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Coronavirus: Bitte Abstand halten! In diesen Situationen ist das Risiko einer Corona-Ansteckung am größten

stern-Logo stern vor 5 Tagen Ilona Kriesl
Wo Menschen auf engem Raum zusammenkommen und für längere Zeit Kontakt haben, kann sich das Virus gut verbreiten - eine Mund-Nasen-Bedeckung hält infektiöse Tröpfchen zurück © Getty Images/ArtistGNDphotography Wo Menschen auf engem Raum zusammenkommen und für längere Zeit Kontakt haben, kann sich das Virus gut verbreiten - eine Mund-Nasen-Bedeckung hält infektiöse Tröpfchen zurück

Tröpfchen, die beim Husten, Niesen und Sprechen entstehen, tragen das Coronavirus von Mensch zu Mensch. In welchen Situationen ist die Ansteckungsgefahr besonders groß? Eine Virologin hat die vorläufige Studienlage analysiert.

Wissenschaft ist ein anhaltender Prozess: Forscher versuchen, auf Basis von Studien zu gesicherten Erkenntnissen zu kommen. Die aktuelle Corona-Krise ist für Wissenschaftlicher deshalb so spannend und herausfordernd, weil Millionen Menschen ihre Arbeit in Echtzeit verfolgen. Dabei ist wichtig zu wissen: Einschätzungen können sich je nach Studienlage auch wieder ändern. Auf dem Prüfen und möglicherweise auch dem Verwerfen von Erkenntnissen basiert wissenschaftlicher Erkenntnisgewinn.

Ab und an lohnt es sich jedoch, in diesem Prozess einmal die Pause-Taste zu drücken und zurückzublicken: Was ist auf Basis der bestehenden Datenlage bekannt? Wo gilt es, noch genauer hinzusehen? Eben das hat die Virologin Muge Cevik jüngst getan. Cevik, die an der britischen University of St. Andrews arbeitet, sichtete die Studienlage zu Infektionsketten von Sars-CoV-2. Im Anschluss berichtete sie darüber auf Twitter - und erhielt viel Zuspruch aus der wissenschaftlichen Community. Ihre Auswertung liefert Anhaltspunkte, in welchen Situationen sich das Coronavirus besonders effektiv zu verbreiten scheint.

Ein besonderes Risiko scheint demnach von Versammlungen auszugehen, in denen Menschen auf engem Raum zusammenkommen, urteilt Cevik. Als Beispiele nennt sie Pflegeeinrichtungen und eine Obdachlosen-Unterkunft in Boston. Von 408 Menschen infizierten sich dort während eines zweitägigen Aufenthalts mehr als ein Drittel aller Bewohner (36 Prozent).

Für diese These sprechen auch die zahlreichen Covid-19-Fälle in deutschen Schlachtbetrieben. Viele Arbeiter wohnen auf engem Raum in Sammelunterkünften.

Verhängnisvolle Feste

Größere Familienfeiern und Feste unter Freunden können ebenfalls Infektionensketten nach sich ziehen, wie ein besonders tragischer Fall aus den USA zeigt. Dort nahm eine infizierte Person mit leichten Symptomen an einer Beerdigung teil. Am Vorabend speiste der enge Familienfreund mit zwei Angehörigen (2 Stunden) und nahm am darauffolgenden Tag an der Trauerfeier teil (3 Stunden). Dort umarmte er mehrere Gäste, um ihnen sein Mitgefühl zum Ausdruck zu bringen.

Durch den engen Kontakten mit den Trauernden, steckte die Person mindestens zwei Menschen an. Dabei handelte es sich um die Personen, mit denen der Infizierte auch am Vorabend gegessen hatte. Sie erkrankten zwei beziehungsweise vier Tage nach der Beerdigung. Einer der beiden starb schließlich an den Folgen von Lungenversagen. 

Bei einer Geburtstagsfeier, die drei Tage nach der Beerdigung stattfand, steckte der Patient weitere Menschen an. Mindestens sieben Personen entwickelten drei beziehungsweise sieben Tage nach der mehrstündigen Feier typische Covid-19-Symptome. Bei drei von ihnen wurde der Erreger auch nachgewiesen. Zwei Personen, die an der Feier teilgenommen hatten und im Anschluss schwer erkrankten, starben. Lediglich zwei von den insgesamt neun Partygästen entwickelten keine Symptome.

Geschlossene Räume

Auch der Aufenthalt in geschlossenen Räumen scheint das Risiko einer Infektion zu erhöhen. Besonders gefährdet sind laut einer chinesischen Studie Familienmitglieder und enge Freunde. Hier liegen die Infektionsraten bei 18 beziehungsweise 22 Prozent - der durchschnittliche Wert dagegen nur bei sechs Prozent. Als größte Risikofaktoren werden in der Studie der Kontakt in Haushalten (13 Prozent), der Kontakt in Transportmitteln (11 Prozent) und das gemeinsame Essen (7 Prozent) aufgeführt.

Enge und länger andauernde Kontakte mit Erkrankten, der Aufenthalt in geschlossenen Räumen und Ansammlungen, in denen die Mindestabstände nicht eingehalten werden, scheinen die Haupttreiber der Infektion zu sein, urteilt Cevik. Kurze und flüchtige Kontakte sind demnach nicht für die Mehrzahl der Infektionsfälle verantwortlich. Eine Übertragung kann im Einzelfall aber nicht ausgeschlossen werden. Abstandsregeln einzuhalten und Kontakte auf ein Minimum zu beschränken, sei deshalb nach wie vor geboten, schreibt Cevik. 

Experten wie der Virologe Christian Drosten empfehlen bereits seit längerem, Kontakte mit Freunde und Familie nach Möglichkeit ins Freie zu verlagern. Auf diese Weise kann beispielsweise verhindert werden, dass sich virenbehaftete Partikel in der Raumluft festsetzen. Welche Rolle diese Aerosole bei der Übertragung von Covid-19 spielen, ist aber noch nicht abschließend geklärt. Ist ein Treffen in Innenräumen nicht zu vermeiden, sollte auf eine gute Lüftung geachtet werden. Fenster sollten nach Möglichkeit geöffnet werden.

Bekannt ist, dass sich das Coronavirus vor allem über eine Tröpfchen-Infektion verbreitet. Virenbehaftetete Tröpfchen entstehen etwa, wenn infizierte Menschen husten, niesen oder sprechen. Atmen umstehende Personen diese winzigen Tropfen ein, können sie sich mit dem Coronavirus infizieren. Da diese nur eine gewisse Strecke in der Luft zurücklegen können und im Anschluss zu Boden sinken, sind Mindestabstände sinnvoll. Auch Mund-Nasen-Bedeckungen senken das Risiko für umstehende Menschen, indem sie feinste Tropfen zurückhalten.

Ceviks Erkenntnisse decken sich weitgehend mit Ergebnissen einer Studie, die kürzlich im Fachblatt "The Lancet Infectious Diseases" erschienen ist. Darin werteten Forscher die Daten von den ersten bekannten Corona-Infektionen Deutschlands aus - der sogenannten "Münchner Kohorte". Die meisten Infektionen entstanden durch unmittelbaren Kontakt mit Infizierten, etwa gemeinsame Meetings oder längere Gespräche. Auch innerhalb einer Familie konnte sich das Virus gut verbreiten. Die Infektionsrate lag in der Studie bei bis zu 75 Prozent. Die Familie war in diesem Fall gemeinsam in einem Krankenhauszimmer isoliert worden.

Mindestens eine Person hatte sich jedoch offenbar nur durch einen flüchtigen Kontakt infiziert: Ein bereits infizierter, aber symptomloser Kollege hatte der Person in der Kantine einen Salzstreuer geliehen. Ein Sonderfall - gleich in doppelter Hinsicht: Die meisten Infektionen scheinen von Infizierten mit klaren Krankheitssymptomen auszugehen, schreibt Cevik. 

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