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Wirtschaft aktuell

Wie die SBB-Präsidentin um die Vormacht im Fernverkehr kämpft

Tages-Anzeiger-Logo Tages-Anzeiger vor 4 Tagen Adrian Sulc
Wie die SBB-Präsidentin um die Vormacht im Fernverkehr kämpft © Bereitgestellt von Tagesanzeiger Wie die SBB-Präsidentin um die Vormacht im Fernverkehr kämpft

Die Bundesbahnen wollen der BLS ihre grossen Pläne für den Fernverkehr ausreden - und offerieren ihr dafür einen Kuhhandel.

Eigentlich ist es eine klassische Ausschreibung: Das Bundesamt für Verkehr vergibt Konzessionen für den Fernverkehr, die Bahnunternehmen können ihre Gesuche bis zum 9. September einreichen. Doch wie das Bundesamt entscheiden wird, ist völlig unklar. Deshalb versuchen sich die interessierten Bahnen bereits im Vorfeld zu einigen. Im Fall der Südostbahn hat das geklappt: Das Unternehmen hat auf eine eigene Konzession verzichtet und wird nun im Auftrag der SBB unter anderem über die alte Gotthardstrecke fahren.

Weniger einfach liegt der Fall bei der zweiten Bahn, die den SBB einige Fernverkehrslinien streitig machen will: Die BLS mit Sitz in Bern will deutlich mehr, als die SBB abzugeben bereit ist. Vor allem will die BLS eine eigene Konzession. Heute betreibt die BLS nur Regional­verkehrslinien. Diese sind unternehmerisch gesehen nicht besonders lukrativ, weil mit dem stark subventionierten Regionalverkehr kein Gewinn erzielt werden darf. Beim Fernverkehr (Intercity- und Interregio-Züge) ist dies anders.

Bereits im Februar sind die Verhandlungen unter Federführung des Bundesamts für Verkehr gescheitert, inzwischen wurden sie bilateral wieder aufgenommen. Die BLS will zwar auch künftig keine Intercity-Züge fahren, doch möchte sie verschiedene Interregio-­Linien übernehmen, welche ebenfalls zum Fernverkehr gezählt werden. Offenbar ist die BLS inzwischen bereit, auf die Interregio-Linien Bern–Zürich–St. Gallen/Romanshorn zu verzichten. Doch sie beharrt darauf, künftig von Bern aus nach Brig, Interlaken-Ost und Basel zu fahren.

Ein Brief von Ribar an Stämpfli

Die SBB haben der BLS ihrerseits Ende Juli einen anderen Lösungsvorschlag unterbreitet. SBB-Verwaltungsratspräsidentin Monika Ribar und Vizepräsident Peter Siegenthaler haben dem BLS-Präsidenten Rudolf Stämpfli einen längeren Brief geschrieben, von dessen Inhalt der «Bund» Kenntnis hat.

Zuerst zerrupfen die Absender die Pläne der BLS: Berechnungen der SBB hätten ergeben, dass die BLS die gewünschten Interregios nach Brig, Interlaken Ost und Basel nicht gewinnbringend betreiben könne. Die BLS würde jährlich Verluste von 10 bis 50 Millionen Franken hinnehmen müssen. Zudem müssten 550 Millionen Franken in neues Rollmaterial investiert werden, und es würden Umstellungskosten von 20 bis 40 Millionen Franken anfallen. Weiter müssten 300 bis 380 SBB-Angestellte zur BLS wechseln.

Video: CEO Bernard Guillelmon über die Ambitionen der BLS

Die SBB schalteten gestern Nachmittag ein Interview mit Toni Häne, Leiter Verkehr, im Intranet auf. Man sei zum Schluss gekommen, «dass alle Varianten mit eigener BLS-Konzession kaum zusätzlichen Kundennutzen generieren», wird dieser zitiert. «Dies darum, weil nationale Tarife, bestehende Fahrplankonzepte und vergleichbares Rollmaterial keine Differenzierung für die Kundinnen und Kunden und auch keinen Spielraum für echten Wettbewerb zulassen.» Die Aufteilung der Fernverkehrskonzession führe zu Doppelspurigkeiten und höheren Gesamtsystemkosten.

Die SBB schlagen der BLS vor, auf ihre Forderungen zu verzichten, und bieten im Gegenzug drei kürzere und weniger attraktive Interregio-Linien an: Bern–­Olten, Bern–Biel und Bern–La Chaux-de-Fonds. Die Züge müssten jedoch im «Co-Branding» fahren, das heisst mit Logo von BLS und SBB. Die SBB würden die BLS für den Betrieb entschädigen – mit einem Betrag, der maximal 2 Prozent über den Betriebskosten der SBB liegt.

Neubau soll überflüssig werden

Die SBB bieten der BLS zudem an, ihr die Regionalverkehrslinien von Biel nach La Chaux-de-Fonds, Moutier und Solothurn und von Neuenburg nach La Chaux-de-Fonds abzutreten. Und sie halten für die BLS ein weiteres Zückerchen bereit: Sie stellen die gemeinsame Nutzung einer Werkstatt zur Wartung der Züge in Aussicht. «Nach unserem heutigen Kenntnisstand könnte auf den umstrittenen Neubau der BLS-Werk­stätte Chliforst verzichtet werden», wird SBB-Kadermann Häne im SBB-­Intranet zitiert.

In der Tat stösst der dringend benötigte Bau der BLS in Bern-West bei den Anwohnern auf grossen Widerstand, weil dafür Wald gerodet werden müsste. Der Standort Chliforst ist bereits eine Ausweichlösung, denn zuerst wollte die BLS ein Landstück beim nahe gelegenen Bahnhof Riedbach überbauen, die Pläne wurden dann aber zurückgezogen.

SBB wollen BLS-Vorkaufsrecht

Doch gleichzeitig stellen die SBB eine pikante Bedingung: Teil einer Einigung wäre, dass der Kanton Bern den SBB ein Vorkaufsrecht für seine BLS-Aktien gewährt. Sollte der Kanton je ein Aktienpaket verkaufen wollen, könnten die SBB zuschlagen. Heute gehören 56 Prozent der BLS-Aktien dem Kanton Bern, 22 Prozent dem Bund, 7 Prozent anderen Kantonen und Gemeinden und der Rest Kleinaktionären.

Was die BLS vom Angebotspaket der SBB hält und ob sie die Berechnungen der Bundesbahnen für korrekt hält, bleibt offen. BLS-Sprecher Stefan Dauner schreibt:

«Wir befinden uns immer noch in den Gesprächen mit den SBB. Über die Verhandlungen haben wir gegenseitige Vertraulichkeit vereinbart, woran sich die BLS auch halten will.» Stefan Dauner

Anscheinend haben die SBB die Informationen über den Stand der Verhandlungen intern verbreitet, um die BLS unter Druck zu setzten. Die Berner Bahn hat den Brief der SBB noch nicht beantwortet und einen für den 2. August angesetzten Gesprächstermin platzen lassen. Offenbar soll kommenden Mittwoch zuerst der bernische Regierungsrat über das Thema Fernverkehrskonzession beraten.

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