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Wirtschaft aktuell

Der Welt droht eine "brutale Neubewertung von Vermögen"

DIE WELT-Logo DIE WELT 16.07.2017

Der Risikobericht der französischen Finanzaufsicht AMF warnt vor einem potenziellen Einbruch der Aktienkurse auf breiter Front. Ebenso könnten Immobilien drastisch an Wert verlieren. Deutschland wäre davon auch betroffen.

Jahrestage halten die Erinnerung wach. Sie rufen ins Gedächtnis zurück, was alles schiefgehen kann in der Geschichte: Ein Systemkollaps mag noch so unwahrscheinlich erscheinen, doch die Gefahr ist real. Vor nicht allzu langer Zeit, 2007, ist es passiert. Auch damals konnte sich niemand eine globale Finanzkrise vorstellen, die den Wert nahezu sämtlicher Vermögensgegenstände binnen weniger Wochen dezimierte. Und doch ist es passiert.

Nicht ohne Grund hat die französische Finanzaufsicht die Einleitung ihres Risikoberichts 2017 jetzt den Ereignissen von vor zehn Jahren gewidmet. Die Franzosen ziehen Parallelen zu damals und schicken eine eindringliche Warnung hinterher: Es herrsche derzeit eine sorglose Stimmung unter den Akteuren, die angesichts der zahlreichen Gefahren nicht gerechtfertigt sein könnte. "In einem Umfeld, wie wir es jetzt haben, gehört eine brutale Neubewertung von Vermögenspreisen zu den großen Risiken", heißt es da.

Mit brutaler Neubewertung meinen die Franzosen einen potenziellen Einbruch der Kurse auf breiter Front. Hierzulande ist die französische Behörde Autorité des Marchés Financiers, kurz AMF, nur wenigen bekannt, doch Kenner schätzen umso mehr die unverblümte Wortwahl der Franzosen, die sich durch ihre Ferne von den Finanzzentren London und New York auszeichnen. In Paris ansässig, schauen sich die Experten der AMF die globalen Märkte an, ohne Teil der großen Maschine zu sein.

Aus Sicht der Franzosen ist das globale Umfeld aus mehreren Gründen besonders kritisch. "Hohe Bewertungen an manchen Aktienbörsen, vor allem in den USA, und extrem niedrige Risikoprämien an den Bondmärkten werfen die Fragen auf, ob die Risiken nicht unterschätzt werden", sagt Gérard Rameix, Vorsitzender der AMF.

Akut wird die Frage der falsch gepreisten Risiken, wenn sich die Finanzierungskosten verteuern. Genau das passiert nun aber, da die Notenbanken die Zinswende eingeläutet haben. Die US-Notenbank Fed hat bereits viermal den Leitzins angehoben, diese Woche haben die Kanadier – und damit eine weitere G-7-Notenbank – nachgezogen. Auch die Europäische Zentralbank (EZB) hat angedeutet, ihre Geldpolitik demnächst zu straffen.

Jede Zinserhöhung kann das Streichholz sein, das ins Benzinfass fällt

In einer hoch gehebelten Finanzwelt können steigende Zinsen wie ein Streichholz sein, das in ein Benzinfass geworfen wird. Abgesehen von Deutschland sind die Schulden in allen großen Volkswirtschaften seit der Finanzkrise vor zehn Jahren zum Teil kräftig gestiegen. Seit 2007 hat sich die Situation in mehreren Ländern rapide verschlechtert, darunter Frankreich, Italien, Belgien, Finnland, Griechenland und Österreich.

In all diesen Nationen ist die Verschuldung sowohl der öffentlichen als auch der privaten Haushalte und der Firmen nach oben geschossen. Im Schnitt hat sich die Schuldenlast, gemessen am Bruttoinlandsprodukt (BIP), um 27 Prozentpunkte erhöht. Von "deleveraging" – also Rückführung der Schulden – keine Spur. Während die Verbindlichkeiten in Italien stagnieren, zeigt der Pfeil in Frankreich nach oben.

Händler an der Frankfurter Börse (Archiv) © pa/abaca/Fourmy Mario Händler an der Frankfurter Börse (Archiv)

Kreditfinanzierung ist auch in großen Schwellenländern zur Norm geworden. "Chinas Schulden sind rapide gestiegen und haben zuletzt einen Gesamtwert von 260 Prozent des BIP erreicht", mahnt der Bericht. Selbst beim vermeintlichen Musterschüler Deutschland ist nicht alles eitel Sonnenschein. In Europas größter Volkswirtschaft sind es die Baudarlehen, deren Volumina massiv zugenommen haben.

Ein Händler an der New Yorker Börse während des Ausbruchs der Finanzkrise 2007 © Getty Images Ein Händler an der New Yorker Börse während des Ausbruchs der Finanzkrise 2007

In Deutschland wachsen die Volumina der Immobilienkredite

Nach Berechnungen der Beratungsgesellschaft Barkow Consulting wächst der Hypotheken-Bestand in den Bankbilanzen dieses Jahr um vier Prozent. "Das mag sich im internationalen Vergleich noch maßvoll ausnehmen, tatsächlich ist das ein für deutsche Verhältnisse sehr hoher Wert", sagt Gründer Peter Barkow. Nach oben gegangen sind vor allem die Kredite mit ultralangen Laufzeiten, was den Kreditinstituten einiges an Kopfschmerzen bereitet.

Denn im Falle einer schneller als erwartet voranschreitenden Zinswende könnten die Margen bildlich gesprochen zerquetscht werden. "Die Banken haben bisher in einem Umfeld ohne größere Kreditausfälle agiert. Es stellt sich die Frage, ob die finanziellen Puffer ausreichen, um etwaige Schocks abzufedern", sagt Barkow.

Auch die Franzosen haben Bedenken, was die Immobilienmärkte anbelangt. Die Bewertung von Wohnungen und Häusern habe möglicherweise ein bedenkliches Niveau erreicht. "Immobilien sind anders als wahrgenommen kein risikoloses Investment", heißt es im AMF-Bericht. In der Zinswende steht der Zyklus nach Ansicht der Experten möglicherweise vor einem Trendbruch.

Auch der Vierte Bericht zur Finanzstabilität in Deutschland warnt vor den Gefahren steigender Zinsen. Insbesondere bei der sogenannten Fristentransformation sehen die Verfasser des Berichts, zu denen Experten der Bundesbank, der Aufsichtsbehörde BaFin und des Finanzministeriums gehören, Probleme. Diese entstehen etwa dann, wenn langfristige Kredite ausgegeben werden, diese jedoch durch kurzfristige Kundeneinlagen gedeckt sind.

Aufregung unter Brokern in Chicago: Schirrmachers Beschreibung einer Welt, die nur von den Finanzmärkten getrieben wird, werde der Realität nicht gerecht, so Ökonom Paqué © picture alliance / Newscom Aufregung unter Brokern in Chicago: Schirrmachers Beschreibung einer Welt, die nur von den Finanzmärkten getrieben wird, werde der Realität nicht gerecht, so Ökonom Paqué

"Die Zinsbindungsdauer der Aktiva, wie etwa Kredite und Staatsanleihen, übersteigt üblicherweise die der Passiva. Dadurch könnten die Refinanzierungskosten der Institute infolge eines plötzlichen Zinsanstieges schneller ansteigen als die zinsbasierten Einkommensbestandteile. Gleichzeitig könnten die Marktwerte bestimmter Aktiva sinken. Dieses Zusammenspiel könnte zu deutlichen Gewinnrückgängen oder gar Verlusten führen", heißt es in dem Bericht.

Zwar warnen die Deutschen nicht mit dem gleichen Verweis auf die Krise von 2007 wie die Franzosen. Doch auch sie lassen keinen Zweifel daran, dass die Märkte und Staaten mit der Zinswende von 2017 in schwieriges Fahrwasser kommen könnten.

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