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Das waren die besten IAA-Premieren vor 50 Jahren

DIE WELT-Logo DIE WELT 14.09.2017

Nie waren die grauen Messehallen der IAA so bunt wie vor 50 Jahren. Zukunftsweisende Technologien standen 1967 neben verrückten Spaßmobilen. Eine in jeder Hinsicht revolutionäre Zeit.

Eigentlich war alles wie immer, und doch war alles anders. Die IAA hatte im sonnigen September 1967 wieder die ganze Autowelt zu Gast, mehr als 80 Marken aus 16 Ländern kündeten von einer heute kaum mehr vorstellbaren Vielfalt. Vor allem aber spiegelten sie den globalen Zeitgeist – und dieser fegte zum ersten Mal mit revolutionären, farbenfrohen Veränderungen durch die Messehallen.

Porsche setzte im Stil der Zeit auf knallige Farben © Porsche Porsche setzte im Stil der Zeit auf knallige Farben

Eine Dreiviertelmillion Menschen drängte sich um neue Fahrzeuggenerationen, die sich über alle zementierten Konventionen hinwegsetzten und von Flower Power, Pop-Art und Avantgarde kündeten. Fast schien es, als würde das Auto neu erfunden, sei es als futuristische Wankel-Limousine wie der NSU Ro 80, in Form von provozierenden Powerpaketen wie Porsche 911 T, Ford RS oder Opel Commodore, schrägen Shootingbrakes made in England, kleinen exotischen Rennwagen und extrovertierten Geländegängern aus Japan, skurrilen Sportlern aus Kunststoffbaukästen oder bunten Wohnmobilen.

Die Pop-Protagonisten der Hippie-Bewegung fuhren psychedelisch bemalte Porsche und Rolls-Royce. Dagegen setzten die Studenten in ihrem Kampf gegen das Establishment auf unangepasste, aber robuste Renault 4 und Citroën 2 CV.

Doch es ging vor 50 Jahren nicht nur um das Äußere des Wagens, auch das Thema Sicherheit wurde immer wichtiger, da die Unfallzahlen auf einem bereits völlig überlasteten Straßennetz dramatisch stiegen. Über 17.000 Verkehrstote wies die deutsche Unfallstatistik für 1967 aus, rund fünf Mal so viel wie heute. Während Volvo und Saab damals bereits Reboard-Kindersitze und Sicherheitsgurte für die Rücksitze anboten, begnügten sich manch andere Hersteller noch mit Basics wie Verbundglas und Mehrkreisbremsen. Zur Lichtgestalt in der Messe am Main wurde dagegen die durch Kurvenscheinwerfer aufgewertete "Göttin" Citroën DS.

Auf den Messeständen der US-Muscle-Car-Importeure erklang die seit dem Monterey Pop Festival weltbekannte hoffnungsfrohe Hippie-Hymne "San Francisco" von Scott McKenzie, während die Beatles im Album "Sgt. Pepper's" durch psychedelische Verspieltheit dem Sommer der Liebe Reverenz erwiesen. Passend dazu hatte John Lennon seinen Rolls-Royce Phantom V bunt bemalen lassen.

Während sich allerdings Janis Joplin – "My friends all drive Porsches" – nie mehr von ihrem bunt lackierten 356 Cabrio trennen sollte, funkelte auf der IAA 1967 bereits der Stern, dem Lennon später nicht widerstehen konnte. Schließlich provozierte kein Megaliner mehr als der 6,24 Meter messende Mercedes 600 Pullman.

Der Kreiskolbenmotor wird sich nie durchsetzen

1967 ging es um Protest und Provokation. Neue Werte wurden ausgerufen und Tabus gebrochen. Ganz besonders durch den NSU Ro 80. In einer technikgläubigen Zeit, die auf die erste Mondlandung und den Erstflug des Überschalljets Concorde wartete, stand der revolutionäre Ro 80 mit seinem 115 PS starken Kreiskolben-Triebwerk für das Auto der Zukunft.

NSU kam kaum nach mit dem Prospektdruck für seinen automobilen Hoffnungsträger, dessen Entwicklungskosten die Neckarsulmer Kassen so geplündert hatten, dass schon bald VW die Kontrolle über den Kreiskolbenhersteller hatte. Was in Frankfurt noch keiner ahnte: Ausgerechnet das Herzstück des Ro, der namensgebende Rotationskolbenmotor, sollte in Deutschland nie massentauglich werden. Allein Mazda gelang dies mit Rotary-Triebwerken in Millionenauflage.

Mazda hätte auf der IAA 1967 anlässlich seines Europastarts zu gerne seinen Cosmo Sport mit Zweischeiben-Kreiskolbenmotor gezeigt, musste diese Bühne jedoch noch Wankel-Lizenzgeber NSU überlassen. Nur Honda zeigte deshalb Neues aus Fernost in Form winziger Sportler und Cityflitzer mit Motoren, die hochdrehten wie ein Formel-1-Racer.

Während die Wirtschaftsmedien spekulierten, wann in Wolfsburg die Ära des Käfer-Förderers Heinrich Nordhoff enden würde, zeigte sich der so oft totgesagte VW Käfer lebendiger denn je. Nicht nur, dass ihn die Blumenkinder als Kultauto entdeckten, auch die frisch aufbrandende Welle der Strand- und Spaßmobile nutzte seine Technik.

Diese Buggys kamen aus Amerika und führten zugleich zu einem neuen Hype der Kunststoffkarosserie im Sportwagenbau. So zeigte Matra Automobiles seinen originellen Plastikflitzer 530, Saab den Sonett II und Metzeler den Delta mit NSU-Technik. Auch wenn sich die Sonne des Wirtschaftswunders vorübergehend verdunkelt hatte, ließen sich die Autokäufer das Träumen nicht nehmen und wagten sogar gänzlich Unerwartetes: Erstmals waren Importfahrzeuge in Deutschland wirklich angesagt und eine Macht, der später ein Drittel des Marktes gehören sollte.

Bereits 1967 gab es Product Placement

Dazu gehörte sogar Alfa Romeo, jene Marke, die damals noch gegen BMW punktete. Während die Münchner in Frankfurt ihr sportliches Image polierten durch die aufgefrischten Coupés 1600 GT und 3000 V8 des gerade übernommenen Konkurrenten Glas, ließen sich die Mailänder für ihren Duetto Spider feiern. Was Alfa sogar auf der Kinoleinwand gelang: In "Die Reifeprüfung" jagte Hauptdarsteller Dustin Hoffman alias Benjamin Braddock im Alfa Spider zu den Verabredungen mit der verheirateten Mrs. Robinson und deren Tochter Elaine.

Dagegen sprachen exklusive Sportler wie der neue Maserati Ghibli und Aston Martin DBS die Avantgarde unter den wohlhabenden Bundesbürgern an – experimentierfreudige Enthusiasten, die Supercars in dezentem Design schätzten, vielleicht weil sie ahnten, was kommen sollte. Durch die gesellschaftlichen und politischen Umbrüche wurden chromfunkelnde V8 in der Bonner Republik nach 1968 ebenso geächtet wie grelle italienische V12.

Wichtige IAA-Messepremieren und Innovationen 1967:

BMW 1600 GT (hervorgegangen aus dem vormaligen Glas 1300/1700 GT)

BMW (Glas) 3000 V8 Coupé (Weiterentwicklung aus dem Glas 2600 V8)

Citroën Dyane

Citroën ID 19/DS 19/DS 21

CG Chappe & Gessalin Spider 1000 (Kunststoffkarosserie)

Devin/Souren 1300 (Sportwagen mit Kunststoffkarosserie und VW-1300-Technik als Montagesatz)

Daf 44 (deutsche Messepremiere)

Fiberfab Bonanza GT (Sportwagen mit Kunststoffkarosserie und VW-1600-Technik als Montagesatz)

Fiat 125

Ford 17 M/Ford 20 M (P6)

Iso-Rivolta Grifo GL 350

Lotus Europa (Mittelmotor und Polyester-Karosserie)

Maserati Ghibli

Matra M 530 (Mittelmotor und Kunststoff)

Mercedes-Benz 250 SL (Weltdebüt bereits in Genf)

MG C GT (Sportkombi mit Sechszylinder)

NSU 1200 C

NSU Ro 80 (Kreiskolbenmotor, futuristische Keilform, Sicherheitstechnik)

Opel Olympia

Porsche 911 T

Porsche 911 mit Sportomatic (halb automatisches Vierganggetriebe)

Simca 1100 (Fünftürige Kompaktklasse mit Vorderradantrieb als Ankündigung)

Steyr-Puch 650 TR II

Triumph GT 6

Volkswagen 1500 Automatik

Volkswagen Transporter T2 und Clipper

Volvo 142 (Sicherheitskopfstützen und Kindersitze)

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