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Der edelste Eiswagen der Welt steht in London

DIE WELT-Logo DIE WELT vor 6 Tagen

Normalerweise muss man ins Museum, wenn man einen alten Rolls-Royce Phantom sehen möchte. Im Londoner Hyde Park gibt sich der majestätische Oldtimer ganz volksnah und lockt mit irdischen Freuden.

Als Rolls-Royce kürzlich in der noblen Bond Street in London die Premiere des neuen Phantom gefeiert hat, da haben die Briten eine eindrucksvolle Ahnenschau aufgefahren. Um aller Welt zu beweisen, dass der Phantom tatsächlich das Auto mit dem am längsten genutzten Namen und den berühmtesten Kunden ist, haben sie Oldtimer aus allen sieben Generationen seit 1925 in die britische Hauptstadt geflogen – darunter auch die Autos von Fred Astaire, Aga Khan und John Lennon.

Doch meinen Favoriten haben sie vergessen. Dabei hätten sie den nicht aus der Collection von Ion Tiriac in Bukarest, aus dem Petersen Museum in Los Angeles oder aus geheimen Sammlergaragen holen müssen, sondern nur aus dem Hyde Park um die Ecke.

Denn nur einen großen Steinwurf von Mayfair entfernt steht dort der vielleicht schönste, vor allem aber verlockendste Rolls-Royce aller Zeiten: Ein weißer Phantom II aus dem Baujahr 1932 mit einer Karosserie von Hooper & Co aus Chelsea, den sein Besitzer zum Eiswagen und damit zu einem bürgerlichen Genießerauto umgebaut hat.

Natürlich will ich normalerweise lieber ans Lenken denken als ans Lecken, wenn ich ein Auto im Sinn habe. Aber erstens sind gerade Ferien, und zweitens macht Autofahren in London ohnehin keinen Spaß – selbst dann nicht, wenn man in einem Rolls-Royce sitzt. Und dieser Phantom II stiehlt selbst dem neuen Phantom die Schau.

Das liegt auch daran, dass der Eiswagen ein echter Exot ist. Ein Rolls-Royce ist nie ein gewöhnliches Auto, das man an jeder Ecke zu sehen bekommt. Doch gemessen an dem weißen Riesen aus dem Hyde Park, wird selbst der neue Phantom ein Massenmodell. Schließlich waren die Produktionsziffern damals noch geringer als heute, und die Wahrscheinlichkeit, dass es noch einen zweiten Eiswagen auf Rolls-Royce-Basis gibt, geht stark gen null.

Normale Eismänner nehmen für ihren Verkauf einen gewöhnlichen VW Bus oder in England eines der legendären Milchautos; wer ein bisschen Retrocharme zaubern will, baut einen Wellblechtransporter von Citroën um, italienisches Flair zaubert man mit einer Ape, und die gerade so angesagten Food-Trucks sind oft ausrangierte UPS-Transporter.

All das wollte nicht so recht zu den Vorstellungen von Stuart Whitby passen. Der hatte schließlich nicht umsonst bei Rolls-Royce gelernt, bevor er eine Firma zum Umbau von Eiswagen gründete.

Rolls-Royce als Eiswagen © Thomas Geiger Rolls-Royce als Eiswagen

Also suchte er so lange nach einem ausrangierten Rolls-Royce aus der Vorkriegszeit, bis er den mittlerweile zum handgeschnittenen Cabrio umgebauten Phantom bei einem Hochzeitskutscher als Gebrauchtwagen auftreiben und sich seinen Traum vom Rolls-Royce unter den Eiswagen erfüllen konnte – und damit eine weitere Touristenattraktion für die an Sehenswürdigkeiten ohnehin nicht arme Hauptstadt geschaffen hat.

Ja, wie alles in London war auch das Eis aus dem Rolls-Royce ein bisschen teurer. Und ob es besser war, nur weil es mir aus dem Fenster eines Phantom gereicht wurde, das wage ich zu bezweifeln.

Doch anders als das Eis werde ich das Auto so schnell wohl nicht vergessen. Denn so einen edlen Imbisswagen gibt es vermutlich kein zweites Mal auf der Welt.

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