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Zum Zocken ausgewandert

Tages-Anzeiger-Logo Tages-Anzeiger 02.10.2017 Rafaela Roth
Zum Zocken ausgewandert © Bereitgestellt von Tagesanzeiger Zum Zocken ausgewandert

Das Parlament will ausländische Onlinespieleanbieter sperren. Bevor das neue Gesetz in Kraft tritt, ist ein Pokerprofi bereits ausgewandert – und seine Steuern mit ihm.

Der junge Zürcher* spielt seit über zehn Jahren. Sein Arbeitstag beginnt, wenn die Schweiz sich schlafen legt: Acht Stunden Pokern, simultan in bis zu fünf Spielen, höchste Konzentration, bis zum Morgengrauen. Auf den einschlägigen Ranking-Sites schafft es der Profispieler wahlweise auf Platz 3 oder 5 der nationalen Rangliste, weltweit spielt er in einer Liga mit den 1000 erfolgreichsten Spielern. Der 29-Jährige hat bereits Millionen umgesetzt, doch Ein- und Ausgaben schwanken stark. Es kann vorkommen, dass der Zürcher monatelang nur verliert. Dennoch kommt er mit Pokern auf ein Jahreseinkommen von zwischen 100'000 und 120'000 Franken. Viel davon spendet er – dies ist gang und gäbe in der Pokerszene.

Schweizer Casinos profitieren

In der Schweiz wird der Profispieler seinem Job bald nicht mehr nachgehen können. Gestern Freitag haben National- und Ständerat sich in der Schluss­abstimmung mit 124 zu 61 beziehungsweise 43 zu 1 Stimmen für das neue Geldspielgesetz ausgesprochen. Es sieht unter anderem vor, die Websites aus­ländischer Spieleanbieter wie Pokerstars zu sperren. Im Gegenzug sollen die konzessionierten Schweizer Casinos neu Onlinespiele anbieten dürfen. Recht­fertigen tun das die Räte damit, dass Schweizer Anbieter sich im Gegensatz zu ausländischen an Auflagen halten müssen – zur Bekämpfung von Spielsucht oder Geldwäscherei beispielsweise. Ein grosser Teil der SVP-Nationalräte liess sich vom Parteikollegen Lukas Reimann überzeugen, gegen das Gesetz zu ­stimmen. Reimann pokert selber und wehrte sich an vorderster Front gegen die Sperren. Auch die Nationalräte der Grünen stimmten gegen das Gesetz:

Dem neuen Gesetz ging eine intensive Lobbying-Offensive der heimischen ­Casinos voraus. Die Schweizer Glücksspielhallen leiden seit langem unter dem Aufkommen von Onlinespielen und dem Konkurrenzdruck aus dem Ausland. Sie gaben in der Vorbereitung alles: Die Parlamentarische Frauengruppe wurde beispielsweise mit Unterstützung des Casinoverbands zum «Pokerabend unter Frauen» ins Grand Casino Bern ­geladen.

Kein Interesse an Casinospielen

Doch was sie haben, lassen sich die Schweizer Pokerspieler nicht so leicht nehmen. Für Spieler wie den 29-jährigen Zürcher sind die Games, die die Schweizer Casinos anbieten werden, nicht interessant.

«Der Markt ist zu klein, die Beträge zu tief, die Konkurrenz keine Herausforderung.»Pokerspieler aus Zürich

Er will sich weiterhin online mit den internationalen Spielern messen. Als die Zeichen in der Schweiz auf Internetsperren standen, hat er seinen Wohnort flugs ins nahe Ausland verlegt. Dort versteuert er sein Einkommen jetzt auch. Und er ist nicht der Einzige in der Szene. «Da ich sowieso regelmässig für Liveturniere von Las Vegas bis Barcelona reise, spielt es für mich keine Rolle, wo ich meinen festen Wohnsitz habe», sagt der Mann. Er sehe sich eher als «Global Citizen».

Grundsätzlich sei er gar nicht gegen das neue Gesetz: «Wenn es tatsächlich um Prävention und den Spielerschutz gehen würde», sagt der 29-Jährige. Jetzt sähe es aber danach aus, als wolle der Casinoverband einfach mehr Geld einnehmen, für Spielerschutz sei immer noch sehr wenig Geld vorgesehen. Seiner Meinung nach leidet der Poker ungleich mehr unter den Netzsperren als andere Onlinespiele wie Black Jack oder Roulette. «Im Poker gibt es seriöse Anbieter, die in anderen Ländern zugelassen sind und Steuern zahlen», sagt er. Bei diesen seriösen Anbietern werde es nicht einfach sein, die Sperren zu umgehen, bei den weniger seriösen werde es für den gewieften Onlinespieler ein Leichtes sein, die geplanten Internetschranken zu überwinden.

Wenig Zeit für Referendum

Die Jungparteien der FDP und der Grünen haben vorletzte Woche das Referendum gegen das neue Gesetz ergriffen. Inhalte zu sperren, damit einzelne Anbieter in der Schweiz profitierten, sei ein ­«liberaler Graus», sagte der Präsident der Jungfreisinnigen Andri Silberschmidt kürzlich dem «SonntagsBlick». Die Präsidentin der Jungen Grünen, ­Judith Schmutz, befürchtet, dass die Netzsperren umgangen und ein «Teil der Onlinespieler in die Illegalität abgedrängt» würden. «Es ist wichtig, dass das Thema im Rahmen einer Volksabstimmung diskutiert wird», sagt Silberschmidt. Sachlich spreche wenig für die Netzsperren. Auch ausländische Anbieter könnten seiner Meinung nach konzessioniert und in die Steuerpflicht genommen werden.

Ausserdem könnte man auch von ihrem Bruttospielerertrag einen Teil in die AHV fliessen lassen, wie es bei den Einnahmen der Schweizer Casinos der Fall ist. «Was man nun macht, ist, dass man die Schweiz digital abschottet und damit auf Steuereinnahmen wie auch Spielerprävention verzichtet», sagt Silberschmidt.

«Das Parlament beweist sich einmal mehr als Digitalisierungs-Analphabet.»Andri Silberschmidt, Präsident Jungfreisinnige

Er zeigt sich zuversichtlich, dass das Referendum zustande kommt. «Wir haben die Unterstützung der Netzcommunity», sagt er. Einfach sei es jedoch nicht. Weil Weihnachten dazwischen liegt, müssen die 50'000 Unterschriften innerhalb von nur zwei Monaten zusammenkommen.

Der Zürcher Pokerspieler wartet derweil ab. «Es gibt immer Möglichkeiten», sagt er. «Grundsätzlich würde ich aber lieber wieder in der Schweiz leben.»

* Name der Redaktion bekannt, einige Details zur Person geändert

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