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Schlechte Noten für das Schweizer BVG-System

Neue Zürcher Zeitung-Logo Neue Zürcher Zeitung 09.10.2019 Werner Enz

In einer Studie zeigt die Credit Suisse den wachsenden Reformbedarf in der betrieblichen Altersvorsorge auf. Der von den Sozialpartnern für die zweite Säule ausgehandelte Kompromiss würde die systemfremde Umverteilung noch verstärken.

 Die Vorschläge der Sozialpartner würden die Umverteilung von jung zu alt noch verstärken. (Bild: Adrian Baer / NZZ) © Bereitgestellt von Neue Zürcher Zeitung AG Die Vorschläge der Sozialpartner würden die Umverteilung von jung zu alt noch verstärken. (Bild: Adrian Baer / NZZ)

Die Schweizer tun sich schwer damit, zukünftige Rentenleistungen nachhaltig zu finanzieren, ohne nachrückende Generationen über Gebühr zu belasten. In diesem Zusammenhang ruft die Credit Suisse (CS) die wachsende Finanzlücke und die seit längerem bekannten Möglichkeiten zur Entschärfung der Lage in Erinnerung. Dabei spart sie nicht mit Kritik, weil bei der laufenden Debatte dem Erhalt des Leistungsniveaus gleichsam ohne Rücksicht auf Verluste alles untergeordnet wird.

Leistungen als heilige Kuh

Die Experten der Credit Suisse zeigen auf, dass der «Sozialpartnerkompromiss» (von Arbeitgeberverband, Travailsuisse und Gewerkschaftsbund) nicht nur sehr teuer ist (vgl. Diagramm), sondern die in Erscheinung getretenen Probleme nicht wirklich lösen wird. So wird die Absenkung des Mindestrentenumwandlungssatzes von 6,8 auf 6,0% mit einer neuen, zeitlich nicht limitierten Zwangsabgabe in Form eines um 0,5 Prozentpunkte erhöhten Lohnabzugs erkauft. Das habe zur Folge, dass die ohnehin hohen Lohnkosten in der Schweiz weiter verteuert würden. Zudem würden die Abgaben bei einem fixen Rentenalter 65 laufend weiter steigen, weil die durchschnittliche Lebenserwartung noch zunehmen werde.

Abgesehen von den schweren Finanzlasten, werde die unerwünschte Umverteilung von Aktiven zu Rentnern noch verstärkt. Ein dickes Fragezeichen wird von den Bankspezialisten im Besonderen hinter die Idee der Sozialpartner gesetzt, fünfzehn Neurentnerjahrgängen als Kompensation für den tieferen Umwandlungssatz pauschal monatliche Rentenzuschläge von 100, 150 oder 200 Fr. auszuzahlen; die Staffelung würde in drei Fünfjahresschritten erfolgen, wobei die Beiträge unabhängig vom Einkommen und in alle Zukunft fliessen sollen. Das dürfte sehr teuer werden, auch weil der Bundesrat gemäss dem «Sozialpartnerkompromiss» im 16. Jahr nach der Umsetzung der Reform dereinst entscheiden soll, welche Rentenzuschläge in Zukunft gelten sollen. Wer glaubt daran, dass er diese dereinst integral abschaffen würde?

Mehrere Experten, unter ihnen Prof. Monika Bütler, haben auf den Unsinn dieser Umverteilungsübung hingewiesen. So würden etwa angehende Rentner, die in ihrer Pensionskasse als Kompensation für einen tieferen Umwandlungssatz bereits ein höheres Altersguthaben gutgeschrieben erhalten haben, gleichsam doppelt prämiert. Und auch da würde gemäss dem Motto «Nach uns die Sintflut» verfahren. Der Leistungsausbau mit den monatlichen Checks zwischen 100 und 200 Fr. ginge auf jeden Fall stark über jenen 70-Franken-Check hinaus, an dem die «Altersvorsorge 2020» von Sozialminister Alain Berset an der Urne vor zwei Jahren massgeblich scheiterte. Die Credit Suisse stellt fest, der zielführendste Ansatz liege darin, eine baldige und schrittweise Erhöhung des Rentenalters zu beschliessen.

Länger arbeiten ist nötig

In einer Rückblende und anhand einer Rechnung für vier Generationen von Lehrern wird zudem aufgezeigt, dass es wegen der Alterung der Gesellschaft, aber auch wegen sinkender Zinsen immer schwieriger wird, sich für ein fixes Rentenalter 65 eine einträgliche Rente anzusparen. Eine erste Generation, die 1970 ins Erwerbsleben eintrat und 2010 pensioniert wurde, erreichte dank günstigen Anlagerenditen unter Einrechnung der AHV etwa 57% des letztbezahlten Monatslohns. Es ist nicht in die Verfassung geschrieben, doch wird allgemein eine Ersatzquote von 60% vorausgesetzt, um als Rentner «die gewohnte Lebensweise fortführen» zu können.

Im Jahr 2010 galt in der Schweiz gemäss Swisscanto noch ein Umwandlungssatz von durchschnittlich 6,74%. Ein Lehrer, der 2025 in Rente gehen wird, darf laut der CS-Simulationsrechnung noch mit einer Ersatzquote von 46% rechnen; für Lehrer, die 2040 und 2061 in Rente gehen werden, werden stabil 45% hergeleitet – aber vielleicht wird es dereinst dann ganz anders kommen. Man kann nicht genug betonen, dass in der Realität die Leistungsunterschiede enorm sein können, weil jeder Arbeitgeber und jede Pensionskasse unterschiedlich agieren sowie Entscheidendes von der Ergiebigkeit der Kapitalmärkte abhängt.

Kampf gegen die Windmühlen

Für tiefere Einkommen falle die Absenkung der Rentenleistung mit 5 bis 8 Prozentpunkten bis ins Rentenjahr 2025 weniger stark aus, weil der auch in Zukunft übersetzte gesetzliche Mindestrentenumwandlungssatz stabilisierend wirke. Marktkonform sind inzwischen bekanntlich Umwandlungssätze von 5% oder etwas weniger; hierbei wird mit einer weiter steigenden Lebenserwartung und einer jährlichen Anlagerendite von 2% kalkuliert, was wegen der Negativzinsen eher hoch gegriffen scheint. Aus diesem Blickwinkel betrachtet, ist es schon etwas seltsam, eine Absenkung des Umwandlungssatzes von 6,8 auf 6% mit einem über Zwangsabgaben finanzierten Paket von wiederkehrend 2,7 Mrd. Fr. erkaufen zu wollen.

Die Politiker laufen Gefahr, den letzten Wagen des abgefahrenen Zugs aus den Augen zu verlieren. Es verhält sich ja so, dass die Pensionskassen im Schnitt 2018 bereits einen Umwandlungssatz von 5,7% verwendeten, indem im überobligatorischen BVG-Teil starke Absenkungen erfolgten. Da kommen Reformvorschläge mit einem Satz von 6,0% etwas gar spät auf den Tisch. Mit dem Vorschlag 5,8% beweist der Schweizerische Pensionskassenverband Asip etwas mehr Realitätssinn.

Die Experten der Credit Suisse ziehen aus alldem die Schlussfolgerung, dass eine Erhöhung des Rentenalters unausweichlich ist. Auch früher mit dem BVG-Sparen zu beginnen und die Säule 3a könnten etwas bringen, doch falle der Effekt von BVG-Sparbeiträgen ab dem 20. statt dem 25. Altersjahr auf die Ersatzquote mit rund 2 Prozentpunkten nicht so stark ins Gewicht. Viel wirksamer wäre es, wenn zwei Jahre länger gearbeitet würde, vor allem auch, um nicht von der näherkommenden Pensionierungswelle der Babyboomer überrollt zu werden.

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