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Kandidatenturnier: "Ein Fehler – und du bist sofort weg"

ZEIT ONLINE-Logo ZEIT ONLINE 13.03.2018 Ulrich Stock

Sonst spielt er in der Philharmonie und im Berghain, jetzt ist er Stargast beim Berliner Kandidatenturnier. Der Konzertpianist Francesco Tristano über Schach und Musik

"Distanz ist ja nicht unbedingt etwas Schlechtes", meint der Pianist Francesco Tristano. © Holger Talinski "Distanz ist ja nicht unbedingt etwas Schlechtes", meint der Pianist Francesco Tristano.

Ein Ritual auf wichtigen Schachturnieren ist die Ausführung des ersten Zuges einer Partie durch einen Prominenten. Der Prominente tritt ans Brett, schüttelt die Hände der bereit sitzenden Meister, wechselt noch ein paar Worte mit ihnen, während die Fotografen sich rüsten für den großen Moment, und dann, im Blitzlicht, nimmt der Prominente einen weißen Bauern oder Springer aus der Grundstellung und bewegt ihn nach vorn. Die Organisatoren von Schachturnieren versprechen sich davon eine Steigerung der öffentlichen Aufmerksamkeit, weil es ja Leute gibt, die sich weniger für Schach als für Prominente interessieren.

Nicht immer geht die Sache gut. Wenn der Prominente nicht versteht, welchen Zug er ausführen soll, weil er vom Schach keine Ahnung hat. Oder weil er nicht wirklich prominent ist und deshalb dem Publikum lange erklärt werden muss. (Fast immer ist es übrigens ein Er und keine Sie, anders als bei Schiffstaufen.)

Der Mann, der am Montag um 15 Uhr im Berliner Kühlhaus beim Kandidatenturnier den ersten Zug der dritten Runde ausführen soll, ist weder unprominent noch unkundig. Den Pianisten Francesco Tristano kennen in Berlin (und Europa) sogar Leute, die einander nicht kennen, weil sie sich bei ihren kulturellen Ausflügen nie über den Weg laufen, denn er spielt in der Philharmonie wie im Berghain, hier Strawinsky und Ravel, da Carl Craig oder Eigenes.  

Der 36-Jährige Luxemburger ist für ein paar Tage aus seinem Wohnort Barcelona nach Berlin gekommen, um das Kandidatenturnier aus der Nähe zu erleben. Selber war er im Schachverein, als er zehn, elf Jahre alt war. Später ist er zum Betrachter geworden, der es genießt, Meisterwerke nachzuspielen. Er bewundert Bobby Fischer, dessen Buch Meine 60denkwürdigen Partien er zum Fototermin hinterm Kühlhaus mitbringt.

Wir besuchen zusammen den Spielsaal, sehen den Russen Alexander Grischtschuk grübeln mit Weiß gegen den Amerikaner Wesley So, die beiden Verlierer vom Vortag, und setzen uns anschließend in die Gold-Lounge im fünften Stock, wo die Ungarin Judit Polgár, einst stärkste Frau der Welt, das Geschehen kommentiert und eine Bar schachorientierte Cocktails anbietet. Tristano nimmt von der Karte einen Fisher's Rise, dem leider das kleine C in Bobbys Nachnamen abhandengekommen ist. Nicht nur im Schach werden Fehler gemacht, auch am Tresen.

Wie ist das mit Fehlern in der Musik? "Das kann man eigentlich nicht vergleichen", sagt Tristano. "Ein falscher Ton in der Musik ist egal. Wenn etwas danebengeht, muss man nur konzentriert weitermachen, um über den Fehler hinwegzukommen, man muss ja irgendwie ans Ende gelangen, das Stück fertig spielen. Beim Schach wird einem ein Fehler nicht verziehen. Ein Fehler – und du bist sofort weg."

Aber es gebe auch Ähnlichkeiten zwischen Schach und Musik. "Die Konzentration", sagt er, "und das rituelle Element". Beim Besuch im Turniersaal hat er das empfunden. Großartig, aus zwei Meter Entfernung zusehen zu können, wenn auch bestimmt nicht einfach für die Spieler. Er weiß es aus eigenem Erleben: "Wenn ich auf der Bühne bin und das Publikum rund um den Flügel herumsitzt, das kann recht bedrängend sein."

Es hänge von den Umständen ab. "In einem Club will ich schon auf derselben Höhe sein wie das Publikum auf dem Dancefloor, um dieselben Frequenzen zu hören, den Bass." Im klassischen Konzert, im Rezital, schätze er ein wenig Distanz. "Da kann ich Bobby Fischer verstehen, der so unglaubliche Bedingungen gestellt hat, wenn er spielte. Er wollte die Leute nicht atmen hören. Distanz ist ja nicht unbedingt etwas Schlechtes, sie stellt ja auch dieses Religiöse her, was man dann respektiert: die Bühne. Man geht als Zuhörer nicht über die Bühne." Hätte Bobby Fischer hier im Kühlhaus gespielt, unter diesen Bedingungen? "Auf keinen Fall."

Ist so ein Schachkampf atmosphärisch näher am klassischen Konzert oder am Club? "Weder noch. Es ist mehr ein Jazz-Setting. Es gibt Freiheit im Spiel und die ganze Vorbereitung, die man nicht sieht. Man kann vielleicht an der Bedenkzeit ablesen, wer besser vorbereitet ist auf wen oder wessen Strategie besser sitzt. Aber die Atmosphäre hat wirklich etwas Religiöses, etwas Zeremonielles, und diese Stille, die auch beängstigend ist. Ich liebe das im Konzert, wenn es auf einmal so unglaublich still wird. Diese Konzentration auf den Moment."

Das Album e2-e4 des Berliner Gitarristen Manuel Göttsching © Youtube Das Album e2-e4 des Berliner Gitarristen Manuel Göttsching

Irgendwie kommen wir dann auf den Berliner Gitarristen Manuel Göttsching zu sprechen, dessen 1981 aufgenommene und nach einem Schachzug benannte Platte e2-e4 Geschichte geschrieben hat. Besitzt er die Platte? "Ja, klar! Das ist ein absoluter Klassiker der elektronischen Musik." Das Album bildet auf musikalische Weise eine Schachpartie ab, und Tristano deutet den durchgängigen Anfangsakkord so, dass sich der erste Zug in eine Schachpartie gewissermaßen eintätowiert – wie jeder folgende. Alles schwingt nach.

Im Turniersaal ist es Alexander Grischtschuk inzwischen tatsächlich gelungen, Wesley So niederzuringen. Mit zwei Turmschwenks, einem wirklichen und einem angedrohten, trat er eine Angriffswalze los, die So glatt überrollte. Tristano und ich verfolgen die Pressekonferenz. Wie schnoddrig Grischtschuk ist in seinem russischen Englisch, wie bedröppelt der arme Wesley So. Der hatte einmal über 67 Partien hinweg nicht eine Niederlage einzustecken, und nun sind es gleich zwei Niederlagen in 24 Stunden.

Welcher der acht Kandidaten soll denn im November Carlsen gegenübersitzen? "Ich würde gerne den Grischtschuk sehen", sagt Francesco Tristano ohne eine Sekunde zu überlegen, "weil er der Outsider ist, der Underdog, der eigentlich nicht in diese Runde passt." Das habe man schon auf der Eröffnungsgala am Freitag gesehen. Da hätten die Spieler auf der Bühne alle eine nette Verbeugung gemacht. Nur Grischtschuk nicht. Der habe die Faust in die Höhe gereckt. "Das war Rock 'n' Roll", sagt der Konzertpianist. "Ich mag Leute, denen die Konventionen egal sind."

Weiß er schon, welchen Zug er am Montagnachmittag ausführen soll? "Noch nicht. Ich hoffe, dass man mir das vorher sagen wird. Wenn nicht, spiele ich e2-e4, ist doch ganz klar!"

Die anderen Ergebnisse der zweiten Runde: Ding Liren gegen Fabiano Caruana, spannende Partie, remis. Wladimir Kramnik gegen Sergej Karjakin, zähe Partie, remis. Schachrijar Mamedjarow gegen Lewon Aronian, kurze Partie, remis.

Unser Reporter Ulrich Stock begleitet für Sie das Kandidatenturnier in Berlin, das vom 10. März an stattfindet, in der ZEIT und auf ZEIT ONLINE. Alles zum Turnier finden Sie auf unserer Themenseite. Selbst Schach spielen können Sie hier.

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