methoden neu, als er im Oktober 2015 in Liverpool ankam. Erst als ihm der Chefanalytiker Ian Graham anhand des von ihm entwickelten Systems erklärte, dass der enttäuschende siebente Tabellenrang, den er in der letzten Saison mit Dortmund erreicht habe, auf eine Pechsträhne zurückzuführen sei, nicht auf Fehler von ihm, wurde er hellhörig.

Zwei Listen, ein Volltreffer

Wenig später erstellte Graham eine Liste von zehn Stürmern, die gemäss den Daten gut in die Kloppsche Spielanlage passen würden. Klopp gefiel keiner. So erstellte Graham eine zweite Liste. Mit dieser war Klopp noch weniger zufrieden – und griff auf den ersten Namen auf der ersten Liste zurück: Mohamed Salah. Die Statistiken zeigten, dass der Niederländer Virgil van Dijk ein Verteidiger der Sonderklasse war, obwohl dies bei Southampton nur beschränkt zur Geltung kam. Mit dessen Verpflichtung sowie jener von Torhüter Alisson Becker verwandelte sich die löchrige Verteidigung in eine der stabilsten im Land.

Die Offenheit von Klopp und seiner Gefolgschaft im Umgang mit der Öffentlichkeit steht im krassen Gegensatz zu den üblichen Gepflogenheiten in England. So brach der Zweitligist Derby in der vergangenen Saison einen gewaltigen Streit vom Zaun, nachdem er einen Spion von Leeds beim Filmen einer Trainingssession ertappt hatte. Klopps Assistent Pepijn Lijnders dagegen gab im Dezember dem «Guardian» ein aufschlussreiches Interview.

Lijnders war von Klopps Vorgänger Brendan Rodgers als Junioren-Coach angeheuert und von Klopp übernommen worden. Kurz ging er als Trainer von Nijmegen fremd, aber nach einem halben Jahr holte ihn Klopp als Assistenztrainer zurück. Seine Aufgabe bestehe darin, ein Trainingsprogramm zu entwerfen, mit welchem Klopps Vorstellung vom Stil der Mannschaft unter Verarbeitung von Videos und Spieleranalysen in die Praxis umgesetzt werde, sagte Lijnders. Im Vordergrund stehe dabei immer das Gegenpressing.

Zu den Übungen, mit denen die Technik trainiert wird, gehören Spiele, in denen ein Tor nur dann zählt, wenn alle Spieler der angreifenden Mannschaft in der gegnerischen Spielfeldhälfte stehen. «Ein Spielzug hört nicht auf, wenn der Ball verloren gegangen ist», sagt Lijnders. «Er fängt dann erst richtig an. Intensität ist unsere Identität. Es gilt Methoden zu finden, mit denen die entsprechenden Verhaltensweisen kreiert werden können.»

Wie weit eine Spielplanung gehen kann, beschrieb er am Beispiel des Champions-League-Finals. Eine Woche vor dem Endspiel war hinter speziell erhöhten Zäunen ein geheimes Trainingsspiel auf Marbella organisiert worden, wo das Wetter demjenigen in Madrid, dem Austragungsort des Finals, ähnlich war. Der Gegner, die zweite Mannschaft Atlético Madrids, hatte die Anweisung, so zu spielen wie der Finalgegner Tottenham. Liverpool gewann Trainingsspiel wie Final ohne Gegentor.

Zusammenhalt und Gruppengefühl sind weitere Schlagworte, die in Verbindung mit dem Kloppschen Liverpool immer wieder zu hören sind. Dass die Spieler prächtig miteinander auskommen, ist ihnen nach jedem Match anzusehen. Keinen anderen Trainer sieht man so oft und so freudig seine Spieler umarmen. Dem Gruppengefühl hilft die Konstanz im Kader. Spieler wie van Dijk, Sadio Mané, Salah, Andrew Robertson und Alisson sind bis mindestens 2023 an den Klub gebunden. Der vermeintlich unersetzliche Philippe Coutinho wurde profitabel nach Barcelona abgeschoben, bevor seine Unzufriedenheit ansteckend wirken konnte. Geschickt zwickte Klopp die Formation so zurecht, dass Spieler wie Roberto Firmino und Mané stärker in Erscheinung treten konnten.

Stürmende Aussenverteidiger

Das letzte Teil im Puzzle war die gezielte Förderung der beiden jungen Aussenverteidiger; von Trent Alexander-Arnold, den der Assistent Lijnders von den Junioren her gut kannte, und von Andrew Robertson, den man vom Zweitligisten Hull übernommen hatte. Beide benahmen sich eher wie offensive Mittelfeldspieler, sprinteten bei jeder Gelegenheit nach vorn. Insbesondere Alexander-Arnold erwies sich als Meister des langen Diagonalpasses. Mit acht Assists zu Toren steht er hinter Kevin De Bruyne auf Platz zwei in der entsprechenden Liga-Statistik.

Die Siegeswelle ist weder Jürgen Klopp noch seiner erstaunlich skandalfreien Mannschaft bis jetzt zu Kopf gestiegen. Er sei immer noch der Normale, sagte er vor dem Spiel gegen Tottenham, er wisse nicht, worin sein Erfolgsrezept bestehe. «Ich weiss nur, dass ich sehr gut zuhören kann, wenn smarte Menschen mir etwas sagen. Gott sei Dank bin ich nur von Leuten umgeben, die ihr Metier ausserordentlich gut verstehen.»

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