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Was die Salzburger Festspiele mit der Schweiz verbindet

Handelszeitung-Logo Handelszeitung vor 4 Tagen Michael Hotz

Eine Schweizerin an der Spitze und umstrittene Gelder aus Zug mit Verknüpfungen nach Russland: Was die Festspiele in Salzburg umtreibt.

Die Salzburger Festspiele haben am Montag begonnen. Es ist ein Highlight des kulturellen Sommers, normalerweise ein Stelldichein der Wirtschaftsprominenz. Zu den bekanntesten Förderern zählt Peter Brabeck-Letmathe, einst Konzernlenker bei Nestlé. Ein glühender Unterstützer der Festspiele ist auch Franz Humer, über Jahre Taktgeber bei der Basler Roche.

Die Festspiele stehen in diesem Jahr im Zeichen von Dante Alighieri und seiner «Divina Commedia», der «Göttlichen Komödie», einem Klassiker der italienischen Literatur, der durch die Hölle ins Fegefeuer und schliesslich ins Paradies führt. Der ewige Dante ist Referenzpunkt der 174 Aufführungen, die Teil des Festspiele-Programms sind.

Die Hölle ist im Vorfeld nicht gerade über die Salzburger Festspiele hereingebrochen. Aber Opfer musste der Kulturanlass in der Heimat Mozarts erbringen – nämlich solche finanzieller Natur. Und wieder führen die Spuren in die Schweiz, gleich doppelt sogar. Die Schweizerin Kristina Hammer ist mittlerweile Präsidentin der Festspiele. Und sie war es, die vor wenigen Wochen verkünden musste, dass die Sponsoring-Partnerschaft mit dem Zuger Bergbauunternehmen Solway Group «im gegenseitigen Einvernehmen» und «mit sofortiger Wirkung» aufgelöst wurde.

Geld aus Zug

Der Konzern aus der Innerschweiz geriet im Frühjahr in die Kritik. Das internationale Investigativjournalismus-Netzwerk «Forbidden Stories» veröffentlichte eine Recherche zu einer Nickelmine in Guatemala und warf Solway mutmassliche Umweltschäden, Menschenrechtsverletzungen, Bestechung, Vertuschung, Einschüchterung und Verfolgung kritischer Journalistinnen und Journalisten vor.

Zudem wurden – und werden – dem Unternehmen enge Verbindungen zum Kreml nachgesagt. Der Schweizer Konzern gehört dem russischen Milliardär Aleksandr Bronstein.

imago/Manfred Siebinger / © Bereitgestellt von Handelszeitung imago/Manfred Siebinger /

Solway wies alle Vorwürfe zurück und liess die Geschäftstätigkeiten der guatemaltekischen Tochtergesellschaft untersuchen. Das Ergebnis wollten die Zuger eigentlich bis Ende Juni vorlegen. Doch der Konzern hat den Termin nicht eingehalten. Die Vorwürfe stehen deshalb immer noch im Raum. Festspiel-Chefin Hammer hat die Reissleine gezogen.

Salzburger Festspiele sind stark von Sponsoren abhängig

Solway unterstützte die Festspiele seit 2017. Laut Medienberichten sprachen die Zuger rund 150’000 Euro pro Jahr. Zum Vergleich: Das Gesamtbudget für die Saison 2022 beträgt 66,7 Millionen Euro. Der Staat steuert 18 Millionen bei, die restlichen 63 Prozent des Budgets müssen die Festspiele aus Ticketerlösen, Merchandising, Vermietungen und Sponsoring erwirtschaften.

Den Sponsoren kommt dabei eine Schlüsselrolle zu. Bis 2019 war Nestlé Hauptsponsor – ein Erbe von Brabeck-Letmathe. Danach folgte der Logistikmilliardär Klaus-Michael Kühne, aber auch der Schweizer Luxusuhrenproduzent Rolex ist mit an Bord. 

Erst letztes Jahr verlängerten Kühne und die Festspiele das Engagement bis 2024. 1 Million Euro pro Jahr soll der Mehrheitsaktionär der im Kanton Schwyz beheimateten Spedition Kühne + Nagel nach Salzburg entrichten. 

Achtung vor dem Woke-Kapitalismus

Weil die Festspiele in Salzburg stark von Sponsorengeldern abhängig sind, ist jede Beziehung wichtig und muss gepflegt werden. Darum kommt der Präsidentin, die erst seit Anfang Jahr im Amt ist, eine wichtige Moderationsrolle zu.

Die Krux mit der Moral

«The Business of Business is Business»: Das Geschäft der Unternehmen ist ihr Geschäft, war Milton Friedmans berühmter Leitspruch. Eine gesellschaftliche Verantwortung hat hier nichts verloren.

Um erfolgreich zu geschäften, müsste es laut Friedman ohnehin im Interesse der Unternehmen sein, ihre Stakeholder zufriedenzustellen. Darüber hinausgehende gesellschaftliche Ziele obliegen anderen Institutionen und der Politik. 

Aber der Leitspruch ist überholt. «The Business of Business» ist eben mehr als nur «Business». Es geht auch um Themen wie Umwelt (Ecology), gesellschaftliche Verantwortung (Social) und gute Unternehmensführung (Governance) – zusammengefasst mit ESG. Und das ist für Managerinnen und Manager ein schwer zu bewältigender Spagat. 

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Die Deutsche mit Schweizer Pass muss einerseits die Geldgeber, die gerne im Hintergrund bleiben, bei Laune halten. Und anderseits gilt es, den Kulturevent hinsichtlich der gestiegenen Ansprüche des Woke-Kapitalismus anzupassen.

Die Zeiten, in denen sich die europäische Hochkultur praktisch jedes Unternehmen als Sponsor leisten konnte, ohne dafür Kritik zu ernten, sind vorbei. In den sozialen Medien dreht die Empörung schnell auf volle Lautstärke und höchste Aufmerksamkeitsstufe. Ein Shitstorm – und der Ruf leidet über Jahre.

Kritik von Lukas Bärfuss

Zumindest eine kleine Empörungswelle trat der Schweizer Autor Lukas Bärfuss los. Er, als Co-Autor der Inszenierung des einstigen Skandalstücks «Reigen» von Arthur Schnitzler selbst auf der Salzburger Gehaltsliste, hielt sich im Solway-Fall nicht mit Kritik zurück.

Zusammen mit der Regisseurin Yana Ross schrieb der Georg-Büchner-Preisträger einen offenen Brief an die Festspielleitung. Die Festspiele sollen die bestehenden Sponsorenverträge transparent machen, so die Forderung. 

Als Kommunikationsprofi weiss Hammer um die Gefahr von negativen Schlagzeilen. Die Juristin – sie promovierte mit «summa cum laude» am Juridicum der Universität Wien zum Doktortitel der Rechtswissenschaften – und einstige Kommunikationsberaterin hat die Beziehung zum Zuger Bergbauunternehmen rechtzeitig gekappt. Transparenz aber sieht anders aus. Die Verträge sind nicht öffentlich einsehbar. 

Neu im Kulturbetrieb

In der Kulturbranche ist Hammer neu. Aber die Violine des Führungsorchesters klingt in Salzburg gleich wie an der Goldküste Zürichs. «Klare Grundsätze im Sponsoring und Fundraising sowie ein Code of Conduct sind selbstverständlich auch für uns von Bedeutung», sagte Hammer unlängst zum «Manager Magazin». 

Hilfe findet sie in Wien. Die österreichische Regierung arbeitet an einer Richtlinie für sauberes Geld. Künftig sollen staatlich mitfinanzierte Kulturbetriebe keine Sponsorings erhalten dürfen von Unternehmen, die in Verbindung mit Menschenrechtsverletzungen, systematischen Gesetzesbrüchen oder aktiven Kriegsbeteiligungen stehen.

Ein Ergebnis ist für kommenden Herbst vorgesehen. Und dürfte politisch heikel sein, denn die Kultur ist ein wichtiger Faktor der österreichischen Wirtschaft. Gemäss einer Studie der Wirtschaftskammer Salzburg schaffen allein die Salzburger Festspiele direkt und indirekt eine Wertschöpfung von 215 Millionen Euro. An den Staat fliessen jährlich rund 77 Millionen Euro an Steuern und Abgaben.

Festspiele-Intendant zieht mit

Die Novizin Hammer kann bei ihrem Versuch, einen differenzierten Kurs zu fahren, wenn es um Sponsoring durch zwielichtige Unternehmen geht, auf die Unterstützung eines starken Partners an ihrer Seite zählen: Markus Hinterhäuser, seit 2016 Intendant der Festspiele. Er ist Teil der Salzburger Schickeria, ist also bestens vernetzt.

Seine langjährige Lebenspartnerin Maria Wiesmüller gehört zur Eigentümerfamilie der Privatbank Spängler. Das älteste private Bankhaus in Österreich pflegt seit Jahrzehnten eine sehr vertrauensvolle Beziehung zu den Festspielen. Zudem war ihr Vater, Heinrich Wiesmüller, vier Jahre Präsident der Festspiele. 

SF / Peter Rigaud / © Bereitgestellt von Handelszeitung SF / Peter Rigaud /

Seine Macht spielt Hinterhäuser gern aus, um zu diktieren, wem die Festspiele wohlgesinnt sind und wem nicht. Die Sopranistin Anna Netrebko, bei früheren Auftritten vom Publikum stets gefeiert, ist diesen Sommer nicht dabei. Die gebürtige Russin mit österreichischem Pass distanzierte sich zuerst nur halbherzig und zögerlich vom russischen Angriffskrieg auf die Ukraine.

Eine ebenfalls Putin-nahe Person ist an den Festspielen hingegen zu sehen. Hintermüller persönlich hat den Auftritt von Teodor Currentzis mit seinem in St. Petersburg ansässigen Orchester MusicAeterna durchgedrückt. Der griechisch-russische Dirigent und seine Musiker werden von der kremlnahen Bank VTB gesponsert, die auf der europäischen Sanktionsliste steht.

Zum Festspielauftakt gab sich Hammer gegenüber der Deutschen Presse-Agentur zum Fall Currentzis diplomatisch: «Man sollte hier differenziert und mit Augenmass vorgehen.» Viele Menschen in Russland, darunter auch Künstler, seien gegen den Krieg. Kritik werde aber mit Gefängnis bestraft.

Und doch: Wenn sich die Festspiel-Chefin am 26. Juli in der Spielstätte Felsenreitschule die Oper «Herzog Blaubarts Burg» von Béla Bartók, gekoppelt mit «De temporum fine comoedia» von Carl Orff, anschaut und Currentzis bei der Arbeit zusieht, könnte sie gewahr werden, dass auch auf sie noch viel Arbeit zukommt, will sie die Verflechtungen zu Russland und dessen Gelder abbauen. 

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