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Wirtschaft aktuell

Die deutsche Wirtschaft bricht das Tempolimit

DIE WELT-Logo DIE WELT vor 4 Tagen
ARCHIV - Männer arbeiten am 30.03.2017 auf einer Baustelle in München (Bayern). Die Bundesbank sieht die Konjunktur in Deutschland weiter Fahrt aufnehmen. Auch im Baugewerbe stehen die Zeichen dank voller Auftragsbücher auf Wachstum. (zu dpa "Bundesbank: Deutsche Konjunktur bekommt weiter Schwung" vom 26.06.2017) Foto: Alexander Heinl/dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++ © dpa ARCHIV - Männer arbeiten am 30.03.2017 auf einer Baustelle in München (Bayern). Die Bundesbank sieht die Konjunktur in Deutschland weiter Fahrt aufnehmen. Auch im Baugewerbe stehen die Zeichen dank voller Auftragsbücher auf Wachstum. (zu dpa "Bundesbank: Deutsche Konjunktur bekommt weiter Schwung" vom 26.06.2017) Foto: Alexander Heinl/dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++

Die guten Nachrichten aus den Firmen häufen sich. Das Wachstum dürfte in diesem Jahr so kräftig ausfallen wie seit 2011 nicht. Nur ein Ereignis könnte die Wirtschaft aus der Bahn werfen.

Volle vier Wochen dauert es noch, bis auch nur eine vorläufige amtliche Zahl zum deutschen Wirtschaftswachstum im zweiten Quartal veröffentlicht wird. Aber klar ist schon jetzt: In der Gesamtschau waren die Monate April bis Juni gute für die Konjunktur. Die Exporte wuchsen kräftig, die Industrieproduktion auch. Stimmungsindikatoren weisen nach oben, der Geschäftsklimaindex des Münchener ifo-Instituts erreichte im Mai einen neuen Rekord – der im Juni gleich schon wieder gebrochen wurde. Und dabei lief auch schon das Winterquartal am Jahresanfang richtig rund.

Viele Konjunkturbeobachter haben ihre Wachstumsprognosen für das laufende Jahr bereits in den vergangenen Monaten heraufgesetzt. Doch jetzt läuft die nächste Welle der Aufwärts-Korrekturen. Deutschland, so zeichnet sich inzwischen ab, könnte in diesem Jahr seine Wirtschaftsleistung preisbereinigt um mehr als zwei Prozent steigern. Das wäre der höchste Wert seit 2011.

"Der Schwung dürfte bis auf weiteres erhalten bleiben", jubelte Greg Fuzesi, Volkswirt der amerikanischen Investmentbank J.P. Morgan in einem Kurzbericht zur deutschen Wirtschaft am Montag vergangener Woche. Fuzesi hob deshalb auch seine Wachstumsprognose für 2017 an – auf 2,2 Prozent.

Höhere Wachstumsprognose kommt überraschend

Am Freitagabend dann folgte Oxford Economics. Ben May, Deutschland-Experte des britischen Wirtschaftsforschungsinstituts, legte sogar noch einen drauf – er erwartet nun sogar 2,3 Prozent Wirtschaftswachstum.

Die heimischen Fachleute sind aktuell noch zurückhaltender. Aber das könnte sich bald ändern. Die Oxford-Economics-Prognose von 2,3 Prozent hält Jörg Krämer zum Beispiel für "hoch, aber nicht unplausibel". Und Michael Heise, der Chefvolkswirt der Allianz, sagt auf Anfrage: "Unsere Prognose für 2017 beträgt seit einiger Zeit 1,9 Prozent. Die Wahrscheinlichkeit, dass wir noch in diesem Monat nach oben anpassen, ist relativ hoch." Zum Vergleich: Die Bundesregierung war im Januar in ihrem Jahreswirtschaftsbericht noch von 1,4 Prozent ausgegangen.

Dass nun mehr als zwei Prozent Wachstum in Reichweite erscheint, ist aus gleich mehreren Gründen überraschend. Erstens startet das Wachstum gewöhnlich mit großer Dynamik in einen Aufschwung, um sich dann im Laufe der Zeit abzuschwächen. Dass eine schon länger anhaltende Aufwärtsbewegung noch an Schwung gewinnt, ist eher ungewöhnlich.

Zweitens sorgt eigentlich schon der Kalender in diesem Jahr für einen Dämpfer. Im statistischen Durchschnitt gibt es in diesem Jahr 248,6 Arbeitstage. Das sind fast drei Tage weniger als 2016. Das liegt unter anderem daran, dass der 1. Mai in diesem Jahr, anders als 2016, nicht auf einen Wochenendtag fiel. Und dass der Reformationstag wegen des Luther-Jubiläums ausnahmsweise in allen Bundesländern ein Feiertag ist.

Driftet die Wirtschaft in Richtung Überauslastung?

Die Folgen sind nicht unerheblich: Um den Arbeitstage-Effekt bereinigt würde das Wirtschaftswachstum um immerhin 0,2 Prozentpunkte höher ausfallen. Eine ausgewiesene Zuwachsrate von 1,8 Prozent entspräche demnach einem Wachstumstempo von 2,0 Prozent. Drittens kommt noch hinzu, dass das Wirtschaftswachstum in Deutschland eigentlich ohnehin schon seine theoretische Höchstgeschwindigkeit erreicht hat.

Das zeigt ein Blick auf das sogenannte Potenzialwachstum – die längerfristig mögliche Zuwachsrate bei normal hoher Kapazitätsauslastung. Das Bundesfinanzministerium schätzt das Potenzialwachstum auf aktuell 1,5 Prozent. Im historischen Vergleich ist das ein niedriger Wert, doch angesichts der demografischen Alterung der Bevölkerung dürfte das Potenzialwachstum eher noch weiter sinken.

Schon im vergangenen Jahr lag der Zuwachs des Bruttoinlandsprodukts mit 1,8 Prozent leicht über dem Potenzialwachstum. Ein Wachstumswert von deutlich mehr als zwei Prozent würde diese Kluft erheblich weiten.

Eigentlich müsste in einer solchen Situation die Gefahr steigen, dass die Wirtschaft überhitzt. Genau darauf hat vor einem Monat bereits das Institut für Weltwirtschaft (IfW) in Kiel hingewiesen. Die deutsche Wirtschaft drifte "zusehends in Richtung Überauslastung", warnte IfW-Konjunkturchef Stefan Kooths damals. Am Ende werde womöglich nur eine Rezession für die dann unausweichlichen Korrekturen sorgen können.

Abwärtsimpuls müsste aus dem Ausland kommen

© Infografik Die Welt

Andere Konjunkturbeobachter demgegenüber geben sich erstaunlich gelassen. So verweist Ben May von Oxford Economics auf die schwache Lohnentwicklung. Zwar sind die Bruttoverdienste den Verbraucherpreisen gerade 2015 und 2016 davon geeilt. Angesichts der niedrigen Arbeitslosenquote sei aber eigentlich eine viel ausgeprägtere Lohndynamik zu erwarten, argumentiert May. Das wiederum deute darauf hin, "dass es auf dem deutschen Arbeitsmarkt höhere Reserven gibt als gedacht", erklärte May gegenüber der WELT. Wenn das stimmt, dann könnte der Beschäftigungsboom länger als bisher erwartet weitergehen – mit entsprechend stimulierenden Folgen für den privaten Konsum und die Wirtschaftsleistung insgesamt.

Allianz-Experte Heise dagegen glaubt, dass der Jobboom "in den kommenden Quartalen an Tempo verlieren" wird. Es sei auch "nicht damit zu rechnen, dass die Lohnsteigerungen so moderat bleiben, wie in den vergangenen Jahren", so Heise. Denn: "Der Fachkräftemangel, gerade im Süden, wird immer deutlicher spürbar."

Dennoch glaubt Heise, dass das Absturzrisiko jedenfalls auf kürzere Sicht klein ist. "Die Wahrscheinlichkeit einer Rezession in Deutschland ist für nächsten zwölf Monate außerordentlich gering", sie dürfte "unter zehn Prozent" betragen. Vor allem aber dürfte die Binnenkonjunktur nicht von selbst entgleisen. "Der Abwärtsimpuls müsste aus dem Ausland kommen", so Heise. "Derzeit sehen wir aber eine erfreuliche Belebung des Welthandels, trotz der protektionistischen Rhetorik vieler Regierungschefs." Diese Belebung sei ein wesentlicher Grund für die zusätzliche Schubkraft des Aufschwungs. "Es erscheint nicht sehr wahrscheinlich, dass diese Entwicklung schon in den nächsten zwölf Monaten die Richtung vollständig ändert."

Auch Jörg Krämer kann sich kaum vorstellen, dass Deutschland binnen Jahresfrist in eine Rezession rutschen könnte. "Dazu müsste es schon zu einem Unsicherheitsschock kommen, etwa zu einem Nuklearkrieg auf der koreanischen Halbinsel", sagt der Chefökonom der Commerzbank. "Aber so etwas lässt sich nicht prognostizieren."

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