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Eine Kampfansage an die Vernunft

Tages-Anzeiger-Logo Tages-Anzeiger 10.08.2017 Georg Kacher
Eine Kampfansage an die Vernunft © Bereitgestellt von Tagesanzeiger Eine Kampfansage an die Vernunft

Beim Ferrari 812 Superfast ist die Grenze zwischen Gut und Böse verdammt schmal: Erlebnisse mit einem Auto, in dem der Horizont in einem Tempo näher kommt, das Angst macht.

Es gibt Autos, die verursachen Zündaussetzer im Herzen. Lassen den Blutdruck in den Grenzbereich schnellen. Stellen unseren Adrenalinhaushalt auf den Kopf. Ein solches Auto ist der Ferrari 812 Superfast. Und für die, die eher auf nackte Zahlen stehen, sei dieser Hochleistungs-Gran-Turismo so beschrieben: 340 km/h Höchstgeschwindigkeit, in 7,9 Sekunden von 0 auf 200 km/h, 8900 Touren je Minute Höchstdrehzahl.

Das gilt erst recht für jene, die ihn einmal fahren dürfen. Denn erst dann werden die Worte und Zahlen erlebbar. Ein Druck auf den Start-Engine-Knopf, und der Motor brummt sich untertourig warm, das Getriebe wartet leise sägend auf seinen Einsatz, die Monitore beidseits des grossen, gelb hinterlegten Drehzahlmessers füllen sich mit Balken, Skalen und Zahlen. Head-up-Display, Assistenzsysteme, zukunftsweisende Connectivity? «Ci dispiace», tut uns leid, haben wir nicht, kommen Sie doch in ein paar Jahren wieder. Dafür gibt es bequeme Sitze und die Ferrari-typische Position hinter dem Lenkrad, die selbst bei gestreckten Armen dazu zwingt, die Beine anzuwinkeln.

In der weitläufigen, zerklüfteten Hügellandschaft westlich der Ferrari-­Heimat Maranello könnten die meisten Kurven unter Denkmalschutz stehen, so holprig ist der Asphalt. Gegen das schroffe Terrain ist der Ferrari 812 durch verstellbare Dämpfer gewappnet. Ein Tastendruck, und das Fahrwerk schaltet von ziemlich unerbittlich auf beinahe geschmeidig um. Hinzu kommen die üblichen Verstellmöglichkeiten für die elektronische Fahrdynamikregelung, einzustellen an einem kleinen Rädchen am Lenkrad, das Ferrari-Fans als Manettino geläufig ist.

Atemberaubende Fliehkraft

Wer den 812 bändigen möchte, sollte verantwortungsbewusst mit ihm umgehen. Denn die 800 PS sind 600 PS zu viel für all die blinden Kuppen und scharfen Ecken italienischer Landsträsschen. Aber sobald die Strasse aufmacht, durchstösst der Superfast sekundenschnell die Schallmauer zu einem surrealen Paralleluniversum. Vor allem oberhalb von 6000 Umdrehungen stellt der Ansaugtrakt auf Durchzug, brüllen sich die vier Auspuffrohre heiser, wirkt das von 690 auf 718 Newtonmeter gestiegene maximale Drehmoment. Da kommt der Horizont mit einem Tempo näher, das Angst macht.

In 2,9 Sekunden beschleunigt Ferraris Neuer von 0 auf 100 km/h, und dieser Schub lässt zwischen 130 und 250 km/h kaum nach. Das liegt nicht nur am Motor mit seinen 6,5 Litern Hubraum, sondern auch am Getriebe, das im Vergleich zum Vorgänger F12 enger gestuft ist und um 30 Prozent schneller schaltet.

Das körperlich erlebbare fahrdynamische Talent des 812 Superfast bedarf dagegen keiner numerischen Bestätigung. Zuerst raubt die Fliehkraft fast den Atem, dann kreischen sich die Reifen warm, und irgendwann, an der schmalen Grenzlinie zwischen Gut und Böse, setzt das Ferrari-Heck zum Überholen an. Das ist der Moment, in dem endgültig klar wird: Dieses Auto ist eine Droge fürs Ego und eine Kampfansage an die Vernunft.

Neben den mitlenkenden Hinterrädern ist die ausgefeilte Aerodynamik des 812 ein Hauptgrund für seine Kurvenkünste. Er leitet die anströmende Luft nicht einfach nur um – er filetiert, portioniert und ziseliert sie. Durch Schlitze und Waben, die Backen der Bugschürze und die doppelwandigen C-Säulen, das Zusammenspiel von Deflektoren, Diffusoren und drei verstellbaren Flügelchen. Bei hohem Tempo baut der Unterboden eine spürbare Saugwirkung auf. Hat da jemand «Formel-1-Technik» gesagt?

Als maximalen Verzögerungswert von 100 auf 0 nennt Ferrari 32 Meter, hervorgerufen von einer extragrossen Bremsanlage und noch extraklebrigen Reifen. Das ist Weltklasse, wird aber erkauft mit erhöhtem Kraftaufwand, entsprechend mässiger Dosierbarkeit und leicht verzögertem Zupacken. Auf einer ebenen Rennstrecke reduziert die steifere Aufhängung Karosseriebewegungen auf ein Minimum. Auf einer unebenen Landstrasse gerät die Abstimmung jedoch an ihre Grenzen – bei vollem Leistungseinsatz, wohlgemerkt.

Falze und Fugen

Dass der 812 mit 14,9 Litern auf 100 Kilometer etwas weniger verbraucht als der F12, wird die Zielgruppe ebenso wenig interessieren wie der auf 342'710 Franken angehobene Listenpreis. Das neue Interieur mit dem höheren Aluminium- und Carbonanteil dürfte bei den meisten Kunden gut ankommen, doch das Design polarisiert. Lange Schnauze, gestauchtes Heck, das kennt man von einem Zwölf-Zylinder-Ferrari. Aber über das zerklüftete Heck, das ex­trovertierte Zusammenspiel von Falzen und Fugen, die teils prolligen Anbauteile und die im Winkel versetzten Rückleuchten, End­rohre und Diffusorklingen dürfte an den einschlägigen Stammtischen angeregt diskutiert werden.

Klar, der 812 ist zu breit, zu wenig effizient und natürlich viel zu schnell für diese Welt. Doch dann ist da diese Farbe, Ferrari-Rot. Genauer: 70-Jahr-Jubiläums-Rot, das die 1947 gegründete Marke eigens anmischen liess. Eine Farbe, die dem V12-Coupé mit dem selbstbewussten Superfast-Schriftzug dann doch ganz hervorragend steht. Nach einem halben Tag 812 ist man sowieso angefixt. Ein Glück, dass der Bankberater vor Schlimmerem bewahrt. Man würde sich sonst schlicht ins Unglück stürzen.

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