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Sport aktuell

«Ich war einfach ein normaler Junge mit grossen Träumen»

Der Bund-Logo Der Bund vor 5 Tagen Simon Graf
«Ich war einfach ein normaler Junge mit grossen Träumen» © Bereitgestellt von Der Bund «Ich war einfach ein normaler Junge mit grossen Träumen»

Roger Federer verrät, wieso dieser Sieg so speziell ist. Und ob er mit 40 noch spielt.

Als Sie hier 2001 Ihr Idol Pete ­Sampras schlugen, hätten Sie da ­gedacht, dass Sie den Pokal dereinst acht Mal in die Höhe stemmen dürfen?
Nein. Ich hätte nie gedacht, dass ich so erfolgreich werden würde, nachdem ich Pete geschlagen hatte. Ich hoffte, dass ich eines Tage die Chance haben würde, in den Final zu kommen, um hier zu ­gewinnen. Aber acht Titel ist kein realistisches Ziel. Vielleicht ist es das, wenn du unglaublich talentiert bist und dich die Eltern und Coaches schleifen, seit du drei bist. Wenn du ein Projekt bist. Aber ich war einfach ein normaler Junge, der in Basel aufwuchs und davon träumte, Tennisprofi zu werden.

Sie sagten auf dem Court, sie ­hofften, nächstes Jahr wieder dabei zu sein. Wie meinten Sie das? Müssen wir uns sorgen?
Nach all dem, was 2016 passierte, plane ich nur noch ein Jahr voraus. Ja, ich würde hier gerne meinen Titel verteidigen. Aber es gibt keine Garantien. Vor ­allem nicht in meinem Alter.

Sie werden bald 36.
Danke, dass Sie mich daran erinnern.

Tut mir leid. Aber nehmen wir einmal an, Ihre Gesundheit erlaubt es: Ist es denkbar, dass Sie auch mit 40 noch in Wimbledon spielen?
(lacht) Ja, wieso nicht? Wenn ich vorher 300 Tage frei nehme, um mich auf ­Wimbledon vorzubereiten. Oder mich einfrieren lasse. Im Ernst: Wimbledon zu spielen oder Wimbledon zu gewinnen sind zwei Paar Schuhe. Man braucht eine gewisse Matchpraxis, um konkurrenzfähig zu sein. Denn man kann noch so gut trainieren, die Matchsituation kann man nie simulieren. Man weiss nicht, wie der Körper darauf reagiert. Das heisst, man braucht die richtige ­Balance zwischen Training, Matches und Ferien. Es wird interessant zu ­sehen, wie mir das in Zukunft gelingt.

Brauchen Sie nun etwas Zeit für sich allein, um diesen Sieg auskosten zu können?
Nein, ich brauche keine Zeit für mich. Ich teile dies lieber mit der Familie und Freunden. Den einzigen Moment für mich allein hatte ich auf dem Court, als ich mich nach dem Match setzte. Es reisten viele Freunde aus der Schweiz und der ganzen Welt für diesen Final an. Es war schön, sie zu sehen, mit ihnen kurz zu feiern. Viele müssen aber am Montag schon wieder arbeiten.

«Ich schätze es sehr, dass nach dem Matchball nicht alle davonstürmen, sondern im Stadion bleiben.»

Viele reden über Sie. Aber was würden Sie sagen: Wie schaffen Sie es, all diese Rekorde zu brechen?
Es dreht sich vieles um Konstanz. Und ich hatte nie ein Problem damit, auf grossen Bühnen zu spielen. Im Gegenteil. Ich hatte immer das Gefühl, ich spiele auf den grössten Courts besser als auf den anderen. Ich habe Mühe auf Court 18. Ich spüre den Ball da einfach nicht gleich gut. Ich hatte schon als ­kleiner Junge grosse Träume. Ich ­trainierte sehr hart und clever über all die Jahre. Ich hatte in jeder Phase die richtigen Leute um mich. Und ich kann auf wunderbare Menschen zählen wie meine Frau, meine Eltern, die mich immer am Boden gehalten haben, zu dem gemacht haben, der ich bin. Zudem wurde ich mit Talent gesegnet. Aber ­Talent allein bringt einen nirgendwohin.

Womit waren Sie im Final am ­meisten zufrieden?
Ich war sehr gut vorbereitet. Ich hatte mit Ivan (Ljubicic) und Seve (Lüthi) viel über die Taktik gesprochen. Wir wussten nicht genau, wie der Match laufen würde. Aber es stimmte alles, was sie mir gesagt hatten. Ich hatte meine Nerven im Griff, obwohl ich den ganzen Tag ziemlich angespannt gewesen war. Letztlich war es ein Mannschaftssieg. Das macht mich sehr zufrieden.

Wie kommt es, dass im Tennis nach Finals so viele Tränen fliessen?
Es ist einfach eine spezielle Konstellation im Tennis. Wenn du nach dem Match absitzt, realisiert du alles erst so richtig. Entweder bist du überglücklich, oder du trauerst deiner verpassten Chance nach. Ich schätze es sehr, dass nach dem Matchball nicht alle davonstürmen, sondern im Stadion bleiben. Das sind schöne Momente.

Erstmals gaben Sie in Wimbledon keinen Satz ab. Ist der Federer Ausgabe 2017 sogar noch besser als der von 2005?
Schwer zu sagen. Zu jener Zeit verlor ich fast keine Matches, ich kam pro Saison auf fast 90 Siege. Ich hatte dermassen viel Selbstvertrauen. Vielleicht bin ich heute ein besserer Spieler, weil ich mich entwickeln musste. Ich serviere besser, mit mehr Power, und auch mein zweiter Aufschlag ist stärker. Das Spiel hat sich verändert. Meine damaligen Gegner ­gaben mir noch mehr Zeit als heute. ­Sagen wir es so: Es wäre sicher sehr eng, wenn der Federer von heute gegen ­jenen von damals spielen würde.

Was treibt Sie noch an?
Die Liebe zum Spiel. Mein fantastisches Team. Meine Frau, für die es völlig okay ist, dass ich immer noch spiele. Sie ist mein erster Fan. Sie ist wundervoll.

Was bedeutet Ihnen der Wimbledon-Titel Nummer 8?
Der ist schon sehr speziell. Wimbledon war immer mein Lieblingsturnier und wird es immer sein. Die Helden meiner Kindheit liefen über diese Anlage und diese Courts. Weil sie mich inspirierten, wurde ich ein so guter Spieler. Hier nun Geschichte zu schreiben, bedeutet mir sehr viel. Lustigerweise dachte ich gar nicht gross daran während der Sieger­zeremonie. Ich war einfach froh, wieder gewonnen zu haben. Denn es war ein langer, harter Weg gewesen. Jetzt darf ich mich wieder ein Jahr lang Wimbledon-Champion nennen. Das werde ich auskosten. (Aufgezeichnet: Simon Graf)

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