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Marija Aljochina: "Wir sind am Ende der Welt"

ZEIT ONLINE-Logo ZEIT ONLINE 13.05.2022

Die "Pussy-Riot"-Aktivistin Marija Aljochina floh aus Russland, mit der Hilfe von Freunden. Im Interview spricht sie über Putin, ihre Haft und ihre Flucht.

Marija Aljochina während des Konzerts von © Sean Gallup/​Getty Images Marija Aljochina während des Konzerts von

Marija Aljochina, die Mitgründerin der feministischen und kremlkritischen Punkband "Pussy Riot", ist über die belarussische Grenze aus Russland geflüchtet. Für ihre Konzerttour "Riot Days" probte sie danach in Litauen und Island. Am Donnerstagabend fand ihr Tourneeauftakt in Berlin statt. Am Tag davor – direkt vom Flughafen kommend und nach drei Stunden Schlaf – gab sie dem Berliner Radiosender FluxFM ein Interview. ZEIT ONLINE dokumentiert einen Auszug dieses Gesprächs.

ZEIT ONLINE: Frau Aljochina, Sie sind aus Russland über die belarussische Grenze geflohen und jetzt in Deutschland angekommen. Wie verlief Ihre Flucht?

Marija Aljochina: Der Flug nach Deutschland war einfach, aber der Weg aus Russland raus war nahezu magisch: Ich hatte mich entschieden, die Tour zu machen. Geplant hatten wir sie im November, nur hatte ich bereits meine zweite Anklage am Hals. Ich war zu einem Jahr Freiheitsentzug verurteilt worden, davon hatte ich bereits sieben Monate unter strengstem Hausarrest verbracht – mit einer Überwachung auf VIP-Niveau. Ich durfte mich keinen Meter von meiner Wohnung entfernen. Ich musste eine elektronische Fußfessel tragen, und dazu kamen 90 Tage im richtigen Gefängnis. Dann haben sie meine Strafe willkürlich verlängert, von einem Jahr auf anderthalb. In diesem Moment dachte ich: Nein, das ist mein Leben, ich habe genug Zeit im Gefängnis gesessen, ich habe mich entschieden, auf diese Tour zu gehen. Ich meine: Das ist mein Konzert, das ist meine Leidenschaft! Außerdem war es mir zu diesem Zeitpunkt wichtig, klarzumachen, wie meine Meinung zur Ukraine ist. So laut wie nur möglich.

ZEIT ONLINE: Wie kamen Sie auf die Idee, als Essenslieferantin verkleidet zu fliehen?

Aljochina: Das war eigentlich die Idee meiner Partnerin. Sie ist bereits auf diese Weise geflohen. Zunächst musste ich allerdings meine elektronische Fußfessel loswerden.

ZEIT ONLINE: Wie kann man die denn loswerden?

Aljochina: Mit einer Schere. Das Lieferantenkostüm hatten wir aus dem Internet, von einer Art russischer eBay-Kleinanzeigen-Seite. Und jetzt war meine Wohnung umzingelt von der Polizei. Drei Wagen an der Straße und dann noch Polizisten direkt vor meiner Haustür. Ich musste also in der Lieferantenuniform durch die Hintertür. Mein Telefon habe ich zu Hause gelassen, ich hatte mir von Freundinnen ein Handy mit nicht registrierter SIM-Karte besorgt. Wie man das halt macht, wenn man überwacht wird. Die Freundinnen haben mir dann noch meine Sachen gebracht und dann bin ich auf die Reise gegangen.

ZEIT ONLINE: Bei der zweiten Anklage gegen Sie ging es um Ihre Unterstützung für den Oppositionellen Alexej Nawalny.

Aljochina: Ja, mein zweiter Prozess ging im Januar 2021 los: Ich hatte auf Instagram angekündigt, auf eine Kundgebung zu gehen. Wir haben mittlerweile eine vollkommen andere Situation in Russland als noch vor zehn Jahren, als wir mit Pussy Riot angefangen haben. Wir haben jetzt eine Art Kriegszensur. Es ist nicht mal legal, den Krieg als einen Krieg zu benennen. Auf das Posten von Bildern von Butscha, Mariupol oder das Teilen von Bildern und Videos der westlichen Medien stehen bis zu 15 Jahre Haft. Die Anzahl derartiger Kriminaldelikte geht durch die Decke, es ist einfach nur absurd. Zum Beispiel gab es da einen Mann, der hat auf der Straße einen Tisch aufgebaut und Kopien von George Orwells "1984" verteilt. Nichts weiter. Keine Plakate, keine Flyer. Er wurde verurteilt mit der Begründung, er habe die russische Armee diskreditiert. Über vier Millionen Menschen haben Russland in den letzten zwei Monaten verlassen, Tausende sitzen in Gefängnissen.

ZEIT ONLINE: Wer traut sich da noch, zu protestieren?

Aljochina: Es gibt keine großen Bewegungen mehr, aber mutige Gesten und subtile Aktionen – und das, obwohl die Leute wissen, die könnten für sie das Gefängnis bedeuten. Zum Beispiel ist da die großartige feministische Musikerin, Sasha Skochilenko, die gerade zu irgendwas zwischen fünf und zehn Jahren Gefängnis verurteilt wurde, weil sie Preisschilder in den Supermärkten mit Infos über die Morde in Mariupol beschriftet hat. Das sind auch die Geschichten, die wir auf unseren Konzerten erzählen. Und das ist so wichtig, weil jeglicher Protest in Russland gerade sofort verhallt und gleichzeitig das Blut in der Ukraine weiter fließt. Menschen mit Herz und Hirn müssen diese Geschichten hören und verstehen. Sie müssen verstehen, dass Putin ein verdammter Diktator ist, der alle umbringt, die nicht seiner Meinung sind.

ZEIT ONLINE: Mit dem Konzert in Berlin startet Ihre Antikriegstour durch Europa. Wann haben sich Pussy Riot zu dieser Tour entschieden?

Aljochina: Im Winter, und da wussten wir ja noch nichts vom Krieg. Wir wollten lediglich zeigen, wie es aktuell in Russland aussieht. Wie es um die politischen Gefangenen und die LGBTQ-Rechte steht. Aber dann passierte, was wir alle mittlerweile wissen, und darauf liegt jetzt unser Hauptfokus.

ZEIT ONLINE: Ist es für Sie nicht gefährlich, bei Konzerten aufzutreten? Man kennt jetzt schließlich regelmäßig Ihren Aufenthaltsort.

Aljochina: Ja, sie wissen, wo ich bin. Aber mal im Ernst: Es gibt gerade ein ganzes Land, das todesmutiger ist als ich. Außerdem hatten sie zehn Jahre keine Angst vor mir. Warum sollte das jetzt anders sein?

ZEIT ONLINE: Wieso halten Sie Kunst jetzt überhaupt für wichtig?

Aljochina: Die Verantwortung für die Kunst ist riesig, vor allem wenn du Kunstschaffende aus Russland bist und die russische Armee gerade ein anderes Land auslöscht und ein neues faschistisches Regime hochzieht. Darüber kann man meiner Meinung nach nicht schweigen. Kunst existiert, um die Welt zu verändern, nicht um die Regimes dieser Welt zu dekorieren.

Vor dem Auftakt ihrer Tournee Riot Days am Donnerstagabend in Berlin: © Sean Gallup/​Getty Images Vor dem Auftakt ihrer Tournee Riot Days am Donnerstagabend in Berlin:

ZEIT ONLINE: Vor zehn Jahren protestierten Sie mit Pussy Riot in der Christ-Erlöser-Kirche in Moskau – gegen Putin. Sie sangen: "Virgin Mary put Putin away." Und saßen danach zwei Jahre im Gefängnis. Wie blicken Sie heute auf Ihre Aktion zurück?

Aljochina: Wir haben natürlich das Richtige getan. Das ist auch der Grund, warum ich möchte, dass die Leute den Song von damals jetzt noch mal hören! Als wir 2014 wieder auf freiem Fuß waren, hat Putin seine Übergriffe auf die Krim, in den Gebieten von Luhansk und Donezk gestartet. Wir waren damals besorgt über die ausbleibende Reaktion des Westens. Der Westen hätte das stärker verurteilen müssen. Von diesem Zeitpunkt an hat sich Russland auf seine Unabhängigkeit vom Rest der Welt vorbereitet. Sogar ein eigenes Internet wollten sie sich bauen. Das hat nicht geklappt, die Autoritäten sind schlecht organisiert, korrupt und dumm. Der Westen sollte dringend aufhören, Gas und Öl von Putin zu kaufen, es wird sich noch gegen sie richten. Die Leute haben keine Ahnung, was für abscheuliche Begriffe es in der Propaganda über den Westen gibt.

ZEIT ONLINE: Wie hat Ihre zweijährige Haft denn Ihre Arbeit beeinflusst?

Aljochina: Ich habe dabei viel über mich und das Regime gelernt. Das sind ja Arbeitslager, du arbeitest zehn bis zwölf Stunden am Tag, sechs Tage die Woche. Fast unbezahlt. Du bekommst irgendwas um die 34 Euro im Monat. Und zu deinen Aufgaben gehört es, Polizei- und Armeeuniformen zu nähen – was doch ziemlich zynisch ist. Aber du verstehst am Ende das ganze Staatssystem besser. Die Gefängnisse eines Landes sind Spiegel ihrer Regierungen.

ZEIT ONLINE: Die Autorin Laurie Penny behauptet, die Tage von Männern wie Trump oder Putin seien gezählt, weil sie keine Ideen für die Zukunft hätten. Sie wollten einfach nur an der Macht sein, ohne die dafür nötigen Fähigkeiten.

Aljochina: Eine schöne Hoffnung. Das russische Regime fußt auf einer Erzählung der konservativen Familie, in der die Frau ihren Platz kennen soll. Gleichzeitig sind wir das einzige Land ohne First Lady. Wir haben einen Wahnsinnigen an der Macht, der seine Kinder und Frauen versteckt – und wer darüber berichten will, verliert seinen Job. Gleichzeitig werden traditionelle Familienwerte promotet. Kein anderes Land in Europa hat solch eine scheinheilige Regierung. Und was die USA angeht, bin ich froh, dass sie Trump los sind. Ein großer Verdienst der Black-Lives-Matter-Bewegung und der Tatsache, dass die Kunstcommunity endlich begriffen hat, dass sie zusammenhalten muss.

ZEIT ONLINE: Vielleicht wird Trump ja wiedergewählt.

Aljochina: Das wäre das Ende der Welt. Wobei: Wir sind schon am Ende der Welt.

ZEIT ONLINE: Und wenn Sie einen Tag lang die Macht hätten, drei Dinge zu verändern, welche wären das?

Aljochina: Dann würde ich Putin vor Gericht ziehen und mit ihm alle Arschlöcher. Das wäre die erste Sache. Kann ich zerstörte Gebäude wieder hochziehen und Tote lebendig machen?

ZEIT ONLINE: Lassen Sie uns in der Realität bleiben.

Aljochina: Okay, dann das Tribunal, die Gebäude – und ich wünsche mir Freiheit, wenn auch nur für einen Tag.

ZEIT ONLINE: Einen Tag Freiheit für Sie?

Aljochina: Ich bin schon frei. Einen Tag Freiheit für Russland.

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