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Hilfe, die Retro-Polizei marschiert wieder!

WELT-Logo WELT 01.06.2018

Hot Rod cars, Viva Las Vegas festival. Las Vegas USA 2006 © Getty Images/Universal Images Group Hot Rod cars, Viva Las Vegas festival. Las Vegas USA 2006

Unser Autor hat beim Styling seines Oldtimers einen unverzeihlichen Fehler begangen und ist damit ins Visier bärtiger Betriebswirte geraten. Die Jünger des Originalitätskultes dulden keine Abweichung.

Neulich wurde ich wie wild auf Facebook beschimpft und mit Assoziationen verknüpft, die mehr über das Kleinhirn, aus dem sie entsprungen sind, sagen, als über mich. Es fing noch ganz harmlos an, als jemand zu einer Sache, die ich gewagt hatte zu tun und die ich später erklären werde, meinte, dies sei aber "komisch". Also komisch wie seltsam, nicht wie unterhaltsam. Meinetwegen.

Total humorfrei war dagegen das Wort "Bestatter", das wahrscheinlich Verwendung fand, weil es um die Farbe Schwarz ging und derjenige nicht über allzu viel Fantasie verfügte. In der Folge wurde dann über "Istanbul-Bomber" und Goldkettchen halluziniert. Wow, einfallsreich.

Was aber hatte ich angestellt? Ganz einfach, ich hatte es gewagt, die Felgen eines 30 Jahre alten Mercedes Coupés schwarz zu lackieren, ohne vorher die selbst ernannten Sittenwächter des Originalzustands zu fragen.

Ja, schwarze Felgen haben in der Tat zwar einen racigen, aber eben auch einen unterschichtigen Touch. Aber ich kann es mir leisten, ich bin ein Kind der unteren Mittelschicht und damit von allen gesellschaftlichen Zwängen befreit.

Alles geht, nichts muss, ich darf nach unten zitieren und mich nach oben bewegen – eine beneidenswerte Mobilität, die einigen Männern um die fünfzig scheinbar völlig abgeht. Die haben ihr ganzes Leben in Internaten und Konzernen zugebracht und fragen sich nun verzweifelt, mit welcher Leica man die besten Schwarz-Weiß-Selfies schießt, während man hinter einer, rein zufällig drapierten, 30 Euro teuren Flasche Rotwein sitzt.

Die darauf folgende Diskussion auf dem sozialen Netzwerk, das ich eigentlich gerne durch ein anderes ersetzen würde, wenn es denn eine Alternative gäbe (sagen Sie jetzt nicht "Twitter"), war zwar inhaltlich kein bisschen interessant, aber menschlich und psychologisch betrachtet eben schon.

Intoleranz als ständiger Begleiter

Ich hatte es gewagt, gegen die heilige "Originalität" zu verstoßen – und das auch noch bewusst. Ab nach Marxloh mit mir – oder besser gleich in den Arbeiterklasse-Boxverein, in dem ich, vor die Wahl gestellt, übrigens viel lieber abhängen würde als bei einem Autotreffen dieser langweiligen Sittenwächter.

Ich hatte das Götzenbild beleidigt, dem diese Männer den Großteil ihres Erwachsenenlebens unter Einsatz vieler ängstlicher Emotionen und noch mehr Kleingeld gehuldigt hatten. Wie leider bei vielen religiösen Menschen, so ist auch bei ihnen die Intoleranz ein gern gesehener Begleiter.

Die Jünger des Originalitätskultes dulden keine Abweichung – und sei es auch bloß Blinkerglas in der "falschen" Farbe oder gar ein Lenkrad, das "original" (!) eigentlich in ein anderes Modell gehörte. Tötet den Ungläubigen!

Lassen Sie mich eines klarstellen. Natürlich ist es völlig in Ordnung, danach zu streben, seinen Young- oder Oldtimer möglichst lange möglichst nah am Originalzustand zu erhalten. Warum denn auch nicht?

Ein recht neuer, dafür aber schon guter Freund von mir besitzt zum Beispiel alte englische Autos und würde nie etwas daran ändern, was nicht repariert werden muss. Er freut sich über jedes in den USA oder bei Ebay aufgetriebene Originalersatzteil wie ein Schneekönig.

Darf er das? Ja, absolut, ich finde es prima und würde nie auf die Idee kommen, ihm ein zeitgemäßes Fahrwerk zu empfehlen oder mich über sein sogenanntes Radio lustig zu machen. Schlimm ist nur, wenn man dabei quasireligiösen Fanatismus entwickelt und nichts anderes mehr gelten lässt. Dies ist allzu oft ein Zeichen emotionaler Schwäche und geistiger Unreife. Wut durch kognitive Dissonanz. Nicht neu, immer wieder erstaunlich.

Kein Raum mehr für Individualität

Seien wir ehrlich: Mutig geht eindeutig anders. Die Welt ist voll von Betriebswirten in der Midlifecrisis, die Steve McQueen (oder wenigstens Marcello Mastroianni) sein möchten.

Dabei waren die Kultfiguren aus der Vergangenheit ja gerade nicht retro, sondern entweder der Zukunft, aber zumindest doch ihrer eigenen Gegenwart zugewandt. Sie hatten es nicht nötig, 50 Jahre in die Vergangenheit zu schauen, um Kleidung, Musik oder Auto auszuwählen. Sie hielten sich nicht an Maßstäbe, sie setzten sie.

Und darin liegt schon die ganze Tragik: Beim verzweifelten Versuch, Persönlichkeit zu entwickeln und "männlich" zu sein, gilt es, unzählige Regeln zu beachten. Das ist wahrscheinlich sehr, sehr anstrengend. Jedes noch so kleine Detail ist festgelegt, für Individualität bleibt keinerlei Raum.

Wie alles andere auch, ist die Autowahl auf einen sehr kleinen Kreis möglicher Optionen beschränkt: Volkswagen T1 oder T2, 911 (F, G, 964 und 993), Range Rover Mk I, 240 Z, Bertone, Giulia – das war es im Prinzip.

Ferrari und Lamborghini gehen eher nicht, und selbst ein alter Jaguar deutet schon ein wenig auf Querulantentum hin. Bei Motorrädern ändern sich die Namen, Abwechslung fehlt auch hier. Sonnenbrille und Uhr, Schuhe und Frisur, ja selbst das Aussehen der eigenen Frau hat genau festgelegten Parametern zu entsprechen.

Wenn eine 22-jährige Nachwuchskünstlerin meint, es sei originell oder gar mutig, lediglich Joy Division zu hören und sich generell nur rauchend und in Schwarz-Weiß fotografieren zu lassen, ist dies zwar traurig, aber wahrscheinlich verzeihlich. Bei Männern über 40 wird es dann aber langsam schwierig.

Leute, ihr seid nicht cool!

Am schlimmsten ist es, wenn solche Männer den Käfig, den sie sich selbst gebaut haben, nicht einmal erkennen und davon schwafeln "stilvoll" zu sein. Denn sie laufen natürlich einem Stil hinterher, den andere, wahrlich freigeistige Männer einige Jahrzehnte früher entwickelt haben.

Sie sind nicht die neue Personifizierung der coolen Jungs, sondern ihre Gegenspieler. Wie schön ist es dagegen, die eigene Freiheit zu genießen und das zu machen, worauf man selbst Lust hat – selbst wenn in der letzten Ausgabe des gerade wichtigen Männermagazins dazu ein kritischer Artikel stand.

Und genau hier kommen wir Kinder der Arbeiterklasse und unteren Mittelschicht ins Spiel. Wir müssen, Generation für Generation, wieder Freiheiten erobern und alte Grenzen verschieben – schließlich wollen auch die langweiligen Puritaner der Zukunft in 40 Jahren genau wissen, was sie zu tun haben.

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