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Die künftige Chefökonomin der Weltbank sagt zur Corona-Krise: «Dieses Mal ist wirklich alles anders»

Neue Zürcher Zeitung-Logo Neue Zürcher Zeitung 25.05.2020 Thomas Fuster

Carmen Reinhart soll Chefökonomin der Weltbank werden. In ihrem Bestseller «This Time is Different» warnt sie vor dem Irrglauben, die Regeln der Vergangenheit hätten ihre Gültigkeit verloren. Doch bei der Corona-Krise sieht sie für einmal völlig neue Kräfte am Werk.

Carmen Reinhart sieht schwarz für die Zukunft der Globalisierung. ; Jean-Christophe Bott / Keystone © Bereitgestellt von Neue Zürcher Zeitung Carmen Reinhart sieht schwarz für die Zukunft der Globalisierung. ; Jean-Christophe Bott / Keystone

Es ist einer der prestigeträchtigsten Posten für Ökonomen. Nicht ohne Grund finden sich unter den bisherigen Stelleninhabern auch einige Nobelpreisträger. Dennoch hat die Funktion des Chefökonomen – oder der Chefökonomin – der Weltbank jüngst für negative Schlagzeilen gesorgt. So trat Paul Romer im Januar 2018 nach nur gerade fünfzehn Monaten wieder vom Posten zurück, zumal er sich mit der Hierarchie und der Bürokratie der Weltbank sehr schwer getan hatte. Und auch seine Nachfolgerin Penny Goldberg hielt es nur fünfzehn Monaten im Amt aus; Beobachter begründeten ihre Demission mit einer umstrittenen Studie, welche die Entwicklungshilfe – und somit auch die Weltbank – in eher unrühmlichem Licht erscheinen liess.

Eine originelle Forscherin

Innerhalb von drei Jahren kommt es somit schon zur dritten Neubesetzung. Die Frau, von der man sich etwas mehr Durchhaltewillen und eine erfolgreichere Hinterlassenschaft erhofft, heisst Carmen Reinhart. Die Harvard-Professorin zählt weltweit zu den prominentesten und einflussreichsten Vertreterinnen ihrer Zunft. Niemand zweifelt daran, dass sie über das akademische und persönliche Format für die Position verfügt. Geboren 1955 in Kuba, zog sie im Alter von zehn Jahren zusammen mit ihrer Familie in die USA. Ihre steile Karriere führte sie nicht nur zum Internationalen Währungsfonds. Sie lernte auch die Welt der Privatwirtschaft kennen, unter anderem als Chefökonomin der Investmentbank Bear Stearns.

Vor allem aber machte sich Reinhart einen Namen als originelle Forscherin. Ihre akademischen Steckenpferde sind vor allem Finanzkrisen und die Globalisierung. Das einer breiten Öffentlichkeit bekannte Zeugnis solcher Arbeit ist der 2009 zusammen mit Kenneth Rogoff veröffentlichte Bestseller «This Time is Different». In diesem Wälzer analysieren die beiden Autoren die grossen Finanzkrisen der vergangenen acht Jahrhunderte. Und sie zeigen, wie geschichtslos und naiv man im Verlauf der Geschichte oft in die stets gleichen Krisen schlitterte. Konstant blieb bei diesen Abstürzen bloss der Irrglaube, man sei klüger als in der Vergangenheit und die alten Regeln der Ökonomie hätten ihre Gültigkeit verloren, weshalb dieses Mal alles ganz anders sei.

Für ein Schuldenmoratorium

Da liegt die Frage nahe: Folgt auch die mit dem Coronavirus verbundene Wirtschaftskrise den alten Regeln? Tappen wir erneut in die Falle, fälschlicherweise von einer historischen Einmaligkeit auszugehen? Nein, meint Reinhart. Wie sie in den vergangenen Wochen in verschiedenen Artikeln dargelegt hat, sei dieses Mal wirklich alles anders. Historisch einmalig sei vor allem die politische Reaktion auf die Krise, also der Lock­down ganzer Volkswirtschaften, die Einschränkung der Reisefreiheit oder das Verbot öffentlicher Veranstaltungen. So etwas habe es bei früheren Pandemien – etwa der Spanischen Grippe – nicht gegeben. Auch die Geschwindigkeit des Absturzes sei mit früheren Wirtschaftskrisen kaum vergleichbar.

Die Corona-Krise wird in absehbarer Zukunft auch die Arbeit der Weltbank prä­gen. Reinhart weiss aufgrund ihrer Arbeit, dass Krisen der Realwirtschaft über einen Anstieg der Verschuldung rasch zu Finanzkrisen mutieren können. Viele Schwellenländer scheinen dabei besonders verletzlich, da sie nicht nur unter der Pandemie, sondern auch unter dem Abfluss ausländischer Gelder und dem Einbruch der Erdöl­preise leiden. Reinhart macht sich deshalb stark für ein Schuldenmoratorium gegenüber den ärmsten Staaten, in denen der Schuldendienst oft mehr als 10% der Staatseinnahmen ausmacht. Das Geld müsse nun dorthin fliessen, wo es dringlichst benötigt werde, fordert sie, etwa in den Gesundheitssektor oder die Nahrungsmittelversorgung.

Sargnagel der Globalisierung

Die Zukunft der Globalisierung malt Reinhart in düsteren Farben. In einem Interview mit der «Harvard Gazette» bezeichnet sie die Corona-Krise als letzten Sargnagel der Globalisierung. Der erste Na­gel sei in der Euro-Krise eingeschlagen worden. Da­nn kam der Brexit, danach der Handels­streit der USA mit China und schliesslich die Corona-Pandemie. Vielerorts sei die Wirtschaftspolitik binnenorientierter geworden, der Protektionismus habe zugenommen. Dies sei für Entwicklungsländer besonders nachteilig. Denn die Globalisierung habe zwar Schwächen und liefere längst nicht alles, was man sich von ihr erhofft habe. Sie habe aber zumindest dazu beigetragen, die Ungleichheit zwischen den Industrie- und den Schwellenländern abzubauen.

Reinhart wird ihren neuen Posten am 15. Juni antreten. Ihr vertieftes Wissen zu Finanzkrisen und Fragen der Verschuldung dürfte bei ihrem neuen Arbeitgeber besonders gefragt sein. Ob sie mit diesem Fokus auch die Forschungsarbeit der Weltbank wird prägen können, bleibt abzuwarten. Es ist ein offenes Geheimnis, dass die Ökonomen der Weltbank ein ausgeprägtes Eigenleben führen und sich nur schwer führen lassen. Bereits Paul Romer, der von seinen Mitarbeitern besser lesbare Studien mit klarerer Aussage forderte, biss sich am Widerstand seiner Abteilung die Zähne aus. Und auch Goldberg scheint die Beharrungskräfte – und allenfalls die Eitelkeit – der Washingtoner Institution unterschätzt zu haben. Reinhart ist somit gewarnt.

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