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Autotest aktuell

Das kleine Statussymbol der Vernünftigen

WELT-Logo WELT 16.04.2018
Volvo XC40 © Jakob Hoff Volvo XC40

Der XC40 ist das erste Kompakt-SUV von Volvo. Er sieht gut aus, ist noch erschwinglich und hat viele originelle Details. Er zeigt aber auch, dass der Weg bis zum selbstfahrenden Auto noch weit ist.

Schon süß, wie die kleine schwedische Flagge unter der Motorhaube des Volvo XC40 hervorlugt. In der Einführungsphase dieses neuen Modells sind alle Fahrzeuge mit dem blau-gelben Kunststoffemblem ausgestattet, zukünftig soll es als Zubehör erhältlich bleiben. Seht her, hier kommt ein echter Schwede, scheint es sagen zu wollen.

Das dürfte den Volvo-Fans gefallen, die sich ja gern was darauf einbilden, sich für ein besonders langlebiges und ein bisschen stoisches, aber irgendwie auch cleveres Auto entschieden zu haben, das jedem Aufeinandertreffen mit einem Elch standhält. Der Volvo ist das Statussymbol der Vernünftigen.

Mit dem XC40 stellt der Autobauer aus Göteborg (seit 2010 übrigens eine hundertprozentige Tochtergesellschaft des chinesischen Geely-Konzerns, dessen Eigner und Vorsitzender Lu Shifu vor Kurzem durch den Kauf signifikanter Aktienanteile an der Daimler AG auf sich aufmerksam machte) sein erstes Kompakt-SUV vor.

Damit steigt Volvo in ein Segment ein, das sich anhaltender Beliebtheit erfreut, weil es ein Maximum an Auto zu einem Preis bietet, der sich gut mit einem mittleren bis gehobenen fünfstelligen Jahresgehalt vereinbaren lässt – je nach Ansprüchen an Ausstattung und Komfort.

Die Spanne ist dabei enorm: Das mehr oder weniger nackte Basismodell des XC40 ist für 31.350 Euro zu haben. Wer Wert auf einen Allradantrieb legt, muss allerdings mindestens 44.800 Euro ausgeben, und der mit allem Drum und Dran ausgestattete Testwagen kostet sogar 56.190 Euro.

Volvo XC40 © Jakob Hoff Volvo XC40

Volvo hat das Rechtwinklige und Kastenförmige verloren

Neben der schwedischen Flagge gibt es dafür ein paar weitere hübsche Details, mit denen sich der Wagen von unmittelbaren Konkurrenten wie dem Audi Q3, dem Jaguar E-Pace oder dem BMW X2 abhebt, darunter ein Schubfach unter dem Fahrersitz und ein herausnehmbarer Müllbehälter in der Mittelkonsole. Auf den Innenseiten der Türen wurde zusätzlicher Stauraum geschaffen, indem man die Bassboxen hinter der Instrumententafel untergebracht hat.

Die vertikalen Lüftungsschlitze und die horizontalen Zierelemente wirken edel, aber nicht protzig. Ganz praktisch ist auch die transparente Plastikklammer an der Innenseite der Windschutzscheibe, an der sich Parkscheine befestigen lassen, sodass sie nicht mehr irgendwo da vorn herumflattern, sondern von etwaigen Kontrolleuren gut einzusehen sind.

Auch von außen kann sich der XC40 mehr als sehen lassen. Durch Einwölbungen an den Seiten und Auswölbungen am Heck und auf der Motorhaube hat Volvo-Chefdesigner Thomas Ingenlath dem Wagen das Rechtwinklige und Kastenförmige ausgetrieben, das den Auftritt der Marke über Jahrzehnte bestimmt hat.

Durch die Diagonale auf dem breiten Kühlergrillund die inzwischen typischen L-Förmigen Heckleuchten ist er dennoch auf Anhieb als Volvo zu erkennen. Das Dach verfügt über die Andeutung eines Spoilers und ist optional in einer Kontrastfarbe lackiert, was dem Wagen einen sportlichen Look verleiht.

Er hat jedoch nichts von der Großspurigkeit und der unterschwelligen Aggressivität an sich, die bei manch anderem SUV-Modell, dem man im Straßenverkehr begegnet, zur voreiligen Rückschlüssen auf die Charaktereigenschaften seiner Insassen führen kann. Es ist deshalb durchaus nachvollziehbar, dass 60 Autojournalisten aus 23 europäischen Ländern den Volvo XC40 zum "Car of the Year 2018" gewählt haben. Die Auszeichnung wird seit 1964 vergeben und ist für die Hersteller mit hohem Prestige verbunden.

Der Innenraum des XC40 erinnert dagegen einmal mehr daran, wie sehr die Bezeichnung Kompakt-SUV in die Irre führt. Oder bin ich der Einzige, der sich ein kleineres Auto vorstellt, wenn er dieses Wort hört? Das Panoramadach mag den Eindruck verstärken, aber der Wagen wirkt so groß, dass man kaum glauben mag, dass Volvo mit dem XC90 zudem noch ein SUV anbietet, das nicht nur eine, sondern zwei Nummern größer ist. Hinterm Lenkrad kommt man sich vor wie auf einem Thron.

Entwicklung selbstfahrender Autos stockt bei Volvo

Über ein verlängertes Wochenende fahren wir mit dem XC40 ins Riesengebirge jenseits der polnischen Grenze, wo ein lokales Mikroklima dafür sorgt, dass der Schnee lange liegen bleibt. Während die Skodas der einheimischen Tagesausflügler mit durchdrehenden Reifen über die schneebedeckten Parkplätze des Skigebiets am Kamm der Schneekoppe schlittern, schiebt sich der XC40 so souverän wie ein Schneepflug über die glatte Oberfläche. Nur der Schaltstummel in der Mittelkonsole stört ein bisschen beim Rangieren, da er bei der Bewegung von "D" nach "R" leicht im Leerlauf hängen bleibt.

Eine Fahrt durch Schnee und Matsch zeigt aber auch die Grenzen der Leistungsfähigkeit von Assistenzsystemen auf, die uns derzeit als Vorstufe selbstfahrender Autos verkauft werden, in denen wir uns angeblich schon in nicht allzu ferner Zukunft fortbewegen werden. Wenn die optischen Sensoren verschmutzt und die Fahrbahnmarkierungen von Schneematsch bedeckt sind, lassen die elektronischen Helfer den Fahrer zwangsläufig im Stich.

Ausgerechnet unter erschwerten Witterungsbedingungen ist er also wieder auf sich allein gestellt und muss ohne die Unterstützung von Rückfahrkamera oder Spurwechselwarner auskommen, an die er sich vielleicht gerade gewöhnt hat.

Dass der Weg zum selbstfahrenden Auto noch weiter ist, als die Evangelisten von Digitalisierung und smarter Mobilität wahrhaben möchten, wurde kürzlich im US-Bundesstaat Arizona deutlich, wo ein fahrerloses Testmobil des Fahrtenvermittlers Uber eine Passantin tötete. Dass es sich beim Unfallauto um einen Volvo XC90 handelte, kann man dem schwedischen Hersteller allerdings nicht zum Vorwurf machen.

Die Volvo-typische Gemütlichkeit ist geblieben

Volvo hat lediglich die Lieferung von 24.000 Fahrzeugen zu Testzwecken vereinbart, ohne Einfluss darauf zu haben, was die Uber-Techniker damit anstellen. Doch auch bei Volvo scheint man mit der Entwicklung selbstfahrender Autos noch nicht so weit vorangekommen zu sein, wie man es sich vorgenommen hat.

Vor ein paar Jahren hatte das Unternehmen noch vollmundig angekündigt, im Rahmen des Pilotprojekts "Drive Me" bis 2018 eine Flotte von 100 selbstfahrenden Testfahrzeugen auf den Autobahnring von Göteborg zu schicken. Zuletzt war nur noch kleinlaut von zunächst zwei Familien die Rede, die das Projekt unterstützen und Tests in kontrollierter Umgebung durchführen.

Im XC40 sind die Assistenzfunktionen aber immerhin so weit entwickelt, dass man bei günstigen Verkehrs- und Witterungsbedingungen mehrere Hundert Kilometer auf der Autobahn zurücklegen kann, ohne auch nur ein einziges Mal die Pedale zu benutzen.

Volvo XC40 © Jakob Hoff Volvo XC40

Dabei könnte man versucht sein, dem Wagen die Volvo-typische Gemütlichkeit vorzuhalten, mit der er dahinrollt – bei einem Lehrgewicht von über 1,8 Tonnen, das von einem schlanken 2-Liter-Dieselmotor mit 190 PS bewegt wird, kann man aber kaum die Agilität eines Sportwagens erwarten. Auch hier hat die Vernunft gesiegt.

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