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Wegen zweiter Corona-Welle: Jetzt ziehen die Schweizer Firmen die Schraube an

Neue Zürcher Zeitung-Logo Neue Zürcher Zeitung vor 4 Tagen André Müller, Giorgio V. Müller, Christoph Eisenring

Die steigenden Ansteckungszahlen lassen die Arbeitgeber umdisponieren: Gewisse führen eine Maskentragpflicht ein oder schicken wieder mehr Mitarbeiter ins Home-Office. Niemand will bloss auf neue Anweisungen des Bundes warten.

Die Masken finden vermehrt auch den Weg ins Büro. Christian Beutler / Keystone © Bereitgestellt von Neue Zürcher Zeitung Die Masken finden vermehrt auch den Weg ins Büro. Christian Beutler / Keystone

Die Corona-Fallzahlen steigen Tag für Tag stark an. Das bringt auch zahlreiche grosse Arbeitgeber dazu, ihre Corona-Hausregeln wieder zu verschärfen. Viele wählen dabei einen weniger einschneidenden Ansatz als im «soft lockdown» im März, als sie von einem Tag auf den anderen ihre komplette Belegschaft ins Home-Office geschickt haben. Stattdessen senkt man die Maximalbelegung für Büros und Standorte oder führt situativ eine Maskenpflicht ein.

Die Firmen reagieren generell eigenständiger als im März: Alle wollen die behördlichen Richtlinien einhalten, aber niemand wartet darauf. Weil die Rückkehr zu mehr Home-Office graduell und situationsgerechter erfolgt – und weil inzwischen alle Erfahrung damit gesammelt haben –, erwarten die Unternehmen keine Umstellungsprobleme. Bei den Grossbanken zum Beispiel arbeitet schon eine Mehrheit des Personals im Home-Office, so dass kein «Exodus» aus den Büros nötig ist.

Ein Ansteckungsherd unter vielen

Wie stark der Büroalltag zur Verbreitung des Coronavirus beiträgt, ist nicht ganz klar. Das Bundesamt für Gesundheit präsentierte Anfang August eine Auswertung von 793 Covid-19-Fällen, wonach sich 8,7% davon bei der Arbeit angesteckt haben. Der effektive Anteil könnte höher sein, da in 319 Fällen kein Ansteckungsweg ermittelt wurde. Das Robert-Koch-Institut hat gut 55 000 Fälle in Deutschland untersucht und kam zum Schluss, dass sich die meisten Personen im privaten Umfeld anstecken und Büros eher eine Nebenrolle spielen.

Unbestritten aber ist, dass geschlossene Räume, in denen sich mehrere Personen gleichzeitig, nahe beieinander und für längere Zeit aufhalten, ein hohes Ansteckungsrisiko bergen. In Büros herrscht ein solches Setting vor, wenn nicht ein Grossteil der Mitarbeiter von zu Hause aus arbeitet. Deshalb fordert auch die Corona-Task-Force des Bundes wieder dazu auf, ins Home-Office zurückzukehren.

Ein bunter Strauss von Massnahmen

Auffällig ist, dass Schutzmasken in den Covid-19-Konzepten der Firmen eine grössere Rolle spielen als noch im Frühling: Der Versicherer Zurich Schweiz führt auf die nächste Woche hin eine generelle Maskenpflicht an allen Standorten ein. Die 6100 Schweizer Mitarbeiter sind schon jetzt mehrheitlich zu Hause tätig, in den Büros darf höchstens ein Viertel der Kapazität genutzt werden.

Beim Versicherer Helvetia gilt ab Montag in der Kantine eine Maskenpflicht, aber in den übrigen Räumen nur dann, wenn der Mindestabstand nicht eingehalten werden kann. Geschäftsreisen ins Ausland, soweit sie noch stattfanden, werden gestoppt, auch im Inland sollen sie nach Möglichkeit vermieden werden. Die Büros dürfen neu zu maximal der Hälfte belegt sein, Mitarbeiter aus Risikogruppen sollen zu Hause bleiben.

Bei Zurich Schweiz und bei grösseren Standorten der UBS ist am Gebäudeeingang schon bisher die Temperatur von Mitarbeitern und Besucherinnen gemessen worden, wobei keinerlei Daten erfasst und gespeichert werden. Die Mitarbeiter schätzten es, dass sich das Unternehmen um ihre Gesundheit kümmere, heisst es seitens beider Arbeitgeber. Doch an dieser Massnahme scheiden sich die Geister: Bei Mobiliar und Helvetia etwa ist das Fiebermessen am Empfang kein Thema.

Contact-Tracing sicherstellen

Neben Banken und Versicherern unterhalten die Buchprüfungs- und Beratungsfirmen besonders viele Büroarbeitsplätze. Derzeit sind am Standort Zürich der KPMG von den 1450 Personen 40% am Platz, allerdings seit vergangener Woche mit abnehmender Tendenz. Wenn die Mitarbeitenden das Gebäude betreten, sollen sie eine Maske tragen. Dies gilt auch in den Liften und Treppenhäusern, also immer dort, wo die Distanz von 1 Meter 50 nicht garantiert ist. Sitzungszimmer und andere Räume sind mit einer Information versehen, die besagt, wie viele Personen maximal im Raum sein dürfen. Auf Wunsch gibt die Firma gratis Masken ab.

Alle Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen von KPMG loggen sich zudem täglich auf einer Webseite ein. Dort wird erfasst, ob sie beim Kunden, im Büro – und hier genau an welchem Arbeitsplatz – oder im Home-Office sind. Dies erleichtert im Fall einer Ansteckung das Contact-Tracing.

Beim Konkurrenten PwC arbeitet derzeit rund ein Drittel der schweizweit 3250 Mitarbeiter in den Büros. Wie schon in der ersten Welle müssen die PwC-Mitarbeiter zuerst im System einen Arbeitsplatz reservieren. In den Büros in Genf und Lausanne sowie für interne und externe Veranstaltungen und Trainings gilt zudem ab kommender Woche eine Maskenpflicht. Seit Donnerstag muss auch im Personalrestaurant in Zürich so lange ein Schutz getragen werden, bis die Personen sitzen und den Mindestabstand einhalten.

Raumlüftung wird optimiert

Der grösste Schweizer Energiekonzern Axpo hat am Freitag entschieden, eine generelle Maskentragpflicht in den Büros einzuführen. Rund 4300 der insgesamt gut 5000 Axpo-Mitarbeiter sind in der Schweiz tätig. Ab Montag würden am Eingang der Gebäude Masken für die Mitarbeiter zur Verfügung stehen. Das Lager sei entsprechend aufgestockt worden. Man zählt darauf, dass die Mitarbeiter Masken nicht für private Zwecke abzweigen. Falls erwünscht, könne die Maske auch mehrmals täglich gewechselt werden.

Ebenso ist die ausreichende Qualität der Büroluft ein wichtiges Thema. Die Raumlüftungen würden nun vermehrt in Betrieb sein, teilte Axpo mit. Die Klimaanlagen werden am Morgen früher eingeschaltet und am Abend länger laufen gelassen. Auch über das Wochenende sind sie künftig in Betrieb.

Im gesamten Axpo-Konzern gilt weiterhin die Empfehlung, wenn immer möglich von zu Hause aus zu arbeiten. Die physische Präsenz in Büros und Meetings sei aber erlaubt, wenn es aus «wichtigen Gründen» nicht anders gehe. Bis zu den Sommerferien kannte die Axpo-Tochter CKW eine Home-Office-Pflicht für diejenigen Mitarbeiter, die von zu Hause aus arbeiten können. Nach den Sommerferien seien wieder vermehrt Mitarbeiter in die Büros zurückgekehrt, heisst es. Erwartet wird allerdings, dass dieser Trend wegen der Maskentragpflicht wieder drehen wird.

Für immer Home-Office

Für die Servicetechniker des Aufzug- und Fahrtreppenherstellers Schindler ist Home-Office selbstredend keine Option. Sie müssen vor Ort bei Kunden ihre Arbeit verrichten. Sie werden deshalb schon länger mit Masken und Schutzbekleidung ausgerüstet. Die Erfahrungen mit der Pandemie Anfang Jahr in China hat Schindler einen zeitlichen Vorsprung verschafft in Bezug auf die Frage, wie man das Ansteckungsrisiko am besten reduziert. Am Hauptsitz in Ebikon (LU) gibt es bei Schindler indes noch keine Maskentragpflicht im Büro. Zu Anpassungen oder allfälligen Verschärfungen der Weisungen sei es in den vergangenen Wochen nicht gekommen, und es seien auch keine geplant.

Im Gegensatz dazu verfolgt Schindler in Sachen Home-Office eine grosszügige Strategie. Wer will und kann, darf ständig von zu Hause aus arbeiten. Die Mediensprecherin ist selbst von ihrer Wohnung in Zürich aus tätig und sucht ihr Büro im Luzerner Hauptsitz nur noch sporadisch auf. Der tägliche virtuelle Team-Call habe die gemeinsame Kaffeepause mit den Kollegen ersetzt, sagt sie.

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