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Nur 13 Prozent der Frauen im Iran wollen Tschador tragen

Im Iran verschärft sich laut Berichten von Augenzeugen die Kopftuchdebatte auf allen Ebenen der Gesellschaft. Unabhängige Beobachter berichten vermehrt von Frauen, die ihre Haare teilweise offen tragen und sich in Einkaufszentren oder Parks gelegentlich auch ganz ohne Hijab zeigen. Andere zögern, möchten gerne ohne Tuch leben, wollen aber nicht in Konflikt geraten mit den Behörden oder Revolutionsgarden. Die achtzehnjährige Abiturientin Nikki Ghassempour etwa meint: "Wenn es gesellschaftlich akzeptabel wäre, in der Kopftuchfrage frei zu entscheiden und wenn man Frauen mit offen getragenen Haaren nicht mehr schief ansähe, dann würde ich den Hijab ablegen. Sonst nicht." Sittenpolizei schlägt zu Die "Religionspolizei" greift immer noch brutal durch. Im vergangenen Monat machte ein Amateurvideo die Runde. Es zeigt die "Sittenpolizei" bei der gewaltsamen Verhaftung einer namentlich nicht identifizierten Jugendlichen, die laut schreiend gegen ihre Festnahme protestiert. Das Video, vermutlich in einem Stadtviertel Teherans aufgenommen, wurde in den sozialen Medien geteilt und diskutiert. Die reformorientierte Parlamentsabgeordnete Parvaneh Salahshouri plädiert in der Kopftuchfrage für Wahlfreiheit - auch wenn sie selbst aus religiöser Überzeugung Kopftuch trägt: "Die Sittenpolizei hat es nicht geschafft, den Kopftuchzwang zu institutionalisieren" , konstatiert die Abgeordnete. "Meine Frage an die Entscheidungsträger: Hat die Politik versagt? Die (harte) Linie der Sittenpolizei jedenfalls ist ein Misserfolg." Rote Linie Kopftuch Salashouri glaubt, dass Zwang in gesellschaftlichen Fragen nichts bewirkt. Wer mit der derzeitigen Kopftuchpolitik nicht einverstanden sei, solle gesellschaftlichen Ungehorsam üben, so die Parlamentsabgeordnete. "Die iranischen Frauen haben nicht kapituliert" , meint sie im Gespräch, auch wenn es ein langer und steiniger Weg sei und beim Kopftuchgesetz "derzeit" eine "rote Linie" existiere, die nicht überschritten werden könne. Tschador oder Hijab? Die Frage ist alt und hochaktuell zugleich. In den 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts wurden persische Frauen im Zuge einer forcierten Modernisierung dazu angehalten, ihre Verschleierung aufzugeben. Nach der iranischen Revolution schlug das Pendel in das andere Extrem aus. Seit Jahren ist die Kopftuchdebatte ein Gradmesser für die gesellschaftliche Stimmung im Religionsstaat Iran und für das Kräftezerren zwischen Reformern und Radikalen. Nur eine Minderheit will den Tschador "Wahlfreiheit beim Kopftuch ist eine Strategie des Feindes", war auf einer Pro-Kopftuch-Demonstration im Teheraner Shiroudi-Stadion unlängst zu hören und auf den mitgebrachten Plakaten zu lesen. Doch Bilder tiefverschleierter Frauenmassen, die gegen eine Aufweichung des Kopftuchzwanges protestieren, spiegeln nicht das reale Meinungsbild iranischer Frauen wieder. Sicherlich, es mangelt an gesicherten Daten, doch zeigt beispielsweise eine Umfrage des wissenschaftlichen Dienstes des iranischen Parlamentes, die 2018 veröffentlich wurde, dass eine klare Mehrheit der Frauen ein leger getragenes Kopftuch bevorzugen und eine Vollverschleierung strikt ablehnen. Den schwarzen Tschador, bei dem der Haaransatz durch ein fest gebundenes Tuch abgedeckt wird, tragen nur relativ wenige Iranerinnen. Laut Umfrage wollen und wählen nur 13 Prozent der Frauen den Tschador. Unter dieser Minderheit finden sich allerdings viele radikalisierte Frauen. Diese machen öffentlich mobil gegen einen angeblich vom Westen gesteuerten Sittenverfall. Und die iranischen Justizbehörden haben dazu aufgerufen, Frauen mit lose getragenem Hijab-Kopftuch zu denunzieren. Die Methoden erinnern an diejenigen eines totalitären Überwachungsstaates: man solle Fotos und Videoaufnahmen von nicht korrekt verschleierten Frauen an von der Justiz eingerichtete Medien-Accounts schicken. Justiz ruft auf zur Denunziation Rückblickend auf die vergangenen Monate gilt festzuhalten, dass auch vor Verhaftungen nicht zurückgeschreckt wird. Über drei Dutzend protestierender Frauen wurden seit Dezember 2017 verhaftet, nach Angaben der in New York lebenden iranischen Menschenrechtsaktivistin Masih Alinejad, sitzen neun dieser Frauen immer noch in iranischen Haftanstalten ein. Im März wurde die Menschenrechtsanwältin Nasrin Sotoudeh zu über 38 Jahren Gefängnis verurteilt, weil sie protestierende Frauen verteidigt hatte, die mit den "Sitten-Gesetzen" in Konflikt geraten waren. Die Führungselite des Landes sendet unterschiedliche Signale aus. Nach dem heftigen Wiederaufflammen der Kopftuchdebatte und Übergriffen der "Sittenpolizei" hatten sowohl Präsident Hassan Rohani wie auch der oberste geistliche Führer, Ajatollah Ali Khamenei ein gemäßigteres Vorgehen empfohlen. Andererseits sind Revolutionsgarden und Hardliner in Politik und Behörden seit dem sich abzeichnenden Scheitern des Nuklearabkommens im Aufwind und drängen innergesellschaftlich auf eine harte Linie, zumal die Unzufriedenheit der Bevölkerung aufgrund von Inflation, Wirtschaftssanktionen und damit zusammenhängenden Alltagsproblemen zunimmt.

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