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Liam Strasser: "Es wird gegen die Inklusion entschieden"

derStandard-Logo derStandard 23.06.2022 Philip Bauer
© Foto: REUTERS/GARRIDO

Die Rugby League folgte dem Beispiel des Schwimm-Weltverbandes und schloss Transgender-Personen von internationalen Frauenwettbewerben aus. Es ist anzunehmen, dass weitere Verbände demnächst folgen. Liam Strasser ist Referent für geschlechtliche Vielfalt beim Verein 100 % Sport, dem österreichischen Zentrum für Genderkompetenz im Sport. Er hat sich Gedanken gemacht.

STANDARD: Im Sport geht es um Fairness. Studien belegen einen Vorteil für Transfrauen. Ist der Ausschluss zwingend?

Strasser: Fairness hat mehr mit Philosophie als mit Wissenschaft zu tun. Was bedeutet fair? Ist der Sport fair? Menschen aus verschiedenen Ländern und Fördersystemen stehen im Wettbewerb. Im Sport spielen viele Faktoren zusammen.

STANDARD: Menschen, die ihre Pubertät als Mann durchlaufen, haben laut Studien auch nach einer Transition Vorteile. Haben Sie vor diesem Hintergrund Verständnis für das Vorgehen der internationalen Verbände?

Strasser: Das sind Institutionen, die mit ihrer Monopolstellung walten können, wie sie es für gut empfinden. Wenn sie argumentieren, sie wollen Frauenbewerbe schützen, können sie das machen. Man kann das aber kritisieren, es gibt auch eine soziale Verantwortung.

STANDARD: Und wie sieht es auf nationaler Ebene aus?

Strasser: Auch wenn internationale Institutionen Regularien für internationale Wettbewerbe vorschreiben, sind auf nationaler Ebene Möglichkeiten gegeben, um davon abweichende Adaptionen vorzunehmen, die den Sport für alle Menschen zugänglich machen.

STANDARD: Wird Transmenschen im österreichischen Sport mit Wertschätzung begegnet?

Strasser: Im Sportförderungsgesetz gibt es nur Mann und Frau. Da es keine Anlaufstelle für Diskriminierung gibt, gibt es auch keine Beschwerden. Es gibt keinen Schutzschirm. Es wäre einfach, Änderungen herbeizuführen. Wir sind im Austausch mit dem Sportministerium für die Erarbeitung eines nationalen Fahrplans für Gender-Equality.

STANDARD: Die Angst scheint umzugehen, dass Transfrauen den Sport dominieren könnten. Zu Recht?

Strasser: Faktisch sehe ich diese Bedrohung nicht. Es gibt einzelne Personen, die in einem System brillieren, das ihnen gegenüber feindlich gestimmt ist. Man sollte dies als Gewinn für die Gleichberechtigung jener Personen ansehen, die in unserer Gesellschaft einen unverhältnismäßig schwierigen Weg bestreiten.

STANDARD: Wie müssen wir uns diesen Weg im Sport vorstellen?

Strasser: Man muss durchhalten, Stress und Widerstände aushalten. Dazu benötigt es extravagante Willenskraft. Dem ist nur mit Respekt zu begegnen.

STANDARD: Welche Auswirkungen hat der Ausschluss für Transpersonen?

Strasser: Es wird gegen die Inklusion entschieden. Personen werden systematisch ausgegrenzt. Da geht es auch um Menschen, die bereits im Sport tätig sind. Von heute auf morgen werden Existenzen und Lebensrealitäten zerstört.

STANDARD: Die Schwimmerin Lia Thomas wollte zu Olympia 2024. Die Regularien werden das verhindern.

Strasser: Solange sie keine Erfolge verzeichnen konnte, war es relativ ruhig. Sie wurde als Frau wahrgenommen. Dann gewinnt sie, und plötzlich ist sie eine Transfrau.

STANDARD: Der Fall der Gewichtheberin Laurel Hubbard hat bei Olympia 20021 enormes Echo hervorgerufen.

Strasser:Man kann davon ausgehen, dass zuvor Transpersonen an internationalen Bewerben teilgenommen haben. Nur haben sich die nicht offen bekannt. Dann tauchen Vorbilder auf und zeigen ihr Gesicht. Und was passiert? Es wird vieles probiert, um sie an der Sportausübung zu hindern.

STANDARD: Was halten Sie von der Idee einer eigenen Kategorie?

Strasser: Wird das tatsächlich passieren? Oder wirft man das jetzt nur in den Raum, um die Wogen zu glätten? Ich denke nicht, dass die Einführung einer dritten Kategorie realistisch ist. Die Frage ist, ob es aus kompetitiver Sicht überhaupt realisierbar ist. Man muss die Betroffenen in die Entscheidung einbinden.

STANDARD: Wie geht es jetzt weiter? Werden andere Verbände mit einem Ausschluss nachziehen?

Strasser: Einige werden restriktive Maßnahmen setzen. Aber ich hoffe, dass sich ein internationaler Verband hinstellt und sagt: Das ist nicht fair, das ist nicht inklusiv, wir gehen einen eigenen Weg. Im Pferdesport gibt es außer im Voltigieren keine Geschlechterkategorien.

STANDARD: Und was, wenn wir uns vom Konzept der Geschlechtertrennung überhaupt trennen?

Strasser: Es gibt die Idee, einen Algorithmus zu erstellen, der neben physiologischen auch sozialökonomische Parameter einschließt. Man erstellt Personengruppen mit einem ähnlichen Leistungspotenzial. Das Geschlecht muss und darf nicht der einzige Faktor für die Unterteilung sein. (Philip Bauer, 23.6.2022)

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