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Der große WM-Favoriten-Check! Das haben die Mannschaften wirklich drauf

WELT-Logo WELT 13.06.2018
The FIFA World Cup trophy is displayed during the 2018 FIFA World Cup football tournament final draw at the State Kremlin Palace in Moscow on December 1, 2017. The 2018 FIFA World Cup will be held between June 14 and July 15, 2018 in 11 Russian cities. / AFP PHOTO / Alexander NEMENOV (Photo credit should read ALEXANDER NEMENOV/AFP/Getty Images) Getty ImagesGetty Images © AFP/Getty Images The FIFA World Cup trophy is displayed during the 2018 FIFA World Cup football tournament final draw at the State Kremlin Palace in Moscow on December 1, 2017. The 2018 FIFA World Cup will be held between June 14 and July 15, 2018 in 11 Russian cities. / AFP PHOTO / Alexander NEMENOV (Photo credit should read ALEXANDER NEMENOV/AFP/Getty Images) Getty ImagesGetty Images

Neben Deutschland kämpfen acht Mitfavoriten bei der Weltmeisterschaft in Russland um den Titel. Doch längst nicht bei allen Teams läuft es rund. WELT macht den Favoritencheck von Argentinien bis Uruguay.

Der Start der Fußball-Weltmeisterschaft in Russland steht unmittelbar bevor. Während Deutschland für die Mission Titelverteidigung noch nicht ganz in Form ist, kämpfen auch einige andere hoch gehandelte Mannschaften noch mit Problemen. WELT macht den großen Favoritencheck.

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1. ARGENTINIEN – Chaostheorie

Eine gerade so eben geschaffte Qualifikation, eine 1:6-Pleite im März gegen Spanien, die altbekannte Dysbalance im Kader zwischen exzellenten Angreifern und mäßigen Verteidigern sowie ein Wettlauf gegen die Zeit unter dem neuen Trainer Jorge Sampaoli: Die Lage war schon kompliziert genug, ohne mal eben zwischen die Fronten des Nahostkonflikts zu geraten. Wie sich dieser in den vergangenen Wochen bedrohlich zuspitzte – diesen Nachrichten war als Erdenbürger eigentlich nicht zu entkommen. Dem argentinischen Fußballverband, der seit dem Tod des Paten Julio Grondona 2014 von korrupt zu chaotisch gewechselt hat, gelang es offenkundig doch.

Nach der sicherheitsbedingten Absage des für Samstag geplanten Länderspiels in Jerusalem haben es die Argentinier jetzt nicht nur mit diplomatischen Verwerfungen zu tun. Ihnen fehlt auch jeder WM-Test mit Ausnahme eines 4:0 vor zwei Wochen gegen den Weltranglisten-104. Haiti. Das wäre vielleicht nicht so schlimm, würde es sich um eine seit Jahren eingespielte Truppe handeln. Aber genau das sind die Finalisten von 2014 nach einer Qualifikation mit drei Trainern, drei Präsidenten, 57 berufenen Spielern und ungefähr genauso vielen Systemen sowie der Verletzung von Manuel Lanzini (Kreuzbandriss) am wenigsten von allen WM-Favoriten. In Russland muss es nun also mit zwei anerkannten argentinischen Talenten gehen: Improvisation. Und Lionel Messi.

2. BELGIEN – Rauchzeichen

Zigarettenhändler rund um das Teamquartier im Moscow Country Club mussten am 21. Mai einen herben Rückschlag verkraften. Da verkündete Belgiens Nationaltrainer Roberto Martínez seinen WM-Kader – und in dem fehlte Radja Nainggolan. Der Irokesenträger, Tattookönig, Grätschenmeister und eben auch passionierte Qualmer von Champions-League-Halbfinalist AS Rom passe taktisch nicht ins Konzept, argumentierte der Coach. Das glaube er nicht, entgegnete Nainggolan, der persönliche Hintergründe vermutet. "Ich verstehe, kritisiert zu werden, weil ich rauche. Aber wenn ich Vorbild für die Kinder sein wollte, wäre ich Grundschullehrer geworden."

So stritt sich Belgien also mal wieder durch die Vorbereitung. Während es beim Test gegen Portugal (0:0) Solidaritätserklärungen der Fans mit Nainggolan gab, kritisierte Ex-Nationaltrainer Marc Wilmots: "Er war einer der drei besten 'Roten Teufel' in dieser Saison und hätte dabei sein müssen." Wilmots selbst hatte ihn 2014 allerdings auch ausgebootet, und bei der EM 2016 gehörte er dann zu der Mannschaft, die mit dem Trainer öffentlichkeitswirksam stritt. Nachfolger Martínez erwarb sich Meriten, indem er so urbritischen Mannschaften wie Swansea, Wigan oder Everton zu ansehnlichem Fußball verhalf – und seinen heutigen Stürmerstar Romelu Lukaku über Jahre in dessen Entwicklung begleitete. Der traf dann auch im letzten Test gegen Costa Rica (4:1) zwei Mal. Angesichts des auch ohne Nainggolan verfügbaren Talents mit den Premier-League-Stars Eden Hazard und Kevin De Bruyne sowie Neapels Dries Mertens vorneweg ist vieles möglich. Martínez' Auftrag: Dass die Stärken nicht ganz so geheim bleiben und Belgien erstmals seit 1986 wieder ein Halbfinale erreicht. Doch Obacht: Im Viertelfinale drohen Brasilien oder Deutschland.

3. BRASILIEN – Liebesfragen

Keine WM wäre komplett ohne Bekanntgabe der Sexregeln im brasilianischen Team. Also: "Es ist etwas völlig Natürliches, wir haben damit kein Problem", sagte Teamarzt Rodrigo Lasmar. Die Carte Blanche gilt allerdings nur an freien Tagen und nicht im abgesperrten Teambereich der WM-Unterkünfte.

Ansonsten ist es eher ruhig um die "Seleção", nicht mal Neymar sorgt bislang für Ballyhoo, erzielte aber dafür bei seinem Comeback nach drei Monaten Verletzungspause ein wunderbares Tor im Test gegen Kroatien (2:0). Auch bei der erfolgreichen Generalprobe gegen Deutschland-Bezwinger Österreich gelang dem Superstar beim 3:0 ein Treffer. Der Ausfall von Rechtsverteidiger Dani Alves weist indes auf ein Problem hin: nicht alle Positionen sind doppelt stark besetzt. Andererseits besteht eine der Leistungen von Trainer Tite gerade darin, ein in allen Linien solides, von Überfiguren emanzipiertes Team gebaut zu haben. Deutschland wurde im März auch ohne Neymar mit 1:0 geschlagen. Die ganze Welt, angeführt von den Buchmachern, hält das wiedererstarkte Brasilien daher für den Topfavoriten. Die ganze Welt – nur nicht Pelé. "Individuell sind das alles sehr gute Spieler", maulte Brasiliens Idol vor dem letzten Test am Sonntag in Österreich: "Aber sie sind noch keine Mannschaft."

4. ENGLAND – Jugendstil

Noch so eine Mannschaft, von der man bisher das übliche Trara vermisst. Das könnte daran liegen, dass nicht mal die notorisch optimistische Inselpresse bislang die "Now or Never"-Schlagzeilen aus der Schublade geholt hat. Das junge Team mit dem unerfahrenen Trainer Gareth Southgate zum Favoriten zu erklären, wäre auch wirklich allzu kühn. Southgate, tragischer Elfmeterschütze beim verlorenen Heim-EM-Halbfinale 1996 gegen Deutschland, versucht sich entgegen seiner früheren Verteidigerkarriere in Flair. Nicht nur setzte Englands Kaderbekanntgabe neue Standards: auf Streetstyle-Videos verkündeten Fans die Namen der nominierten Spieler. Die Mannschaft um die Tottenham-Stars Dele Alli und Harry Kane soll auch gepflegteren Fußball spielen als ihre zuletzt bei der EM blamabel an Island gescheiterten Vorgänger. Nicht mal die Hälfte des Kaders von 2016 ist noch dabei. "Wir haben viel Energie und Athletik im Team, aber die Spieler fühlen sich am Ball genauso wohl", erklärt Southgate.

Das junge Durchschnittsalter von unter 26 Jahren sollte ein Vorteil sein, wo die körperlichen Strapazen der Premier League so häufig als Erklärung für die nun schon 52 Jahre andauernde Titeldürre herhalten mussten. Nur helfen können außerdem die niedrigen Erwartungen. Erst zur EM 2020 soll dieses Team in voller Blüte stehen – so heißt es auf der Insel bescheiden. Noch.

5. FRANKREICH – Luxusprobleme

Diese Mannschaft würde überall zu den Favoriten zählen: eine Innenverteidigung mit Aymeric Laporte, vorigen Winter für 65 Millionen zu Manchester City gewechselt, und Clément Lenglet aus Sevilla, Saisonentdeckung in Spanien. Ein Mittelfeld mit dem bei Valencia überragenden Geoffrey Kondogbia und dem PSG-Metronom Adrien Rabiot hinter Franck Ribéry, für die Bayern noch kürzlich bester Spieler in einem Champions-League-Halbfinale, und Dimitri Payet, Kapitän von Europa-League-Finalist Marseille. Im Angriff der Arsenal-Goalgetter Alexandre Lacazette und Karim Benzema, Mittelstürmer des Dauereuropapokalsiegers Real Madrid.

Allerdings gibt es diese Mannschaft nicht. Ja, nicht einer der Genannten wird auch nur eine WM-Minute spielen. Weshalb Frankreichs Nationaltrainer Didier Deschamps über weite Strecken der Vorbereitung damit beschäftigt war, über Abwesende zu sprechen. Rabiot schoss sich mit seiner Weigerung, auf die Abrufliste zu gehen, dabei wohl für längere Zeit selbst aus dem Team. Insgesamt hielt sich die Kritik an Deschamps jedoch in Grenzen: Die 23 von ihm Auserwählten sind ja zumeist noch besser, so reich ist Frankreich in dieser Generation mit Talent beschenkt.

Nach dem jüngsten Test gegen Italien (3:1) zu urteilen, verspricht wenig bei dieser WM mehr Spektakel als ein Angriffstrio aus Kylian Mbappé, Antoine Griezmann und Ousmane Dembélé, der mit Frankreich ein anderer scheint als bei seinem Klub FC Barcelona. Einen kleinen Dämpfer erlitt man im letzten Test gegen die USA (1:1), doch der guten Stimmung im Team tut das kaum einen Abbruch – auch ein großer Unterschied zu vergangenen Turnieren, bei denen es regelmäßig zu Knatsch kommt.

"Ein Turnier ist ein Erfolg, wenn man es gewinnt", artikulierte Staatspräsident Emmanuel Macron bei einem Teambesuch die Erwartungen der Nation. Und wenn nicht? Die Stars wären noch jung genug für einen weiteren Anlauf in vier Jahren, und der neue Trainer stünde auch schon bereit. Ein gewisser Zinédine Zidane. Hat gerade dreimal die Champions League gewonnen.

6. PORTUGAL – Rotierweltmeister

Der amtierende Europameister wird bei den Buchmachern mit einer Quote von 25:1 nur als sechstbestes europäisches Team eingeschätzt. Warum, ist nicht ganz ersichtlich. Weil Renato Sanches abgestürzt ist, 2016 noch bester Jungprofi des Turniers? Vielleicht. Im zentralen Mittelfeld mag das Team schwächer sein, in der Offensive sind dafür mit den Außenstürmern Gonçalo Guedes, Aufsteiger der WM-Vorbereitung, und Gelson Martins sowie Spielmacher Bernardo Silva und Stürmer André Silva viele Optionen hinzugekommen. Genauso sicher scheint trotzdem, dass Trainer Fernando Santos gegen gleichwertige Gegner wieder stark auf die Defensive setzen wird.

Kein anderer Meistercoach, nicht mal Joachim Löw, schöpfte dabei zuletzt so breit einen ganzen Kader aus wie Santos bei der EM. Das System wechselt er zwischen 4-4-2 und 4-3-3, und gesetzt ist bei ihm allenfalls Cristiano Ronaldo, wie er gern nur leicht übertreibt (Innenverteidiger Pepe ist es auch). Notfalls, wie im EM-Finale, gewinnt man sogar ohne einen verletzten Ronaldo. Auch daran hat Santos dieser Tage noch mal erinnert.

Richtungsweisend wird direkt das erste Gruppenspiel gegen Spanien am Freitag (20 Uhr), der erste Kracher dieser WM. Doch frühe Ergebnisse überschätzt man in Portugal auch nicht – bei der EM stolperte man sich schließlich auch mit drei Remis ins Achtelfinale.

7. SPANIEN – Imagewandel

Geht es nach der Geschichte, braucht Spanien in Russland gar nicht anzutreten. Immer wenn ihre Vereine die Champions League (Europapokal der Landesmeister) gewannen, kam die Nationalelf bei einem anschließenden Turnier nicht über das Viertelfinale hinaus. Die Bilanz nach den letzten Titelgewinnen von Real Madrid ist besonders trist: 2014 folgte das Aus in der Vorrunde, 2016 im Achtelfinale. Dass Nationaltrainer Julen Lopetegui Ende Mai heimlich Liverpool die Daumen gedrückt hätte, ist trotzdem nicht überliefert.

Da hätte er auch Ärger mit seinem Kapitän Sergio Ramos bekommen, und wer will den schon reizen? Ramos wird ja als gemeingefährlich gebrandmarkt, seit sein Zweikampf den gegnerischen Star Mohamed Salah aus dem Finale nahm und ein Schlag gegen Loris Karius angeblich eine Gehirnerschütterung sowie damit irgendwo auch die folgenden Patzer bedingte. Dass er erst von Liverpools Verteidiger Lovren in den Keeper geschubst wurde, wird in der Regel übersehen. Einen "guten Leader, auf sportlicher und emotionaler Ebene", nennt ihn derweil Lopetegui, und damit ist auch schon eine Menge gesagt: Den Ramos im eigenen Team, den würde jeder nehmen. Spaniens Image wird mit ihm in Russland zwar nicht so blütenrein daherkommen wie einst mit den stets vorbildlichen Xavi, Iniesta oder Casillas – zumal man mit Diego Costa im Sturm noch einen ähnlich aggressiven Spieler hat – aber manche Dinge ändern sich eben. Manchmal wird Geschichte auch gebrochen. Auf nichts anderes hofft Spanien bei dieser WM.

8. URUGUAY – Revolution

53 Ligatore haben die Angreifer Luis Suárez (Barcelona) und Edinson Cavani (Paris) in dieser Saison zusammen geschossen: so viele wie die komplette deutsche WM-Offensivabteilung (Werner, Gomez, Müller, Reus, Draxler, Brandt, Özil). 22 Ligagegentore haben die Innenverteidiger Diego Godín und José María Giménez als Teil von Atlético Madrid zugelassen – weniger als jede andere Abwehr der großen europäischen Ligen. Ja, Uruguay ist hinten und vorn Weltklasse, so wie in den zurückliegenden Jahren eigentlich fast immer. Aber dazwischen?

Dazwischen hat sich eine Menge getan. Ein Schwung neuer Mittelfeldspieler prägt den Kader von Trainerveteran Óscar Washington Tabárez, und anders als ihre Vorgänger können sie nicht nur nach bester Landessitte den Platz umpflügen, sondern auch gepflegt das Spiel aufbauen. Matías Vecino oder Lucas Torreira heißen sie – Namen, die man sich schon mal merken kann. Dass von acht Mittelfeldspielern nur einer bereits bei der WM 2014 dabei war, verdeutlicht das Ausmaß der Revolution, die Tabárez mehr Varianten als den physischen Konterfußball der Vergangenheit ermöglicht.

"Warum nicht träumen?", fragt Suárez also. Zumal die Auslosung mit den Gruppengegnern Russland, Ägypten und Saudi-Arabien nicht dankbarer sein konnte. Suárez hat zuletzt viel mit den Klubkollegen über die WM gesprochen und dabei eines mitgenommen: "Gegen Uruguay will keiner spielen."

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