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VW erwägt Lamborghini, Ducati und Italdesign via Börse auszugliedern

Neue Zürcher Zeitung-Logo Neue Zürcher Zeitung 21.11.2020 Gerhard Bläske, Mailand

Der Volkswagen-Konzern überlegt sich, seine italienischen Töchter Lamborghini, Ducati und Italdesign abzutrennen und an die Börse zu bringen. Der Konzern braucht Geld für Investitionen. Das Beispiel Ferrari zeigt, dass das Modell funktionieren kann.

Mit Kraftpaketen wie dem Lamborghini Veneno ;hat der italienische Sportwagenhersteller gegenüber dem ewigen Konkurrenten Ferrari aufholen können. Martial Trezzini / Keystone © Bereitgestellt von Neue Zürcher Zeitung Mit Kraftpaketen wie dem Lamborghini Veneno ;hat der italienische Sportwagenhersteller gegenüber dem ewigen Konkurrenten Ferrari aufholen können. Martial Trezzini / Keystone

Noch ist es nicht so weit. Doch der Volkswagen-Konzern trifft erste Vorbereitungen für eine Abspaltung der formal zur VW-Tochter Audi gehörenden italienischen Töchter Lamborghini, Italdesign und Ducati. Der VW-Konzernchef Herbert Diess bestätigte bei einer Telefonkonferenz, die rechtliche Struktur der Töchter zu überprüfen. Dies beflügelte die seit Wochen kursierenden Gerüchten zur Ausgliederung ebenso wie die Rückkehr des langjährigen Lamborghini-Chefs Stephan Winkelmann an die Spitze des Sportwagenbauers. Der Deutsch-Italiener kehrt zum 1. Dezember nach Italien zurück und gilt als Favorit für den Chefposten einer börsenkotierten Italo-Gruppe, an der Volkswagen vermutlich die Mehrheit behalten will.

Exzellenter Ruf von Winkelmann

Winkelmann steht derzeit an der Spitze des ebenfalls zu VW gehörenden Luxuswagenherstellers Bugatti. Dass er dort Präsident bleiben soll, ist für Beobachter ein Indiz dafür, dass auch die französische Marke zu dem neuen Konzern gehören könnte. Winkelmann geniesst am Lamborghini- Firmensitz bei Modena einen exzellenten Ruf. Schliesslich hat der in Berlin geborene, aber in Rom aufgewachsene Sohn eines deutschen Unesco-Diplomaten als CEO zwischen 2005 und 2016 die Grundlagen dafür gelegt, dass die 1998 von VW erworbene Sportwagenmarke inzwischen fast auf Augenhöhe mit dem ewigen Rivalen Ferrari liegt. 2019 verkaufte Lamborghini 8205 Fahrzeuge, Ferrari lag mit einem Absatz von 10 131 Einheiten nur noch knapp vorn. Es war Winkelmann, der das 650 PS starke SUV-Kraftpaket Urus auf den Weg gebracht hatte. Denn mit einem Absatz von 4962 Fahrzeugen trug der 250 000 € teure SUV 60% zum Absatz der Sportwagenmarke bei. Ferrari hat ein vergleichbares Angebot noch nicht zu bieten.

Die Führung des neuen Konzerns wäre eine Herausforderung für Stephan Winkelmann, dem es nicht an Selbstbewusstsein für eine solche Aufgabe fehlen dürfte. Krisztian Bocsi / Bloomberg © Bereitgestellt von Neue Zürcher Zeitung Die Führung des neuen Konzerns wäre eine Herausforderung für Stephan Winkelmann, dem es nicht an Selbstbewusstsein für eine solche Aufgabe fehlen dürfte. Krisztian Bocsi / Bloomberg

Auch beim Umsatz hat Lamborghini kräftig aufgeholt und kam 2019 auf Erlöse von 1,8 Mrd. €. Ferrari hatte hier mit einem Umsatz von knapp 3,8 Mrd. € aber noch einen deutlichen Vorsprung. Zumindest beim Absatz ist der Ferrari-Vorsprung in diesem Jahr geschrumpft: Per Ende September wurden 6440 Autos verkauft. Lamborghini kam auf 5631 Einheiten.

Ferrari als Vorbild

Gute Voraussetzungen also für einen Börsengang, der auch in diesem Fall Ferrari zum Vorbild hätte. Ferrari wurde 2016 aus Fiat Chrysler (FCA) ausgegliedert und an die Börse gebracht. Dessen Grossaktionär, die Agnelli-Familienholding Exor, ist der grösste Ferrari-Einzelaktionär und kann sich über diesen Coup freuen. Denn Ferrari eilt an der Börse von Erfolg zu Erfolg und ist mit einem Börsenwert von inzwischen fast 35 Mrd. € eines der teuersten italienischen Unternehmen. Der ehemalige Mutterkonzern FCA ist nur 19,5 Mrd. € wert.

Solche Zahlen lassen Volkswagen träumen, denn der weltweit grösste Autokonzern braucht Geld, um die geplanten Investitionen von 73 Mrd. € in klimaschonende Antriebe, die Umrüstung der Werke und die Digitalisierung zu stemmen. «Für Italien wäre ein solches Projekt eine gute Nachricht, denn es würde zeigen, wie attraktiv und vital Italiens Industrie auch für ausländische Investoren ist», glaubt Giuseppe Berta, Professor an der Mailänder Universität Bocconi und Auto-Experte.

Ducati zählt auf eine treue Fangemeinde

Zu dem neuen franko-italienischen Konzern würde wohl auch der Motorradhersteller Ducati aus dem Bologneser Vorort Borgo Panigale gehören. VW hat die Edelmarke 2012 für 1 Mrd. € erworben. Um Ducati gibt es schon länger Verkaufsgerüchte, denn der Zweiradhersteller ist ein Exot im Konzern. Seit der Übernahme wurde die Ducati-Modellpalette deutlich erweitert und die Qualität verbessert. Im dritten Quartal 2020 wurden 14 700 Motorräder verkauft – mehr als je zuvor. Wegen des Lockdowns im Frühjahr sind die Verkäufe per Ende September jedoch um 11,5% zurückgegangen. Der Umsatz schrumpfte um 10,2%, und der operative Gewinn halbierte sich auf 29 Mio. €. Die Marke hat eine grosse Fangemeinde.

Der Zweiradhersteller ;Ducati ist im VW-Konzern ein Exot. Sebastian Geisler / Imago © Bereitgestellt von Neue Zürcher Zeitung Der Zweiradhersteller ;Ducati ist im VW-Konzern ein Exot. Sebastian Geisler / Imago

Italdesign baut heute Autos quasi in Handarbeit

Das dritte Unternehmen im italienischen VW-Verbund ist die 1968 von Giorgio Giugiaro gegründete Designerschmiede Italdesign aus Turin. Sie war in den siebziger und achtziger Jahren weltweit führend und entwarf Fahrzeuge wie den Fiat Panda, den Lancia Thema, den Saab 9000, den BMW M1 sowie die Volkswagen-Modelle Golf I und Scirocco. Audi stieg 2010 bei Italdesign ein und kontrolliert seit 2015 alle Anteile. Für Aufsehen sorgte Italdesign in diesem Jahr mit der Vorstellung der Serienversion des Nissan GT-R50, von dem lediglich fünfzig Stück gebaut werden. Noch exklusiver ist der Sportwagen Zerouno; von ihm gibt es nur fünf Exemplare. Das sind extrem teure und PS-starke Autos, die quasi in Handarbeit entstehen. Mit ihnen hat Italdesign gezeigt, dass es eigene Fahrzeuge bauen kann. Doch das eigentliche Ziel des CEO Jörg Astalosch ist es, den Umsatzanteil mit Partnern ausserhalb des VW-Konzerns von 30 auf 50% zu erhöhen. Italdesign arbeitet unter anderem mit dem Nutzfahrzeughersteller Iveco zusammen und zählt tausend Mitarbeiter.

Italdesign sorgte in diesem Jahr mit exklusiven Kleinstserien für Aufsehen. Goran Basic / NZZ © Bereitgestellt von Neue Zürcher Zeitung Italdesign sorgte in diesem Jahr mit exklusiven Kleinstserien für Aufsehen. Goran Basic / NZZ

Die Führung eines franko-italienischen Konzerns wäre eine neue Herausforderung für Winkelmann, dem es sicher nicht an Selbstbewusstsein für eine solche Aufgabe fehlt. Der stets elegante und in eng anliegende Anzüge gekleidete Winkelmann hat auch bei Bugatti wiederholt für Aufsehen gesorgt, etwa mit der Kleinserie «Voiture Noire» oder kürzlich mit dem 1825 PS starken 16-Zylinder-Boliden Chiron, der geradezu eine Kampfansage an umweltbewusste Menschen ist. Nach seiner Zeit bei Lamborghini wurde er im Frühjahr 2016 Chef der Audi-Motorsporttochter Quattro. 2018 rückte er an die Spitze von Bugatti auf.

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