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Girlpool: Dieses Duo wird der Rockmusik müde

Die Presse-Logo Die Presse 07.02.2019 Christoph Sepin
© Bereitgestellt von Styria Digital One GmbH

Kritik: Kommt ein Revival der Do-it-yourself-Ästhetik der Neunzigerjahre? What Chaos Is Imaginary von Girlpool, dem Punk-Duo aus Los Angeles, spricht dafür: das Zeugnis eines Übergangszustands.

Nach sechs Jahren Bandgeschichte haben Girlpool die Rockmusik satt, sagen sie – und haben trotzdem noch ein Gitarrenalbum veröffentlicht. „What Chaos Is Imaginary“ ist das Zeugnis eines Übergangs, der Suche nach Neuem. So klingt es auch: Musik aus dem kleinen Proberaum, produziert auf Laptops im eigenen Schlafzimmer, voller Imperfektionen und Eigensinn. Passt gut zum Pop-Zeitgeist, der sich gerade auf ein Revival der Neunzigerjahre-Gitarren und der Do-it-yourself-Musik vorbereitet.

Schon der Opener „Lucy's“ vermittelt diese Ästhetik, wenn der Gesang unmittelbar zwischen verzerrte, simple Gitarrenakkorde kratzt. Es geht um Betrachtungen der Umwelt, um das Leben in der Stadt und um zwischenmenschliche Beziehungen. Gedankenwelten öffnen sich in diesen simplen Stories, roh, direkt, fragil. Die Grundstimmung ist beklemmend – als ob es dem Duo eher unangenehm wäre, persönliche Geschichten für ein Publikum zu performen.

Wirklich klar ist hier kaum etwas, Girlpool präsentieren sich abgehärtet und von der Welt desillusioniert: „Found a stale device, a world to make you more alone“ lautet eine Schlüsselzeile. In „Where You Sink“ hüllen sich die Gitarren in Nebel und Wolken, während „kids from outer space” sowie „freaks in the bands with the college degrees” besungen werden: eine Bestandsaufnahme einer neuen Welt und ihrer seltsamen Bewohner, voller Unklarheiten und Verwirrungen, Komplikationen.

Die große Eskalation passiert auf „What Chaos Is Imaginary“ nie so richtig, dafür sind Cleo Tucker und Harmony Tividad viel zu abgeklärt. Die Nonchalance des Grunge herrscht vor – und ein fast nostalgischer Blick zurück: „You were the whole world, now you see you look pretty broken“ wird über die Akkorde von „Pretty (What Chaos Is Imaginary)“ gesäuselt.

Zwei Lieder tragen den Namen des Albums, das Chaos ist aber organisiert und ordentlich, mit Anfang und Ende, in allen 14 Tracks. Sie hätten lange für das Schreiben der Stücke gebraucht, erzählen Girlpool, sich genau überlegt, welche Geschichten sie erzählen wollen, was sie wie beschreiben wollen. So agieren die Instrumente auf „What Chaos Is Imaginary“ abwechslungsreich, konterkarieren den roten Faden der Texte nicht, aber ändern Bedeutungen. Das klingt bisweilen – naturgemäß – nach Grunge und Punk, bisweilen nach Folk, Dreampop und sogar Country: das stilistische Pastiche einer Band, die der simplen Rockmusik müde wird. Entsprechend sind die stärksten Momente, wenn die Gitarren in den Hintergrund verschwinden und verwaschene, verträumte Lyrics vorherrschen. Dann entsteht am deutlichsten die rohe Dringlichkeit, die Girlpool suchen. Und man hört: Das nächste Album wird ganz anders klingen.

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