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Spotify legt seine Zahlen offen: Das waren die beliebtesten Künstler, Songs und Alben des Jahres – und wie solche Rankings die Musikbranche verändern

Neue Zürcher Zeitung-Logo Neue Zürcher Zeitung 04.12.2021 Melchior Poppe

Bei den Streamingdiensten von Spotify, Apple oder Youtube bestimmen die Hörer, wer das Ranking eines Jahres dominiert. Spotify hat nun die Gewinner für 2021 verraten. Doch was heisst das für die Branche – und für prestigeträchtige Preise wie die Grammy Awards?

Bad Bunny am 21. November 2021 bei einem Auftritt bei den jährlichen American Music Awards in Los Angeles. ; Mario Anzuoni / Reuters © Bereitgestellt von Neue Zürcher Zeitung Bad Bunny am 21. November 2021 bei einem Auftritt bei den jährlichen American Music Awards in Los Angeles. ; Mario Anzuoni / Reuters

Das zweite Jahr in Folge ist der puerto-ricanische Reggaeton-Star Bad Bunny der meistgestreamte Künstler im Spotify-Universum: Er habe 2021 mehr als 9,1 Milliarden Streams erhalten, teilt der Streamingdienst mit. Umso bemerkenswerter ist dies, als Bad Bunny dieses Jahr gar kein neues Album veröffentlichte. Ihm folgt auf Platz zwei des Spotify-Rankings Taylor Swift.

Der weltweit meistgespielte Song des Jahres 2021 ist Olivia Rodrigos «Drivers License», der mehr als 1,1 Milliarden Streams erreichte. Der Titel «Good 4 U» schaffte es zudem auf den vierten Platz der meistgespielten Lieder 2021 und wurde von Spotify zum «Song of the Summer 2021» gekürt. Rodrigo ist die Newcomerin des Jahres, denn sie beansprucht auch bei den Top-Alben des Jahres 2021 mit ihrem Debütwerk «Sour» den Thron.

Einen Überblick mit den Gewinnern weiterer Kategorien finden Sie unter dem Text.

Hörer bestimmen bei Spotify, Apple und Youtube, wer gewinnt

Spotify Wrapped wurde im Jahr 2015 eingeführt, damals unter dem Namen «The Year in Music». Schon 2016 wurde es in Spotify Wrapped umbenannt. Das Tool analysiert die Daten aller Spotify-Hörer und liefert am Jahresende eine Zusammenfassung der meistgehörten Songs und Künstler. Laut Spotify werden dafür alle Streams gezählt, die zwischen dem 1. Januar und dem 27. November gespielt wurden. Einzige Voraussetzung ist, dass ein Lied mindestens 30 Sekunden lang gespielt wurde.

Ähnliche Analysen gibt es von Apple Music («Apple Review»), Youtube oder Youtube Music. Ihr datengesteuerter Ansatz stellt eine transparente Grundlage für die Anerkennung von Musikkünstlern dar, denn sie bilden die nackten Zahlen ab. Es bedeutet auch, dass die Hörer bestimmen, wer gewinnt: Die Fans geben den Takt vor, was sehr viel besser zum Zeitalter der sozialen Netzwerke passt als so manches Relikt aus dem analogen Zeitalter der Musikindustrie.

Olivia Rodrigo im September 2021 bei einem Auftritt im Metropolitan Museum of Art in New York City. Andrew Kelly / Reuters © Bereitgestellt von Neue Zürcher Zeitung Olivia Rodrigo im September 2021 bei einem Auftritt im Metropolitan Museum of Art in New York City. Andrew Kelly / Reuters

Streamingdienste laufen Grammy Awards den Rang ab

Die nach wie vor prestigeträchtigen Grammy Awards etwa werden nach dem Urteil einer Jury verliehen. Diese Jury besteht zwar aus Experten, dennoch lässt sich über Geschmack bekanntlich immer streiten. Und so büssen die Awards jedes Jahr an Interesse der Öffentlichkeit ein. Ironischerweise mussten sich die Grammy Awards in der Vergangenheit immer wieder den Vorwurf anhören, dass auch sie die Zahlen zu stark berücksichtigen und ihre Preise gemäss den Verkaufszahlen verleihen würden.

Diese Kritik beruht jedoch auch darauf, dass die Jury dabei manche Künstler nicht berücksichtigte oder gar von vornherein ausschloss – trotz ihrem offensichtlichen Erfolg. So hatte der Künstler The Weeknd im vergangenen Jahr zum Boykott der Grammys aufgerufen, als die Akademie ihn trotz dem Erfolg seines Albums «After Hours» von den Nominierungen für 2021 ausschloss. Das hatte Folgen: Die Grammys 2021, die am 14. März ausgestrahlt wurden, mussten bei den Einschaltquoten weitere Verluste hinnehmen und verzeichneten die niedrigsten Werte aller Zeiten. Gegenüber dem Vorjahr sanken die Zuschauerzahlen sogar um 53 Prozent.

Das ist bei den digitalen Angeboten so nicht möglich: Wer es als Künstler einmal in die Playlists von Spotify, Apple Music oder Googles Youtube Music geschafft hat, hat damit auch die Chance, am Jahresende in den Rankings zu erscheinen. Hinzu kommt, dass der zahlenbasierte Ansatz viel mehr Gewinner ermöglicht, als dies bei einer einmaligen Preisverleihung im analogen Schema der Fall wäre. So lassen sich Zahlen in eine Vielzahl von Genres aufteilen und Tabellen gemäss unterschiedlichsten Kategorien filtern, bis hin zu den individuellen Zahlen für jeden Einzelkünstler.

Die Perspektive lässt sich sogar komplett umkehren: Jeder Nutzer der Streamingdienste kann seine eigenen Hits des Jahres einsehen, also die Songs und Videos, die er im Verlauf des Jahres am meisten gehört hat. Und diese natürlich auch gleich in den sozialen Netzwerken öffentlich machen: So wird der Fan selbst zum «Star».

Mainstream-Musik wird zum Einheitsbrei – doch es gibt Alternativen

Die Kehrseite dieser Entwicklung ist allerdings, dass die Experten aus einer Jury, die die Qualität einer Aufnahme anhand ihrer Erfahrung und ihrer Kenntnisse womöglich besser einschätzen und in ihrer Preisverleihung berücksichtigen können, die Anerkennung und damit die Entwicklung des Marktes nun weniger beeinflussen. Durch die reine Ausrichtung auf den kommerziellen Erfolg wird die Mainstream-Musik immer einfacher, vorhersagbarer und langweiliger.

Nicht umsonst zählen Interpreten, die bereits vor Jahrzehnten Erfolge feierten, mit ihren Evergreens regelmässig zu den Top-Hits und Top-Bands eines Jahres. Sie sind, mit anderen Worten, auch in den digitalen Angeboten die eigentlichen Gewinner, während es Nachwuchs, der musikalisch mehr von seinen Zuhörern verlangt, zunehmend schwer hat, überhaupt wahrgenommen zu werden.

Die gute Nachricht ist: Auch für Fans, die Wert auf musikalisches Niveau legen, bieten die neuen Plattformen eine Lösung. Der Youtuber Rick Beato etwa, ein Profimusiker und ehemaliger Produzent aus Amerika, analysiert in regelmässigen Abständen vor einem Millionenpublikum solche Klassiker, aber auch die aktuellen Top-Hits der Charts. Er gibt dabei Anekdoten preis, die sonst wohl für immer hinter den Kulissen der Musikindustrie geblieben wären.

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