Sie verwenden eine veraltete Browserversion. Bitte verwenden Sie eine unterstütze Versiondamit Sie MSN optimal nutzen können.

«Wir werden brutale Crashs erleben»

watson.ch-Logo watson.ch vor 2 Tagen Philipp Löpfe

Teaserbild © AP Teaserbild Crashs, in denen bis zu 50 Prozent des Wertes vernichtet werden, gehören zum Wesen der Aktienmärkte. Trotzdem sind Aktien langfristig oft die beste Geldanlage. Der Finanzprofessor Erwin Heri erklärt, warum das so ist und weshalb er ein Gratisportal betreibt, das die Geheimnisse der Finanzwelt lüftet.

Wir haben rund 2000 Pensionskassen in der Schweiz. Ist das noch zeitgemäss? Das System ist historisch gewachsen. Ursprünglich war es so, dass – überspitzt formuliert – die Chefsekretärin eines Betriebes auch noch die Pensionskasse betreute. Das ist heute natürlich anders, aber so ist die Sache halt entstanden.

Müssen wir also unsere Altersvorsorge grundsätzlich überdenken? Nein, unser 3-Säulen-System ist eines der besten der Welt. Aber wir müssen es professionalisieren und effizienter gestalten.

«Es ist durchaus möglich, dass das System in 20 Jahren nicht mehr so für mich sorgt, wie es versprochen wurde.»

Wo muss der Hebel angesetzt werden?

Die wichtigen Kennzahlen, beispielsweise der Umwandlungssatz im BVG, werden heute politisch und nicht ökonomisch bestimmt. Das führt zu offensichtlichen Widersprüchen zwischen der wirtschaftlichen Realität und der politischen Machbarkeit.

Wie zeigen sich diese Widersprüche?

Das gröbste Beispiel ist natürlich der Umwandlungssatz, der nichts mehr mit der ökonomischen Realität zu tun hat. Aber auch die Vorgaben für die erwartete Rendite der Kapitalanlagen sind illusorisch geworden: Ein bis zwei Prozent reale Rendite bei Negativzinsen sind unrealistisch.

Fahren wir das System so an die Wand? Nein, aber es ist durchaus möglich, dass das System in 20 Jahren nicht mehr so für mich sorgt, wie es versprochen wurde. Deshalb muss ich vermehrt für mich selbst sorgen. Wer für sich selbst sorgen soll, muss die Finanzmärkte verstehen.

Sie haben mit Fintool ein Instrument entwickelt, das dem Laien diese Mechanik verständlich machen soll. Wie genau soll das geschehen?

Wir betrachten uns als eine Art Internet-Doktor für Finanzen. So wie sich heute jeder vor einem Arztbesuch im Internet über seine Gebrechen informiert, kann er sich bei uns über seine finanziellen Probleme und die Lösungsmöglichkeiten informieren. Neutral, unabhängig und ohne Interessenskonflikte.

Wirtschaftliche Zusammenhänge zu vermitteln, ist sehr hart. Wie wollen Sie das schaffen? Wir machen eigentlich etwas Paradoxes: Wir versuchen, den Menschen etwas beizubringen, das sie gar nicht interessiert. Es ist wie mit dem Spinat. Jedermann weiss zwar, dass das, was an den Finanzmärkten abgeht, wichtig für ihn ist. Kaum jemand will es aber verstehen. Mit Büchern können Sie dieses Problem nicht lösen. Videos hingegen sind total populär, vor allem wenn sie kurz sind.

«Pensionskassen verschleudern heute Milliarden, weil sie zu hohe Kosten haben.»

Kurze Videos, ist das nicht geistiges Junkfood?

Die Videos lassen sich dann zu Video-Büchern zusammenfassen. So kann sich auch der Laie allmählich einen verständlichen Überblick verschaffen. Und es darf möglichst nichts kosten. Deshalb verschicken wir die einzelnen Videos – inzwischen sind es mehr als 500 – gratis. Nur die Bücher sind kostenpflichtig.

Gratis? Warum tun Sie das? Sind Sie ein moderner Finanz-Pestalozzi? Ich mag nicht einfach jeden Tag nur Golf spielen. Als Wirtschaftsprofessor brauche ich nach wie vor die Diskussionen mit Kollegen und mit jungen Leuten – und ich lerne wahnsinnig viel über das Internet und soziale Medien. Und Professoren haben bekanntlich immer ein bisschen ein Sendebewusstsein.

Zurück zu den Pensionskassen und ihren Kosten. Liegt die Lösung darin, dass wir in der Schweiz ein paar ganz grosse Pensionskassen haben, die alles abdecken?

Vielleicht nicht. Fakt ist aber, dass verschiedene Studien zum Schluss kommen, dass grosse Pensionskassen deutlich tiefere Kosten pro Versicherten haben, dass sie eine ebenso deutlich bessere Performance auf ihren Anlagen haben und dass sie tiefere Geldanlagekosten haben.

Um es mit den Amerikanern zu sagen: Bei grossen Pensionskassen gibt es «more bang for the buck», mehr Rendite für den eingesetzten Franken?

Ja, das sieht man auch beim grössten Anlagefonds der Welt, beim norwegischen Staatsfonds. Er kann mit rund zehn Mal tieferen Kosten arbeiten als unsere Kassen. Wenn Sie das auf die rund 800 Milliarden Franken hochrechnen, die heute von Pensionskassen verwaltet werden, dann kommen pro Jahr Milliarden Franken zusammen, die heute den Versicherten entgehen. 

Wie kommen wir zu grossen und effizienten Pensionskassen?

Der Prozess mag schwierig sein. Es ist aber offensichtlich, dass wir in diese Richtung gehen müssen.

Wettbewerb ist für Vieles gut. Auch für die Pensionskassen? Die freie Wahl einer Pensionskasse würde tendenziell zu einer Besserung führen, sagen ebenfalls einige Studien. Ich stimme dem zu.

«Ohne Zwangssparen hätte wir wahrscheinlich ein grosses Altersarmuts-Problem.»

Wie aber können Menschen, die wenig oder kein finanztechnisches Wissen haben, die Pensionskassen auswählen?

Es ist ja nicht Quantenphysik. Es würden sich rasch Dinge entwickeln, welche einen Vergleich der Pensionskassen ermöglichen, Vergleichsportale beispielsweise, wie es sie heute schon gibt.

Und hätten wir dann nicht den Telefonterror, den die Krankenkassen-Verkäufer jetzt schon auf uns ausüben? Nein, ich würde es eher mit dem System vergleichen, das wir heute bei den Anlagefonds haben. Es braucht dazu allerdings mehr Transparenz. Dies kann man mit Vergleichsportalen heute herstellen.

Heute ist jeder Arbeitnehmer gezwungen, sich einer Pensionskasse anzuschliessen. Ist das richtig?

Ja. Ein 30-Jähriger denkt oft nicht daran, wie er dannzumal mit 65 über die Runden kommt. Ohne Zwangssparen hätte wir wahrscheinlich ein grosses Altersarmuts-Problem.

Mehr Finanzkompetenz für alle. Das ist ein hehres Ziel. In der Praxis handeln Menschen jedoch gerade in finanziellen Dingen oft irrational. Worauf gründen Sie Ihre Hoffnung, das zu ändern?

Die Menschen befragen heutzutage vor einer Konsultation beim Arzt das Internet. Danach überprüfen sie den Rat des Arztes wiederum im Internet. Bei Geldanlagen zeichnet sich eine ähnliche Entwicklung ab. Vor allem junge Kunden sind gegenüber den Finanzdienstleistern viel kritischer geworden. Sie werden mehr und mehr Finanzportale konsultieren. Hier liegen wir mit den Inhalten von fintool.ch richtig.

Eigentlich sollten die Kundenberater der Banken die Kunden aufklären.

Banken haben andere Anreizstrukturen als ihre Kunden. Deshalb braucht es neutrale Berater.

Der Psychologe Daniel Kahneman hat den Nobelpreis erhalten, weil er überzeugend nachgewiesen hat, dass auch sehr intelligente Menschen in Finanzfragen nicht mit dem Kopf, sondern mit dem Bauch entscheiden. Liegt nicht da der Hund begraben? Deshalb braucht es das Zwangssparen. AHV und 2. Säule, das ist richtig. Heute haben jedoch die meisten Menschen auch eine dritte Säule. All das eröffnet die Möglichkeit, die Psychologie in den Griff zu bekommen. 

Wie?

Ich spare einfach jeden Monat oder jedes Jahr einen gewissen Betrag, z.B. in der Säule 3a. Unabhängig davon, was gerade an den Finanzmärkten passiert. Das Problem ist, dass heute ineffizient und oft falsch gespart wird. Nach wie vor zahlen die meisten Menschen langfristige Sparbeträge auf ein Bankkonto ein – und vergeben so die Chance auf eine deutlich höhere Rendite. Auf Jahre hinaus gesehen hat z.B. eine Kontolösung der Säule 3a eine viel tiefere Rendite als eine Wertschriftenlösung. Trotzdem haben heute noch rund 70 Prozent der 20- bis 30-Jährigen eine Kontolösung. Dabei müssten sie zu 100 Prozent in Aktien investiert sein. Das ist ebenfalls hinreichend bewiesen.

Weshalb bieten die Banken diesen Service nicht an? Viele Banken sind auch heute noch der Meinung, bei der Säule 3a dürfe der Aktienanteil in einem Portfolio 50 Prozent nicht übersteigen. Es gibt hier aber Lösungen. Und ich wiederhole gerne: Banken haben ein anderes Anreizsystem als ihre Kunden. Banken sorgen in erster Linie für sich selbst. Das ist auch richtig so.

Sie sagen, die meisten Menschen hätten heute eine 3. Säule.

Ja, und wir sollten diesen Anreiz noch deutlich verstärken. Wir sollten den Betrag, den man von den Steuern abziehen kann, von heute 6000 auf 10’000 bis 12’000 Franken erhöhen. Das würde den Anreiz, für sich selbst zu sorgen, noch verstärken.

«Die Probleme einer immer älter werdenden Gesellschaft können nicht allein mit finanztechnischen Mitteln gelöst werden.»

10’000 bis 12’000 Franken sind viel Geld für eine junge Familie. Sie müssen ja nicht so viel einzahlen. Sie können die Höhe des Betrages selbst bestimmen.

Aber wird so nicht die ohnehin schon grosse Ungleichheit in der Gesellschaft noch weiter verstärkt? Die AHV ist heute schon eine gewaltige Umverteilungsmaschine. Das reicht. Wir müssen nicht auch noch die 2. und die 3. Säule zur Umverteilung benutzen.

Immer weniger Junge müssen immer mehr Alte durchfüttern. Kann man dieses Problem mit mehr Effizienz im Geldmanagement lösen? Nein. Die Probleme einer immer älter werdenden Gesellschaft können nicht allein mit finanztechnischen Mitteln gelöst werden. Ich denke, es ist inzwischen fast allen klar geworden, dass wir das Rentenalter erhöhen müssen.

Was ist mit Robotern und der Digitalisierung? Könnte nicht die steigende Produktivität dazu verwendet werden, unsere Altersvorsorge zu sichern? Das ist eine Möglichkeit. Aber darauf verlassen würde ich mich nicht. Wenn ich das Geld auf die Seite lege, respektive in einer dritten Säule sinnvoll in Aktien investiere, bin ich auf der sicheren Seite.

Und was ist, wenn die Aktienbörsen crashen? Der nächste Crash kommt sicher. Und er könnte bis zur Hälfte der Aktienwerte vernichten. Wir haben brutale Crashs erlebt, und werden sie wieder erleben. Doch die gute Nachricht lautet: Die Verluste werden nicht nur aufgeholt, sondern überkompensiert. Selbst wenn wir kurzfristig – will heissen, während drei bis fünf Jahren – Verluste verkraften müssen, werden wir dank steigender Produktivität langfristig höhere Renditen haben. Das haben die letzten 200 Jahre bewiesen. Die Aktienmärkte reflektieren in der langen Frist die Innovations- und Gewinndynamik der Unternehmen. Das war immer so und wird auch so bleiben. Und die kurzfristigen Verwerfungen brauchen den langfristigen Investor nicht zu interessieren.

Nächste Geschichte

Basel startet mit Kantersieg in die Europa League

| Anzeige
| Anzeige

Mehr von watson.ch

image beaconimage beaconimage beacon