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Miese Ernte: Treibt die Dürre die Lebensmittelpreise in die Höhe?

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Manchmal braucht es Abstand, um das große Ganze zu erfassen. Astronaut Alexander Gerst hat von der Raumstation ISS aus diese weite Perspektive. „Konnte eben die ersten Bilder von Mitteleuropa und Deutschland bei Tag machen, nach mehreren Wochen von Nacht-Überflügen“, twitterte Gerst am Dienstag. Und weiter: „Schockierender Anblick. Alles vertrocknet und braun, was eigentlich grün sein sollte.“

Das Dürre-Drama, das sich zurzeit in der Europäischen Union, der Ukraine und Russland abspielt, hat auch aus dem All betrachtet gewaltige Ausmaße. Es trifft die weltgrößten Produzenten und Exporteure von Weizen. Für Deutschland hat der Bauernverband (DBV) längst Alarm geschlagen und erwartet die niedrigste Ernte dieses Jahrhunderts. Ein Drittel weniger Roggen, Weizen und Raps als im Zeitraum 2013 bis 2017, prognostiziert der DBV für die aktuelle Erntesaison.

Keine Preissprünge durch Dürre

Treibt das sich abzeichnende knappere Angebot auf dem Weltmarkt nun die Preise in ungeahnte Höhen? Verteuert sich das täglich Brot? Aktuell jedenfalls nicht.

Auch frühere Dürren hätten nicht unmittelbar zu Preissprüngen bei den Konsumentenpreisen geführt, erläutert Stefan Schneider, Chefökonom für Deutschland der Deutschen Bank und Autor einer aktuellen Studie zu den Folgen der Trockenheit. An den Spotmärkten beispielsweise in Hamburg bewegt sich der Getreidepreis aktuell denn auch kaum. „Da wird auch noch die Ernte der vergangenen Saison gehandelt.“

Global fallende Preise

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Der Index der UN-Agrarorganisation FAO für Juli weist sogar global fallende Preise aus. Das hat auch mit den weltweiten Lagerbeständen zu tun - die sind laut FAO aktuell auf einem historischen Hoch. Rund 237 Millionen Tonnen Getreide, etwa ein Drittel der weltweiten Jahresproduktion, liegen zurzeit auf Halde - und entspannen damit die Märkte im kurzfristigen Geschäft

Ganz anders bei den Kontrakten für die Zukunft – da steigt der Preis für Getreide zurzeit kräftig. An der Chicagoer Börse, dem weltgrößten Handelsplatz für Korn, legte der Preis für Weizen-Futures zur Lieferung im Dezember seit Juni um ein Fünftel zu. Gewaltig auch der Sprung an der Pariser Terminbörse Matif. Dort kostete eine Tonne Weizen zur Lieferung Ende des Jahres am gestrigen Mittwoch 216 Euro. Im Dezember waren es noch weniger als 160 Euro.

Potenzial nach oben

Angesichts der steigenden Preise an den Terminbörsen raten Agrarexperten den Landwirten schon, sie sollten mit dem Verkauf der Weizenernte noch abwarten, falls sie keine liquiden Mittel benötigten. Denn es gebe noch weiteres Potenzial nach oben.

Ökonom Schneider vermutet hinter den gewaltigen Aufschlägen auch „spekulative Momente“. Angesichts der derzeitig niedrigen Renditeaussichten an den Kapitalmärkten könnten Agrarrohstoffe für einige Investoren wieder interessanter werden. „Es könnte damit leicht zu massivem Herdenverhalten kommen, welches die Preisbewegungen beschleunigen könnte“.

Man dürfe die Preissignale solcher Future-Kontrakte nicht überinterpretieren, warnt Schneider. „Ihre Prognosefähigkeit für die tatsächliche Entwicklung in der Zukunft ist sehr begrenzt.“

Bauern machen Minus

Gleichwohl hält die Deutsche Bank die offiziellen Annahmen zu den globalen Ernteeinbußen noch für zu optimistisch. Während die FAO mit einem Minus von 2,7 rechnet, geht das Geldhaus davon aus, dass die Bauern weltweit 3,5 Prozent weniger einfahren. Auch die Schätzung der EU, die von einer um 2,4 Prozent schrumpfenden Getreideproduktion ausgeht, ist nach Ansicht der Deutschen Bank nicht haltbar.

Wird sich das am Ende in den Lebensmittelpreisen niederschlagen? Ökonomin Katrin Knauf vom Hamburgischen Weltwirtschaftsinstitut (HWWI) erwartet jedenfalls steigende Getreidepreise für die kommenden Monate. Der Rohstoffpreisindex des HWWI verzeichnet schon seit Anfang des Jahres bei Getreide anziehende Preise. „Da spielten schon die schlechten Nachrichten über ungünstige Bedingungen bei der Aussaat eine Rolle.“ Anziehende Lebensmittelpreise hält auch die Deutsche Bank für sehr wahrscheinlich.

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Miese Erntesaison dürfte nicht zu spüren sein

Die allgemeine Teuerung hierzulande wird das aber nicht in ungeahnte Höhen treiben. Würden die Lebensmittelpreise beispielsweise um kräftige sechs Prozent zulegen, schlüge sich das nach Berechnungen der Deutschen Bank nur in einer 0,4 Prozent höheren Inflationsrate nieder.

An der Bäckereitheke, da sind sich die Experten einig, dürfte die miese Erntesaison künftig nicht zu spüren sein. Der Wertanteil des Getreides bei Brot liegt im niedrigen einstelligen Prozentbereich. Viel entscheidender für den Preis sind Löhne, Verpackung und Transport.

Globale Hoffnung

Und global gesehen bleibt immer noch die Hoffnung, dass die Ernte auf der Südhalbkugel besser ausfallen wird. Andere Länder könnten dann mit Exporten in die Bresche springen, wenn große europäische Produzenten ihre Ausfuhren reduzieren, um zuerst die Binnennachfrage zu befriedigen. Die Ukraine, hieß es vergangene Woche, wolle für Weizen gar einen Exportstopp verhängen. Eine Meldung, die rasch dementiert wurde, aber dafür sorgte, dass der Preis für eine Tonne Weizen in Paris kurzfristig auf über 220 Euro hochschnellte.

Von globalen Versorgungsengpässen, die noch längst nicht in Sicht sind, wären vor allem nordafrikanische Staaten betroffen, die stark von Getreideimporten abhängig sind. Berechnungen, was das für die Menschen zur Folge hätte, sind nicht ganz einfach. Ökonomen des Mercator Research Institutes on Global Commons and Climate Change gehen davon aus, dass 55 Millionen Arme in zahlreichen Staaten von empfindlichen Preisaufschlägen betroffen wären, sollten die weltweiten Exporte von Getreide um zehn Prozent schrumpfen. Die Staaten müssen dann einen erheblich größeren Anteil ihres Volkseinkommens aufwenden, „um die Menschen ernähren zu können“, sagt HWWI-Ökonomin Knauf.

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