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Der neue Volvo V60 ist ein iPhone auf Rädern

WELT-Logo WELT 01.06.2018

Mit dem neuen V60 bietet Volvo endlich wieder einen modernen Mittelklasse-Kombi an. Der Wagen ist von außen und innen wunderschön, fährt sich entspannt – und arbeitet an einem bedeutenden Versprechen.

Moment mal, das ist doch … Nein, das ist nicht der V90 von Volvo, es ist der neue V60, gewissermaßen das kleinere Schwestermodell. Auf den ersten Blick sind beide Kombis nur schwer auseinanderzuhalten.

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Beide tragen die typischen Volvo-Merkmale: die auffälligen Tagfahrlichter im Thors-Hammer-Design, die hochgezogenen, senkrecht stehenden Rückleuchten und ganz allgemein diese klare, elegante Volvo-Linie. Das Auto auf seine wesentliche Form reduziert – wenn es ein iPhone auf Rädern gibt, dann ist es ein Volvo.

Der neue Volvo V60 wirkt also vertraut, doch irritiert er auch ein bisschen. Denn dem früheren Mittelklassekombi V60 sieht er nicht nur kaum ähnlich, er überragt ihn auch in der Länge – rein vom Autotyp her ist der neue V60 also eher der Nachfolger des 2016 eingestellten V70, der wiederum vom V90 abgelöst wurde.

Volvo V60 © Volvo Volvo V60

Beide Autos basieren auf Volvos aktueller SPA-Plattform (skalierbare Produktarchitektur), die ebenfalls den SUV-Modellen XC60 und XC90 zugrunde liegt. Allen gemein ist der Verzicht auf Motoren, die mehr als vier Zylinder und mehr als zwei Liter Hubraum haben. Man muss sich das immer mal wieder in Erinnerung rufen, denn wenn man das Topmodell T6 mit 310-PS-Benziner fährt, mag man kaum glauben, dass so viel Power aus so kleinen Motoren kommt.

Aber es geht, Turbolader und Kompressor sei Dank. Mit 400 Newtonmetern von 2200 bis 5100 Umdrehungen macht der Motor ordentlich Druck, er lässt den großen Wagen binnen 5,8 Sekunden auf Tempo 100 sprinten, und in der Spitze erreicht der Volvo V60 T6 AWD (für Allradantrieb) standesgemäße 250 km/h. Nur: Volvo ist eigentlich gar nicht so.

Zwar konkurrieren die Schweden mit den großen drei aus Deutschland (Audi, BMW, Mercedes), doch kokettieren sie auch ganz gern damit, dass sie anders seien. Nicht nur im Design, sondern auch in der ganzen Haltung. Sportliches Fahren als Markenwert wird bei Volvo eher nicht vertreten, und so kann sich diese Marke vielleicht am ehesten den Zylinderverzicht leisten.

Diese Lenkung gäbe es niemals bei BMW

Auch sind die Fahrwerke stets eher zum Cruisen ausgelegt, was auch der V60 nicht verleugnen kann. Gegen Aufpreis bekommt man zwar adaptive Dämpfer und kann die Abstimmungscharakteristik ein wenig spreizen – aber eigentlich ist der V60 wie der größere V90 und die beiden SUVs als gleitender Geradeausfahrer ausgelegt. Die Lenkung jedenfalls würden sie bei BMW nicht mal in eine Designstudie einbauen, so wenig erzählt sie dem Fahrer über die Straße.

Aber dafür kann der Volvo selber lenken. Bis Tempo 130 arbeitet das Pilot-Assist-System, das den Fahrer beim Bremsen, Gasgeben und Lenken entlastet, solange die Straße eine klar erkennbare Markierung hat. Der Abstand zu einem vorausfahrenden Fahrzeug wird gehalten, Pilot Assist kann aber auch ohne anderes Auto im Blick fahren. Wichtig ist nur, dass der Fahrer aufmerksam bleibt und die Hände am Lenkrad lässt, sonst schaltet die Elektronik sich trotzig ab.

V60- und XC60-Käufer können dieses Hilfssystem als Extra bestellen, in den 90er-Modellen ist es serienmäßig enthalten. Es funktioniert zwar nur, wenn man es einschaltet, aber die Richtung ist schon klar. Volvo hat sich über Jahrzehnte ein gewisses Sicherheitsimage aufgebaut, und heute gilt sogar eine Art Versprechen: Bis 2020 soll niemand mehr in einem neuen Volvo tödlich verunglücken oder schwer verletzt werden.

Bei aller passiven Sicherheit, die Autos heutzutage bieten, ist das nach Lage der Dinge nicht möglich, wenn man sich auf die Vernunft der menschlichen Fahrer verlässt, also bietet Volvo nun eben auch im Mittelklassemodell V60 Heerscharen von Assistenzsystem an, teils serienmäßig, teils gegen Aufpreis.

Zu erwähnen sind etwa der automatische Notbremsassistent, der auch auf Umrisse bestimmter Tierarten geeicht ist (etwa Elche), oder der Querverkehrsalarm mit automatischer Bremsung, falls man beim Rückwärtsausparken herannahende Autos übersieht.

Es gibt sogar ein Assistenzsystem, das ein Abbremsen des Autos auf bis zu 10 km/h einleitet, falls ein Frontalcrash mit einem entgegenkommenden Auto (das zu sportlich überholt hat) nicht mehr zu vermeiden ist. Eine gruselige Vorstellung, aber bei Volvo heißt es, das System greife wirklich nur ein, wenn kein Ausweichen, keine andere Strategie mehr helfen würde.

Das Problem bei all dieser eigentlich lobenswerten Sicherheitstechnik: Man muss sich mit den dunklen Seiten des Autofahrens befassen, jedenfalls gedanklich. Dabei ist der neue V60 doch ansonsten ein Quell der Freude.

Volvo V60 © Volvo Volvo V60

Im Dieselmodell D4 mit 190 PS und ebenfalls 400 Newtonmetern Drehmoment genießt man das Brummeln des Motors und freut sich, dass trotz der Ankündigung, keine neuen Diesel mehr zu entwickeln, noch solche Aggregate im Programm sind. Sogar mit der Abgasnorm Euro 6d-Temp, mehr geht im Moment nicht. Damit sollte man, selbst wenn alle Kommunen durchdrehen, mit einem neuen Diesel-Volvo immer noch in die Stadt fahren dürfen.

Man muss es nicht extra betonen, dass der Diesel zu so einem Kombi der 4,70-Meter-Klasse hervorragend passt, und zur unaufgeregten Fahrwerksabstimmung des V60 passt er sowieso. 5,9 bis 6,7 Liter auf 100 Kilometer soll der Motor verbrauchen, je nachdem, mit welchen Reifen und (welchen schweren) Extras das Auto ausgestattet ist – diese Berechnung folgt schon dem neuen, etwas realitätsnäheren Zyklus WLTP. Nach der jetzt noch gültigen NEFZ-Norm wären es unter fünf Liter gewesen, aber das hätte ja ohnehin keiner geglaubt.

Was schade ist: So sehr wie der V60 ein Designerstück ist, so wenig ist er ein echter Lademeister. Das hat er mit seinen deutschen Konkurrenten gemeinsam, dass der Laderaum nicht eben üppig ausfällt. 529 Liter bei voller Bestuhlung sind okay, aber 1441 mit umgeklappter Rückbank? Das kann ein Golf Variant deutlich besser.

Volvo V60 © Volvo Volvo V60

Klar, kühl, aufgeräumt und sehr gut verarbeitet

Volvo V60 © Volvo Volvo V60 Volvo V60 © Volvo Volvo V60

Und ja, es gibt den V90, so wie es für enttäuschte Audi-A4-Interessenten den A6 Avant gibt, außerdem das T-Modell der E-Klasse als C-Klasse-Alternative und über dem 3er Touring noch den 5er Touring. Aber die jeweils kleineren (und vielfach im Laderaum zu kleinen) Autos sind eben dank des Premium-Faktors schon so teuer, dass die großen Modelle nicht für jeden eine echte Alternative sind.

Ab 40.100 Euro etwa geht es beim V60 los, dafür bekommt man den D3 mit 150-PS-Diesel und sehr anständiger, aber keineswegs kompletter Ausstattung. Wer ein 190-PS-Modell mit der sehr empfehlenswerten Achtgang-Automatik will und darüber hinaus ein paar Extras ordert, sollte irgendwo 50.000 Euro besorgen oder eben die Finanzkraft für entsprechende Monatsraten aufbringen. Sonst wird man mit dem neuen V60 nicht unbedingt glücklich.

Und glücklich, ja, kann man sich am Steuer dieses Kombis durchaus schätzen. Weil man nicht nur beim Außendesign ganz vorne mitfährt, sondern weil diese Gestaltungsqualität auch im Interieur ihre Fortsetzung findet. Klar, kühl, aufgeräumt und sehr gut verarbeitet – so kann man Volvos Designphilosophie zusammenfassen.

Manchem mag es gewöhnungsbedürftig erscheinen, auch die Klimaanlage am großen, senkrecht angeordneten Touchscreen zu steuern, aber so ist das nun mal. Dafür ist außer dem Startknopf auf der Mittelkonsole sonst nicht viel zu sehen an Reglern und Schaltern.

Wie gesagt: iPhone auf Rädern.

Die Reise zur Präsentation des V60 wurde unterstützt von Volvo. Unsere Standards der Transparenz und journalistischen Unabhängigkeit finden Sie unter www.axelspringer.de/unabhaengigkeit

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